Wenige Lehrer, viele Schüler

Im Schuljahr 2006/07 unterrichteten rund 792.000 hauptberufliche Lehrkräfte in Deutschland, gut 40 Prozent in Teilzeit. Weil im Osten die Schüler- noch stärker als die Lehrerzahlen abgenommen haben, fällt dort die Relation meist günstiger aus: In Thüringen etwa kommen im Sekundarbereich auf einen Lehrer nur 12 Schüler. Durchschnittlich allerdings werden im Primar- 19 und im Sekundarbereich 16 Schüler von einem Lehrer betreut. Damit liegt Deutschland schlechter als der OECD-Durchschnitt von 17 beziehungsweise 14.

Hohes Alter, hoher Frauenanteil

Deutschlands Lehrer werden immer älter. Im Schuljahr 2006/07 lag das Durchschnittsalter bei etwas über 48 Jahren und damit um zwei Jahre höher als noch Mitte der neunziger Jahre. Mehr als die Hälfte ist 50 Jahre und älter – im OECD-Vergleich gilt das nicht einmal für ein Drittel. Das ist vor allem auf die vielen Einstellungen Ende der sechziger und während der siebziger Jahre zurückzuführen. Für den Lernerfolg spielt das Alter aber laut Experten keine Rolle. Andreas Gold, Professor für Pädagogische Psychologie, sagt, dass ältere Lehrer wegen größerer Expertise sogar Vorteile haben können. Zu den Auswirkungen des Geschlechter-Ungleichgewichts im Lehrerzimmer – 65 Prozent sind Frauen – gibt es unterschiedliche Meinungen. Dass in der Grundschule 84 Prozent Frauen unterrichten, habe auf männliche Schüler eine verheerende sozialisatorische Wirkung, sagt etwa Bildungsforscher Udo Rauin. Auch dass in der Sekundarstufe II das Verhältnis ausgeglichen sei, könne dies nicht mehr wettmachen, weil dann viele Bildungsverlierer bereits aus der Schule seien. Gold hingegen hält dies – abgesehen von Einflüssen auf die Berufswahl der Jungen – für unproblematisch.

Lange Arbeitstage

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Lehrern liegt bei 42 bis 46 Stunden – die langen Ferien eingerechnet. Außerhalb der Ferien haben Lehrer nach eigenen Angaben eine 50-Stunden-Woche: Sie verbringen rund 30 Stunden mit Unterricht und Konferenzen in der Schule, weitere 15 mit Korrekturen, Vor- und Nachbereitung zu Hause und knapp vier mit Veranstaltungen und Fortbildungen. Allerdings gibt es je nach Schulart, Fächerkombination und persönlichem Einsatz große Unterschiede. Im Hamburger Lehrerarbeitszeitmodell zum Beispiel werden einem Deutschlehrer in der 8. Klasse Gymnasium 102 Minuten pro Stunde auf seinem Zeitkonto gutgeschrieben, einem Sportlehrer aber nur 75 Minuten. Eine Erhebung der Unternehmensberatung Mummert und Partner kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Arbeitszeit von Gymnasiallehrern sich in einer Spanne von 930 bis 3652 Stunden pro Schuljahr bewegt.

Berufskrankheit Burn-out

Der Lautstärke-Spitzenwert im Klassenzimmer beträgt bis zu 86 Dezibel – das entspricht in etwa dem Lärm einer stark befahrenen Hauptstraße. Im Saarland fallen wegen Stimmproblemen der Lehrer schätzungsweise 11.000 Unterrichtsstunden pro Jahr aus. Gut 30 Prozent der Lehrer zeigen Burn-out-Symptome, weitere 30 Prozent fühlen sich überfordert. Gefährdet sind besonders die wenig Motivierten und gerade nicht die Engagierten. Forscher stellen die These auf, dass viele, die sich ausgebrannt fühlen, vermutlich nie für ihren Beruf "gebrannt" haben. Die hohe Belastung führt auch dazu, dass viele Lehrer nicht bis zum regulären Pensionsalter arbeiten – wobei hier ein positiver Trend festzustellen ist. Mittlerweile halten 35 Prozent bis zum Ende durch – 2000 waren es nur sechs Prozent. Allerdings liegt das auch an den inzwischen eingeführten Pensionskürzungen für Lehrer, die wegen Dienstunfähigkeit ausscheiden. Während es 2000 64 Prozent waren, ist es heute noch knapp ein Drittel, das sich deshalb pensionieren lässt.

