Es sieht so aus, als habe sich Ulrich Kreutzahler versehentlich in diesen Klassenraum verirrt. Mit seinen zurückgekämmten, leicht gegelten Haaren, dem schwarzen Anzug und der rosa-schwarz-weiß gestreiften Krawatte passt dieser Mann eher ins Vorzimmer des niedersächsischen Kultusministers als zu den mit Farben, Wasser und Pinseln herumwuselnden Zweitklässlern. Doch die stören sich nicht daran, denn Ulrich Kreutzahler ist ja auch nicht irgendwer, er ist ihr Schulleiter. »Es soll ruhig deutlich werden, wer ich bin«, sagt Kreutzahler. Ästhetik an der Schule sei sowieso ein Thema für sich: Während die Schulen aussähen wie Kasernen, könne man die Lehrer oft kaum vom Putzpersonal unterscheiden. Deshalb macht Kreutzahler seinen Kollegen durchaus mal Komplimente, wenn sie besonders schick aussehen, in den anderen Fällen schweigt er lieber.

Seit 20 Jahren ist Ulrich Kreutzahler Leiter der Grundschule Niedernwöhren, einer kleinen Dorfschule mit 170 Schülern, 50 Kilometer westlich von Hannover. Im August vergangenen Jahres wurden alle allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen zu eigenverantwortlichen Schulen. Das neue Modell stärkt die Macht der Schulleiter; sie sind nun die direkten Dienstvorgesetzten des gesamten Personals, sie entscheiden über Stundenpläne, Unterrichtsmethoden oder Schulprofilierungen. Wenn Ulrich Kreutzahler in fremder Runde gefragt wird: Und was machen Sie?, dann sagt er jetzt gerne mal: »Ich manage ein kleines innovatives Unternehmen.« In so manchem Seminar für schulische Führungskräfte hat er in den vergangenen Jahren gesessen. Sein Vokabular hat sich gewaltig geändert seitdem. Es gehe um Empowerment, Ownership und um Management by Walking, sagt Kreutzahler. Und er redet nicht nur darüber, er tut es. Jeden Morgen durchläuft er schnellen Schrittes die acht Klassen seiner Schule, begrüßt jeden Lehrer mit Handschlag und winkt den Kindern zu. »Hospitationen habe ich mir abgewöhnt, ich bin kein Kontrolletti«, sagt Kreutzahler. Die Türen der Klassenzimmer stehen sowieso alle weit offen.

Ein guter Schulleiter ermutigt alle – Schüler wie Lehrer

Es gehe um einen »Haltungswechsel«, sagt der Schulleiter, den seine Kollegen an den Spitzen der Schulen unter den neuen Freiheiten und Verantwortlichkeiten nun vollziehen müssten. Um die Frage, was Schule eigentlich ist und wie sich ihr Manager nun definiert. Sollte er eher Spiritus Rector, Dienstleister oder Einpeitscher sein? »Einpeitscher funktioniert gar nicht. Die Kollegen brauchen Ermutigung, Wertschätzung, man muss ihnen was zutrauen, sie müssen sich wohlfühlen«, sagt Ulrich Kreutzahler, und das gelte im Übrigen für den Umgang mit den Kindern genauso.

Vor sieben Jahren hat Ulrich Kreutzahler mit seinem Kollegium beschlossen, dass kein lernschwaches und auch kein lernbehindertes Kind mehr die Grundschule verlassen muss. »Es hat mich gegraust, die Kinder in Sonderschulen zu geben«, erinnert er sich, und er versuchte etwas, wovon er immer geträumt hatte: integrativ zu arbeiten – lernbehinderte Kinder gemeinsam mit den durchschnittlich und hochbegabten Schülern zu unterrichten.

Ulrich Kreutzahler hat ein Regionales Integrationskonzept entwickelt, dem sich auch die umliegenden Grundschulen angeschlossen haben. Heute ist die Sonderschule im Landkreis Schaumburg ein Auslaufmodell. An der Grundschule Niedernwöhren lernen fünf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Für diese besonderen Anforderungen an den Unterricht stehen der Schule 16 Förderlehrerstunden pro Woche zur Verfügung. Diese Stunden sind nicht kindgebunden, sie werden je nach Bedarf verteilt. Das heißt, kein Kind wird aus der Klasse genommen, auch nicht für Förderstunden. Die Leistungsunterschiede werden allein durch innere Differenzierung ausgeglichen. »Integration ist der direkte Weg, Lernen zu verändern«, sagt der Schulleiter. Vom Wissen und den Methoden der Förderlehrer profitieren an seiner Schule alle Schüler, nicht nur die auffälligen.

