Lehrerporträt Die Einsteigerin
Dorothée Gommen hat die ersten vier Monate als Lehrerin hinter sich, aber das Lernen fängt für sie jetzt erst an
Judith kann es nicht fassen: »Ich hatte Spaß in Mathe und jetzt auch noch in Deutsch, unglaublich!« Zufrieden schlendert sie aus dem Klassenzimmer. Dorothée Gommen räumt lächelnd ihr Pult auf. Goethes Faust hat ihre Zwölftklässler doch mehr bewegt, als sie dachte. Fast eineinhalb Stunden diskutierten die Schüler über Faust, Gretchen und Mephisto. Sie redeten über die Macht Gottes, über Gut und Böse und darüber, was man aus dem Faust auf das heutige Leben übertragen kann. Die Lehrerin ist in ihrem Unterrichtsplan nicht mal bis zur Hälfte aller Punkte gekommen, die Dramentheorie konnte sie nur noch anreißen. Aber darauf kommt es nicht an. »Ich bereite jede Stunde so vor, dass ich noch einmal 90 Minuten füllen könnte«, sagt Dorothée Gommen, die seit vier Monaten an der Heinrich-Hertz-Gesamtschule, mit 1600 Schülern Hamburgs größte allgemeinbildende Schule, den Berufseinstieg probt.
Für Gommen war die Faust- Stunde ein Erfolg, weil fast alle Schüler geredet, überlegt und diskutiert haben. »Wenn ich mich als Lehrerin fast überflüssig gemacht habe, dann läuft es gut.« Diesen Standpunkt hat sie sich hart erarbeitet. »Als ich als Referendarin zum ersten Mal vor einer Klasse stand, sah ich mich ganz klar als Wissensvermittlerin«, erinnert sie sich. Sie hatte Feuer gefangen für ihre Fächer Deutsch und Englisch, hatte lange Jahre an der Universität verbracht, über »Polaritätsstrukturen« im Werk Hermann Hesses promoviert und stand nun endlich vor wahrhaftigen Schülern, um ihnen zu zeigen, welche Unmengen an Wissen in ihr schlummerten. Es fiel ihr nicht leicht, sich als promovierte Germanistin noch einmal in eine Ausbildungssituation zu begeben, die sich wie »achtzehn Monate Assessment-Center« anfühlte. Wären da nicht die beiden Mentoren gewesen, die zu den »zentralen Personen« ihrer Ausbildung wurden. »Mein Englisch-Mentor war sogar jünger als ich. Den habe ich mir bewusst ausgesucht, weil ich dachte, der muss doch wissen, worauf es ankommt.«
Und worauf kommt es an, wenn eine heute Lehrerin wird? »Man muss sich bewusst sein, dass man mit seiner ganzen Persönlichkeit vor der Klasse steht, dass es aber auch eine Rolle ist, die man einnimmt und die man wieder ablegen kann«, sagt Dorothée Gommen. Sie hat inzwischen gelernt, dass es eben doch nicht alles ist, viel zu wissen, sondern dass es oft effektiver ist, die Schüler selbst denken und arbeiten zu lassen. Was für sie als Lehrerin heißt, sich zurückzunehmen, kein Mittelpunkt sein zu wollen. So steht sie in der Faust- Stunde am Mittwochvormittag nicht dozierend an der Tafel, sie wechselt die Standorte, von vorn nach hinten, zur Seite. Manchmal müssen sich ihre Schüler die Hälse verrenken, um die Lehrerin zu sehen. Ab und zu rezitiert sie ein paar Stellen aus Fausts erstem Teil und erntet Bewunderung: »Können Sie das alles auswendig, Frau Gommen?«
»Viel Wissen schadet überhaupt nicht«, sagt sie später dann doch noch einmal mit Nachdruck und plädiert für ein gutes wissenschaftliches Studium, gerade für Lehrer. Nach vier Monaten als Studienrätin an der Gesamtschule hat sie sich schon den Ruf einer Lehrerin erarbeitet, bei der man etwas tun muss und die Stunden nicht nur absitzen kann.
