Lehrer »Das Problem ist der Beruf, nicht das Studium«
Wächst an den Unis eine neue Generation von Lehrern heran? Der Bildungswissenschaftler Ewald Terhart zieht eine Reformbilanz
DIE ZEIT: Herr Professor Terhart, seit zehn Jahren wird über die Lehrerausbildung diskutiert – sie soll kürzer, bundesweit einheitlicher und praktischer werden. Was ist daraus geworden?
Ewald Terhart: An vielen Universitäten wurde das Lehramtsstudium modularisiert, auf Bachelor und Master umgestellt. Man spricht über mehr Praxis innerhalb des Studiums und eine Reform des Referendariats. Die Universitäten haben erkannt, dass sie einen wichtigen Anteil an der Lehrerausbildung tragen und dass sie darauf mehr Aufmerksamkeit richten müssen. Fast überall sind Zentren für Lehrerbildung entstanden, die die Belange der Lehramtsstudenten organisatorisch und hochschulpolitisch vertreten. Zum Sorgenkind der universitären Lehrerbildung gehören aber weiterhin die Fachdidaktiken. Wir brauchen eine forschende Fachdidaktik für jede wissenschaftliche Disziplin, in der Lehrer ausgebildet werden.
ZEIT: Ist die Universität der richtige Ort für die Lehrerausbildung?
Terhart: Mit Sicherheit. Wir brauchen eine wissenschaftliche Ausbildung für diesen anspruchsvollen Beruf. Das starke Gewicht der Fachdisziplinen ist ein großes Plus der deutschen Lehrerausbildung. Neueste Untersuchungen zum Mathematikunterricht haben gezeigt, dass hohe fachliche Kompetenzen verknüpft mit guter Fachdidaktik Lehrer heranbilden, deren Schüler mehr lernen.
ZEIT: Bisher bestand das Problem der Ausbildung vor allem darin, dass die Studenten jahrelang keinen leibhaftigen Schüler vor sich hatten. Und dann kam der Praxisschock.
Terhart: Es ist eine Illusion, einen auf alles vorbereiteten, berufsfertigen Lehrer heranbilden zu wollen. Es geht vielmehr darum, den möglichst gut vorbereiteten Berufsanfänger durch die Ausbildung zu gewinnen. Gerade in den ersten Berufsjahren, die so entscheidend sind für die Kompetenz des Lehrers, muss sich der Lehrer weiterbilden und braucht dafür Unterstützung. So finde ich es sehr wichtig, dass jetzt in einigen Bundesländern Berufseingangsphasen für die Zeit nach dem Referendariat erprobt werden.
ZEIT: Aber was lässt sich innerhalb des Studiums gegen die Praxisferne tun?
Terhart: Seit einigen Jahren gibt es einheitliche Standards für die Bildungswissenschaften. Sie sind jetzt stärker an der späteren Berufsfähigkeit ausgerichtet, an den zentralen Aufgaben des Lehrers, dem Unterrichten, Erziehen, Beurteilen, Beraten, dem Sich-Selbst-Weiterbilden, dem Entwickeln der eigenen Schule. Außerdem sind die Praxisanteile im Studium erhöht worden. Trotzdem bleibe ich dabei, dass auch ein Lehramtsstudium eine gewisse Distanz zum späteren Berufsfeld wahren sollte.
ZEIT: Wenn jemand aber nach fünf, sechs Jahren Studium vor der Klasse steht und merkt, das ist nichts für mich, ist es eigentlich zu spät.
Terhart: Deshalb ist es wichtig, dass es gewisse Selbsterprobungsmöglichkeiten im Studium gibt. Aber die Erfahrung zeigt, dass selbst die Studenten, die im Praktikum Schwierigkeiten haben, einfach weiterstudieren in der Hoffnung, dass es später schon irgendwie gehen wird. Studien zeigen, dass der Lehrerberuf zu einem höheren Anteil Studenten anzieht, die später zur sogenannten Risikogruppe gehören, Menschen, die von Burn-out bedroht sind.
ZEIT: Könnte ein reformiertes Lehramtsstudium andere Studenten ansprechen?
Terhart: Ich glaube nicht. Das Problem ist eher die besondere Struktur des Berufes. Der Lehrerberuf verläuft in großen Teilen, vor allem in der Grund- und Hauptschule, ohne Karriere; man kann kaum aufsteigen, und es gibt keine Verknüpfung zwischen der Leistungsfähigkeit eines Lehrers und seinem Verdienst. Auch die hohe Sicherheit des Berufes mag dazu führen, dass manche Leute eher aus Verlegenheit oder Bequemlichkeit Lehrer werden.
ZEIT: In NRW möchte man in Zukunft Lehrer sämtlicher Schulformen gleich lang studieren lassen. Auch die Besoldung soll sich ändern. Solche Alleingänge erleichtern die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen und die Mobilität der Studenten nicht.
Terhart: Da muss man Ausgleichsmodelle und Übergangsregelungen entwickeln. Natürlich darf eine hochspezifische landeseigene Lehrerbildung die Studenten nicht zur Geisel nehmen. Man kann ruhig unterschiedliche Modelle haben, aber man muss zugleich großzügig sein bei der wechselseitigen Anerkennung, sonst führt das zu Provinzialismus, und das spräche gegen die Lebensentwürfe junger Menschen.