»Man muss den Kindern das Glück des Könnens geben«, sagt Ulrich Kreutzahler, »nicht immer noch tiefer in der Wunde bohren und sagen, das kannst du nicht.« Kreutzahler hält deshalb auch nichts von Lesewettbewerben oder sonstigen Leistungswettkämpfen für Grundschüler. »Das sind doch Kinder«, sagt er mit weicher Stimme. »Für die ist es schlimm, zu verlieren, und gewinnen kann immer nur einer.« Lieber schickt er »Lesekumpel« in den benachbarten integrativen Kindergarten und lässt vorlesen, alle, auch die schlechten Leser, ganz ohne Bewertungsdruck. Die Kooperation mit dem Kindergarten gilt als vorbildhaft in Niedersachsen, gerade auch weil sie personelle Verschränkungen zwischen Lehrern und Erziehern vorsieht. Im letzten Halbjahr vor der Einschulung kommen jeweils freitags alle Vorschulkinder in die Schule, für den gesamten Vormittag. Das sorgt für Aufregung, Trubel und zusätzliche Arbeit, aber nur so funktioniert die Art Kommunikation, die Kreutzahler möchte.

Seine Schule sei Dienstleister, sagt der Chef. Das gefällt nicht allen

Der integrative Ansatz seiner Schule erzeugte anfangs Ängste, gerade unter Eltern, die glaubten, die Unterrichtsqualität könne durch die lernschwachen und oft auch verhaltensauffälligen Kinder leiden. Es zeigt sich aber, dass die Zufriedenheit mit der Schule unter Schülern, Eltern und Lehrern sogar noch gewachsen ist in den letzten Jahren. Ulrich Kreutzahler ist nicht nur stolz auf solche Ergebnisse, er hat dafür gesorgt, dass seine Schule zu einem Zeitpunkt begann, sich selbst zu evaluieren, als andere Schulen noch nicht mal wussten, wozu so was gut sein soll. SEIS, das Evaluationsinstrument, hat er selbst mitentwickelt. Außerdem war seine Schule eine der ersten, die von einem Inspektionsteam unter die Lupe genommen wurden. Die Ergebnisse waren überwältigend, in fast allen Bereichen bekam die Schule Bestnoten. »Das hat den Kollegen so gut getan, mal schwarz auf weiß zu sehen, was sie hier leisten«, sagt Kreutzahler.

Natürlich stößt auch das motivierteste und belastbarste Kollegium an seine Grenzen, vor allem mit einem wie Kreutzahler als Chef, der ständig unterwegs ist, in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Partnerschulen besucht, gerne auch in den Ferien, wenn seine Schule in Niedernwöhren wie ausgestorben in der Dorfmitte schlummert. Und meist kommt Kreutzahler mit einem noch tieferen Strahlen in den Augen zurück, mit neuen Ideen und Projekten. Aber wenn er den »Geist erst mal aus der Flasche gelassen habe«, sagt er, sei es oft nicht leicht, »die Erkenntnisse am Leben zu halten«. Vor allem, weil Lehrer ja auch gerne mal sagen: Wir müssen mal wieder zur Ruhe kommen. Und wenn Kreutzahler vom Service- und Dienstleister Schule spricht, dann rührt sich schon gelegentlich Empörung im Kollegium: »Sind wir jetzt eine Tankstelle, oder was?« Doch Kreutzahler bleibt genau bei diesem Punkt hart: »Schule muss sich den Kindern anpassen, nicht umgekehrt.«

Ulrich Kreutzahler sagt den Eltern zu Beginn der Schulzeit ihrer Söhne und Töchter, dass sie alle »wunderbare Kinder« haben. Er will gar nicht wissen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. In all seinen Jahren als Lehrer hat er gesehen, dass es manchmal besser ist, bei Leistungsbewertungen ein bisschen »zu mogeln«, dafür aber das Selbstbewusstsein, die Persönlichkeit der Kinder zu stärken, ihnen Sicherheit zu geben. Er erzählt von einem ehemaligen Schüler, der mit Mühe den Hauptschulabschluss schaffte und eine Lehre zum Lageristen machte. Ein paar Jahre später traf Kreutzahler ihn wieder. Der Junge saß in einem großen Alfa Romeo und schwärmte von seiner Arbeit für internationale Designmarken; er hatte sich erfolgreich selbstständig gemacht. Es lohnt sich, an jedes Kind zu glauben.