Dass sie es nie allen recht machen kann, ist auch eine Erfahrung dieser paar Monate. »Das Lernen hat eigentlich jetzt erst angefangen«, sagt sie und wundert sich über all die Fragen, die plötzlich ungelöst vor ihr stehen. Was zum Beispiel tut man, wenn sich Schüler ungerecht benotet fühlen? Gibt man nach, knickt man ein? »Ich diskutiere nicht, es muss klar sein, dass ich die Bewertende bin.« Was aber tut sie wiederum, wenn später in der Lehrerkonferenz gefragt wird, weshalb ihr Notendurchschnitt über dem der anderen Klassen liegt. »Ich bewerte im Zweifelsfall eher besser, weil es mir lieber ist, ein Potenzial zu überschätzen als eins zu verkennen – das fände ich ganz fatal.« So argumentiert sie dann vor Schulleitung und Kollegen.
Es gibt Berufseinsteiger, bei denen Rechtfertigungssituationen wie diese schon zu Überforderung führen können, denen die Lust am Lehrersein schnell vergeht, wenn sie sich plötzlich wie Marionetten der Schulgesetze, Lehrpläne und Schulleitung fühlen. Unter Bildungsforschern ist man sich inzwischen einig, dass der Berufseinstieg die entscheidende Phase in der beruflichen Sozialisation und Kompetenzentwicklung von Lehrern ist. Hamburg bietet als eines der ersten Bundesländer gezielte Fortbildungen für Berufseinsteiger an. Ein Schuljahr lang trifft sich Dorothée Gommen mit anderen jungen Lehrern und Lehrerinnen in einer »Austauschgruppe«, um Sorgen, Nöte und Ängste zu teilen. Es geht um den ganz normalen Alltag in der Schule, aber auch um handfeste Konflikte mit Schulleitung, Eltern und Schülern. Beim letzten Treffen hat Dorothée Gommen eine »kollegiale Fallberatung« zum Thema Unterrichtsfeedback eingefordert. Sie hatte von ihren Schülern eine regelrechte Flut an Rückmeldungen zu ihrem Deutschunterricht bekommen und wusste nicht, wie sie darauf eingehen sollte. Die teils widersprüchlichen Aussagen machten sie etwas ratlos. Ohne die Überlegungen ihrer Austauschgruppe wäre sie aus Unsicherheit wohl kommentarlos darüber hinweggegangen, aber so wurde es ihr möglich, mit ihrer Klasse konstruktiv über die Rückmeldungen zu reden.
Die Angst vor Überforderung, vor einem möglichen Burnout – das ist auch schon das Gespenst der jungen Lehrer. »Es ist seltsam«, sagt Dorothée Gommen, »es gibt fast keinen in meiner Austauschgruppe, der eine volle Stelle hat, auch wenn die Gründe dafür vielfältiger sind.« Aber es gibt nicht wenige Berufseinsteiger, die ihre Stunden oft schon in einer Art vorauseilendem Gehorsam reduzieren, aus Sorge, den Umfang der Arbeit nicht bewältigen zu können. Dorothée Gommen wird zum nächsten Schuljahr eine ganze Stelle annehmen, denn sie hat viel vor. Ein Begabtenförderungsprojekt möchte sie an ihrer Schule anschieben und Qigong unterrichten. Sie möchte die Schule mitgestalten und nicht nur Dienst nach Vorschrift tun. Glücklicherweise sind die Zeiten der Hospitationen vorbei, in denen sie ihre Stunde nach minutiösen Unterrichtsentwürfen zu gestalten hatte. Inzwischen handelt sie mit Vergnügen auch mal »lehrplanwidrig«. Den Faust zum Beispiel, den hat sie einfach so in ihren Unterricht eingebaut. Für Gommen ein Unding, dass das Werk im Lehrplan der Oberstufe fehlt. »Ohne Faust macht bei mir keiner Abitur.«
- Datum 29.02.2008 - 02:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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Es ist schon ironisch, daß Frau Gommen mit dieser prima Deutschstunde in der Lehtprobe glatt durchgefallen wäre. Unterrichtsziel nicht erreicht? Au weia.Ich teile ihre Ansicht, daß Lehrer auch eine wissenschaftlichen Ausbildung brauchen, schließlich ist es gerade ihr wissenschaftlicher Hintergrund, der Frau Gommen die Sicherheit gibt, nicht einfach vom FAUST abzurücken, nur weil es der Lehrplan so vorsieht. Allerdings habe ich in meinem Studium viele gesehen, die an den wissenschaftlichen Ansprüchen ihrer Fächer fast verzweifelt sind, mit einer 3 oder 3-4 als "Versager" aus der mündlichen Staatsexamensprüfung verabschiedet wurden, um dann richtig gute, patente und souveräne Lehrer zu werden. Und dann frage ich mich schon manchmal, wie viele gute Leute in diesem System unterwegs einfach verloren gehen.
