Was ist das für ein Prachtkerl, der uns da mit seinem massigen Rundschädel, dem breiten Nussknackerkinn und diesem herrlich gesunden, sommerbraunen Teint entgegenblickt! Ein knuffiger Kumpeltyp, mit dem man bestimmt Pferde stehlen kann. Er gibt sich Mühe, streng dreinzublicken, aber aus seinen Mundwinkeln blitzt unverkennbar etwas Verschmitztes. Hat er nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit dem deutschen Fernsehkomiker Markus Maria Profitlich, der jeden Freitagabend in Mensch Markus Grimassen schneidet? Gleicht die markante Stirnpartie mit dem kurz geschnittenen Grauhaar und den Geheimratsecken nicht auffallend der des Wolfsburger Fußballtrainers Felix Magath? Man muss sich nur einmal eine Designerbrille in dieses Gesicht denken und den für Magath typischen roten Schal um den Hals. Oder handelt es sich doch eher um einen anonymen Möbelpacker, der entschlossen ein schweres Klavier taxiert, um es im nächsten Moment mit Bärenkraft durchs Treppenhaus zu wuchten?

Eigentlich darf man sich nicht lustig machen über dieses Gesicht, denn es gehört einem Säulenheiligen der Musik. Es ist die hochoffizielle und weltexklusive Rekonstruktion des Antlitzes von Johann Sebastian Bach! Mit modernster Computertechnologie und dem Fachwissen der forensischen Anthropologie hat es eine schottische Wissenschaftlerin an der Universität Dundee entworfen. Caroline Wilkinson ist eine internationale Kapazität auf ihrem Gebiet. Opfer des Balkankrieg konnten an ihrem Institut aufgrund von Schädelfunden identifiziert werden, auch dem Pharao Ramses II. hat sie ein Gesicht gegeben. Miss Wilkinson kann von der Schädelausprägung auf die Kopfgestalt schließen, leitet die Form der Nasenspitze von der Stellung der Nasenwurzelknochen ab, erkennt in den Reliefstrukturen der Knochen Muskelaufbau und Muskelstärke eines Gesichts. Wochenlang hat sie eine Kopie von Bachs Totenschädel vermessen und analysiert. Und nun dreht sich auf ihrem Computerbildschirm dieser merkwürdig hartgummiartige Kunstkopf, bei dem die Kinnlade so weit vorgeschoben ist, dass man schon beim Hinsehen den sächsischen Dialekt im Ohr hat, der bei einer solchen Kieferstellung besonders leicht über die Lippen geht. Bachs Unterbiss ist wissenschaftlich verbürgt. Aber ob die Bach-Gemeinde mit diesem Antlitz glücklich wird?

Es gibt ja sonst nicht viel. Anders als Mozart und Beethoven bleibt Johann Sebastian Bach als Mensch hinter seinem Werk verborgen. Nur in der Musik ist er lebendig, von seiner äußeren Erscheinung konnte man sich kaum je ein realistisches Bild machen. Farbige Lebensschilderungen, Anekdoten, Selbstauskünfte sind spärlich überliefert. Und nur einmal hat Bach Modell für ein Gemälde gesessen. Der Leipziger Ratsmaler Elias Gottlob Haußmann hat es 1746 angefertigt. Es prangt bis heute auf jedem Bach-Buchcover, weil es das einzige nachweislich authentische Porträt des Komponisten ist.

Berühmt ist außerdem die Büste von Carl Seffner. 44 Jahre nach Bachs Tod hatten Verehrer nach der Grabstätte des Thomaskantors auf dem Leipziger Johannisfriedhof gesucht, wo er »sechs Schritte vor der Südpforte der Kirche« ohne Stein beigesetzt worden war. Man buddelte einen mächtigen Schädel mit ausgeprägtem Unterkiefer aus, in dem der Leipziger Anatomieprofessor Wilhelm His nach einem Vergleich mit dem Haußmann-Porträt Bach zu erkennen glaubte. His ließ Kopien des Schädels herstellen, und Seffner modellierte eine Büste, nach deren Vorbild auch das bronzene Bach-Denkmal vor der Thomaskirche gegossen wurde. Haußmanns Porträt und Seffners Büste dominieren bis heute die Vorstellungen davon, wie Bach einst ausgesehen hat.

Das soll sich nun freilich ändern. In Eisenach, dem Geburtsort des Komponisten, ist nämlich der Ehrgeiz erwacht, der Deutungshoheit der übermächtigen Bach-Stadt Leipzig etwas entgegenzusetzen. Vor einem Jahr haben die Eisenacher ihr renoviertes Bachhaus wiedereröffnet, und jetzt wollen sie auch mal ein großes Rad drehen, einen echten Hingucker präsentieren – Bachs Kopf, so original und originell, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Schicht für Schicht zum Bach: Klicken Sie auf das Bild , um den Ausschnitt zu vergrößern BILD

Miss Wilkinson kennt allerdings die Beschränkungen ihrer Tätigkeit. Nur bis zur Ausarbeitung der Muskelpartien sind ihre Rekonstruktionen wissenschaftlich gedeckt. Dann beginnt es vage zu werden, denn wie dick die Fettschicht eines Menschen ist, die entscheidend zur Gestalt eines Gesichtes beiträgt, kann man mit Hilfe von Schädelanalysen nicht feststellen. Wilkinson musste bei Bach auf die Durchschnittswerte vergleichbarer Männer von heute zurückgreifen. Welche Spuren darüberhinaus das gelebte Leben in einem Gesicht hinterlassen hat, vermag sie sowieso nicht zu bestimmen. Haut- und Augenfarbe, Brauen, Falten oder dunkle Ringe um die Augen fügt dem Rohmodell in Dundee eine Kunsthistorikerin hinzu. Und woran orientiert sie sich bei ihrer finalen Gesichtsausmalung des »wahren« Bach? Am einzigen authentischen Abbild, dem Haußmann-Porträt. Womit sich die Katze in den Schwanz beißt, denn gerade mit diesem Haußmann-Bach will ja die Eisenacher Computer-Rekonstruktion konkurrieren.

Die wirklich spannenden Fragen bleiben also unbeantwortet: Wie viel Säuferrot leuchtete eigentlich auf Nase und Wangen des Komponisten, der umfangreiche Branntweinlieferungen aus Süddeutschland empfing? Wie tief hatte sich die Zornesfalte bei einem Mann in die Stirn eingekerbt, der – »jetzo vergeht mir die Geduld« – heftig aus der Haut fahren konnte? Hing das linke Auge nicht viel tiefer als das rechte? Waren die Tränensäcke am Ende eines harten Arbeitslebens nicht geschwollener? Sah man dem Gesicht die aus heutiger Sicht wahrscheinliche Altersdiabetes an? Und können die Augen je so wach gefunkelt haben, wo Bach sich doch im Todesjahr zwei qualvollen und ruinösen Augenoperationen unterziehen musste? Nein, einen so vom Leben gezeichneten Johann Sebastian wollten die Eisenacher Auftraggeber sich dann doch nicht ins Museum stellen. Nun sieht er jünger aus und kerngesund, und die muffige Perücke ist auch weg. Bach privat – das kommt ja auch viel sympathischer rüber.