Beruf für Aufsteiger

"Traditionell ist der Lehrerberuf ein typischer Aufsteigerberuf – insbesondere für Frauen", sagt Andreas Gold. Nur jeder vierte bis fünfte Lehrer, aber etwa die Hälfte der Ärzte und Juristen hat einen Vater aus der oberen Dienstklasse, die die höheren Ränge der akademischen Berufe, der Verwaltungs- und Managementberufe umfasst. Ein Viertel aller Lehrer stammt aus dem Arbeitermilieu. Und sie engagieren sich stark gesellschaftlich: 64 Prozent sind Mitglied in einer Vereinigung aus den Bereichen Sport, Politik oder Kirche, fast 18 Prozent sogar in mehr als zwei.

Verlegenheitsstudium Lehramt

Es sind nicht gerade die Leistungsstärksten eines Abiturjahrgangs, die sich für ein Lehramtsstudium entscheiden: Durchschnittlich sind ihre schulischen Leistungen niedriger als die von Kommilitonen, die in den gleichen Fächern einen Magister- oder Diplomabschluss anstreben. Andreas Gold beobachtet "ein Gefälle des intellektuellen Leistungspotenzials": Die Entscheidung für ein Lehramtsstudium sei nicht selten eine Negativauswahl, weil sich die Bewerber ein Fachstudium nicht zutrauten. Für 25 Prozent aller Studienanfänger ist das Lehramtsstudium nur eine Notlösung. Und bei mehr als 50 Prozent rangieren pragmatische Motive wie ein überschaubares Studium und ein sicherer, familienfreundlicher Job weit oben. Deswegen plädieren Experten dafür, das Studium anspruchsvoller zu gestalten, um die Besten damit zu locken. Initiativen wie Teach First Germany, das die Leistungsstärksten eines Jahrgangs für den Lehrerberuf gewinnen will, oder das Programm "Lehrer als Beruf" der Studienstiftung des deutschen Volkes, das sich unter ihren Stipendiaten besonders um die Lehramtsstudenten kümmert, versuchen genau das. Problematisch ist auch, dass der Anteil an Migranten bei nur 0,85 Prozent liegt. Ein neues Stipendienprogramm der Hertie-Stiftung will daher verstärkt Migranten in den Lehrerberuf holen und sie besonders fördern.

Zu viele Geisteswissenschaftler

Nachdem die Zahl der Lehramtsstudenten von 1996 bis 2000 stark zurückgegangen war, ist das Interesse seitdem wieder gestiegen. Im Wintersemester 2006/07 waren rund 208.800 Studenten in einem Lehramtsstudiengang eingeschrieben – gut zehn Prozent aller Studierenden. In der Beliebtheitsskala stehen die Sprach- und Kulturwissenschaften an erster Stelle: Rund 60 Prozent belegten ihr erstes Studienfach in dieser Fächergruppe. Nur 22 Prozent wählten hingegen ein Hauptfach im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften. Abgeschlagen steht an dritter Stelle der Fachbereich Sport mit rund sechs Prozent der Lehramtsstudenten.

Gute Jobchancen für Naturwissenschaftler

Der Klage über Lehrermangel darf man nicht pauschal Glauben schenken. Erstens werden wohl wegen der knappen Länderhaushalte und sinkender Schülerzahlen nicht alle frei werdenden Lehrerstellen auch wieder besetzt werden, außerdem erhöht sich die Arbeitszeit der bereits Beschäftigten, und die Pensionierung wird hinausgeschoben. Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat bei einer Personalversorgung wie derzeit üblich einen Lehrerbedarf von etwa 22.000 jährlich bis 2015 errechnet, was etwa der Zahl der Einstellungen 2007 entspricht. Entscheidend ist letztendlich, für welche Schulart und welche Fächer man sich entscheidet: Gymnasial- und Grundschullehrer sind weniger gefragt als Berufsschul-, Hauptschul- und Realschullehrer. Während der Bedarf an Deutsch- und Geschichtslehrern gedeckt ist, werden Lehrer für Naturwissenschaften (außer Biologie), Informatik und teils auch für Englisch und Kunst händeringend gesucht.