Der Artikel beschreibt sehr unaufgeregt und authentisch viele Aspekte der Berufswelt von Junglehrern. Ich kann Frau Gommen nur beipflichten, eine solide wissenschaftliche Ausbildung ist sehr nützlich, reicht aber natürlich nicht aus.@CarlaColumna: Ja, das Phänomen - an der UNI im Staatsexamen runtergeputzt werden und dennoch hervoragende Lehrer werden - gibt es zuhauf. Das gilt aber auch für das 2. Staatsexamen. Werden hingegen "Kuschelnoten" verteilt, dann fallen die Wissenschaftsmedien auch über die unkrtischen Prüfer her... Leider verschärft sich zumindest an unserer "Elite"-Uni die Problemtik. Es wurde schon ein ganzer MatheGym-Jahrgang von 65 auf 10 Studenten dezimiert. Früher gab es auch Klausuren und die vielen oft auch schlecht aus, aber bestanden, auch mit mündlicher Nachprüfung, ist bestanden und nach 5 Semestern war man fit für die Zwischenprüfung. Im Mat-Nat Bereich war üblich für die Scheine hart zu prüfen, aber
am Ende allen die durchkommen gute Noten zuteil werden zu lassen. Mit
dem erzwungenen BaMa Prüfungswahnsinn ist das etablierte System aber völlig
inkompatibel. Die Abbrecherquote war früher vielleicht bei 30%, aber nicht bei 80%. Der vom HIS diagnostierte Trend des Erhöhung der Abbrecherquote durch den Bachelor wird bei uns voll bestätigt. Der Grund ist, dass jede Prüfung für die Gesamtnote im Bachelor zählt und nach den ersten Demütigungen viele sofort das Handtuch schmeißen, da man ja die 2.5 für den Master in Erziehung braucht. Diese Rauswurfdrohung nach 6 Semstern macht normal begabte Studenten kaputt. Eine schwierige Klausur in einem Fach reicht jetzt zur Exkution der Hochschulexistenz vieler Studenten. Das ist die BaMa Realität im MatNat- und Ing-Bereich an vielen Unis. Völlig absehbar, wenn man an die typischen Hochschulehrer in diesem Disziplinen denkt. Die "Disziplinierung" und die "Erziehung" der Geisteswissenschaftler zu Struktur und Planung im Bachelor durch die Ministerialbürokratie hat im MatNat Bereich das schon im Diplom vorhandene, teilweise autistische Prüfungswesen völlig zum Folterinstrument pervertiert.
Ich meinte gar nicht mal allein die Benotung, die ja jetzt durch den Bachelor unglaublich (und auf gefährliche Weise) aufgewertet wird, sondern die Wissenschaftlichkeit des Studiums insgesamt. Nicht jeder "schlechte" Wissenschaftler ist ein schlechter Lehrer: gerade die im Alleinkampf erstellten geisteswissenschaftlichen Hausarbeiten, von denen in vielen Fächern bisher die Scheinnote abhing, sagen wenig über die Eignung für den Lehrerberuf aus.Traurig ist, daß jetzt wohl die Dozenten, die kuschlig bewerten und wenig verlangen, wieder stärkeren Zulauf erhalten werden, als die, bei denen man ganz schön was tun muss, um einen Schein zu bekommen (dann am Ende aber auch wirklich was gelernt hat).
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