ZEIT: Was versprechen Sie sich von der Umstellung auf Bachelor und Master?
Terhart: Ich sehe manche Vorteile, aber auch sehr viele Probleme. So wird zum Beispiel die Zeit, in der man die Fachstudien betreibt, abgekoppelt von der Zeit für bildungswissenschaftliche Studien – die erfolgen jetzt größtenteils erst in der Masterausbildung. Dabei hat die Lehrerbildung immer den engen Zusammenhang zwischen beiden Elementen betont. Andererseits kann es ein Vorteil sein, wenn sich in den letzten vier Semestern diejenigen, die sich konsequent für den Beruf entschieden haben, mit den wirklich berufsrelevanten Dingen beschäftigen.
ZEIT: Können Eltern eigentlich sicher sein, dass nur die fähigen Lehrer an die Schulen kommen?
Terhart: Der Staat muss darüber wachen, dass unfähiges Personal gar nicht erst in den Schuldienst kommt. Denn Familien und Kinder können der Schule nicht ausweichen; deshalb gibt es die Pflicht für Unis, Studienseminare und Prüfungsämter, diesen Studierenden den Zugang zur Schule zu verwehren. Das Referendariat bietet die letzte Möglichkeit, ungeeignete Kandidaten zu erkennen.
Interview: Jeannette Otto
Ewald Terhart, 55, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Münster
- Datum 02.03.2008 - 05:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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Es ist nicht vorstellbar, dass Medizinstudenten von Dozenten ausgebildet werden, die vor Jahren das letzte mal einen Patienten gesehen haben.In der Lehrerausbildung ist das die Regel. Fachdidaktiker unterrichten nicht. Während einige gute Arbeit machen, gibt es viel zu viele Didaktiker die sehr offensichtlich vor den Schülern in den geschützten Raum der reinen Theorie geflüchtet sind.Nur wer am Montag vor der Klasse steht kann am Dienstag an der Uni den zukünftigen Studenten auch wirklich etwas mitgeben. Das Zusammenspiel von Theoretikern und Experimentatoren ist in der Physik sehr erfolgreich. In der Pädagogik haben die reinen Büchergelehrten aber nicht viel zustandegebracht was uns Lehrern wirklich weiterhelfen würde.Alle anderen Reformen werden nicht viel bewirken.
1.These:Lehrer müssen 6 Monate Praktikum an einer Schule machen, bevor sie sich zum Studium anmelden können. Ich bilde seit ca 30 Jahren Referendare aus. Lehrerstudenten müssen persönlichkeits-gebundene Merkmale (Freunde an Kindern/Vermittlung, Durchsetzungsfähigkeit) mitbringen,die nicht an der Uni erworben werden können.Dieser Test kann ihnen nur ein Praktikum vor der Schule vermitteln.2.These: Lehrerstudenten muüssen vor ihrem Studium die Möglichkeit haben, sich zu disqualifizieren. Nach dem 1.Sem. korrigiert niemend seine Berufsentscheidung.3.These:Über Erfolg/Mißerfolg als Lehrer entscheidet die Fachkompetenz zu allerletzt. Hier sind ganz andere Variablen relevant.(siehe These 2) An fehlender Fachkompetenz ist noch nie ein Referendar gescheitert.4.These: Solangedas große Latinum wichtiger ist als Lerntheorien ode-psychologie in der Lehrerausbildung werden weiterhin Referendare produziert die für Generatione von Schülern ein Katastrophe sind.5.These :Der eigenverantwortliche Unterricht in den Schulen läßt keine Ausbildung vor Ort mehr zu Dies kann nur in einem dualen System von universitärer und schulischer.Bildung geschehen.
Da drehen sich einem die Zehennägel auf: Die ganze Leistung der Lehrerausbildung, die unbedingt universitär sein muss, besteht also darin, dass man die üblichen Sandkasten-Bildungsspiele auf die neueste Mode hinfrisiert und am Ende mit "Prüfungsschablonen" eine gewisse Anzahl von Kandidaten aussortiert, um damit "Qualitätssicherung" vorzutäuschen? Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen - das darf ja doch wohl nicht wahr sein!
In Deutschland geboren, entwickelt der Mensch sein deutsches Sprachtalent; in Italien geboren würde er genauso gut Italienisch oder, in China geboren, Chinesisch lernen. Alle Mütter dieser Welt schaffen es, alle ihre Kinder die Muttersprache zu lehren und keine Mutter ist weltweit bis heute bekannt, die ihr Kind aussortiert hätte mit der Begründung, es sei nicht geeignet für die sprachliche Kommunikation mit seinen Mitmenschen. In der neuen Ich-kann-Schule akzeptiere ich jede dieser Mütter als LEHRERIN aber keinen der Professoren, die nur Unterricht halten und aussortieren. Ich würde allerdings nie die Hoffnung aufgeben, ihnen zeigen zu können, wie´s geht. Mit herzlichen Grüßen
Franz Josef Neffe, Deutsches Coué-Institut
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