Vor zwei Jahren feierte Birgit Brenner ihren Geburtstag in einer Kreuzberger Tabledance-Bar. Am einen Ende des Tresens, in Augenhöhe mit den Stilettoabsätzen der Frauen, die sich um Stangen wanden, hockten ihr Galerist, ein paar Künstler und Freunde. Am anderen Ende drängte sich die Stammkundschaft, Männer, meist um die fünfzig, sie steckten den Frauen Geldscheine in BHs und Strings. Zögernd taten es ihnen die Geburtstagsgäste nach, auch die Frauen unter ihnen – mit gemischten Gefühlen. Waren sie Teil eines Laborversuchs?

Birgit Brenner wäre das zuzutrauen. Die großen Installationen, mit denen sie bekannt wurde, befassen sich auf den ersten Blick mit dem spezifischen Verhalten von Männern und Frauen. Sie erforschen den Machtkampf in der Liebe, die Weiblichkeit zwischen Wahn und Rebellion. Birgit Brenner wehrt ab. "Ich mochte einfach den Ort – weil er das Tristeste war, was ich seit Langem gesehen hatte."

Ihr Atelier liegt in einem Gewerbehof in Kreuzberg. Das Quartier um den Südstern herum gehört zu den begehrten Berliner Wohnvierteln. Birgit Brenners Atelier ähnelt an diesem Tag einem leer geräumten Klassenzimmer während der Schulferien. In der Mitte des lang gestreckten Raums stehen zwei Styroporquader, die Maße hat sie parat wie ein Handwerker: "2,50 Meter mal 1,50 Meter mal 1,50 Meter, jeder 50 Kilo schwer." Mit einer elektrischen Säge wird sie die Teile einer Skulptur aus den Blöcken herausschneiden. In kleinerem Format hat sie sich an dem stark elektrostatischen Material schon versucht. Das Ergebnis war ein Pudel, in dessen Rücken ein Pappschild steckte mit der Aufschrift "Grausam ist nur die Gegenwart".

ie weiß, dass abspringende Partikel das Atelier morgen wie Kunstschnee bedecken werden. Es wird die Skulptur einer Frau sein, die eigentlich ein Mann ist. Das Modell, ihr Assistent, war mit Perücke und Badeanzug als alte Frau hergerichtet worden, Bauch und Brust ausgestopft, eine Figur wie "ein Brötchen auf zwei Salzstangen". So hat sie ihn fotografiert. Die Bilder sind Vorlagen für die Skulptur, der zum Schluss Füße, Hände und Kopf abgesägt werden, "mit geradem Schnitt". Danach wird das Ganze lackiert.

In leicht schwäbisch eingefärbtem Stakkato schildert Birgit Brenner die geplanten Arbeitsschritte, als zähle jede Sekunde. Ein Satz noch, und ich schlage zu wird die Installation heißen. Das sind Brenner-Sätze. So karg, zielgenau und nicht ohne Komik hat vor ihr nur Martin Kippenberger Text und Bild ineinander verhakt. Ein Lyrikband von Kippenberger steht auf dem Fenstersims. Während ihres Studiums an der Berliner Universität der Künste hat sie ihn einmal erlebt, "da war er völlig betrunken".

Birgit Brenner hat wenig Sinn für Kunst als Rock ’n’ Roll. "Kunst ist ein Konkurrenzgeschäft." Das sagt sie ihren Studenten an der Kunstakademie in Stuttgart. Wer sich in ein Metier begebe, in dem die "Armutsrate extrem hoch" sei, der müsse schon obsessiv arbeiten.

Aufrecht wie eine Tänzerin sitzt sie auf einem Holzstuhl, eine schmale, schwarz gekleidete Gestalt mit unruhigen braunen Augen in einem schönen Gesicht. Während sie spricht, dreht sie sich Zigaretten. Mit großen Schritten geht sie die Wand gegenüber der Fensterfront ab. Ihre Stiefel klacken auf dem grauen Linoleum.