Statt der Peitsche benutzt die Raubtierbändigerin von heute eine kleine Klingel. "Drei, zwei, eins", zählt Katharina Hardieck herunter, dann schellt es. Die Lehrerin hat jetzt Bio in der 7a der Hauptschule Nord in Gütersloh, und bevor sie mit den Versuchen zur Lungenatmung beginnen kann, muss sie für Ruhe sorgen. "Das sind alles ganz liebe Kerle", sagt sie, "aber in meiner Klasse gibt es niemanden, der zu Hause keine Schwierigkeiten hätte." Von hinten fliegt eine Papierkugel in Richtung Mülleimer, aber sie trifft nicht.

Getroffen hingegen hat die oft erbitterte Kritik, die deutsche Lehrer besonders seit dem Pisa-Schock im Jahr 2001 einstecken mussten. Zu unflexibel seien sie, häufig nicht belastbar und noch dazu ständig am Klagen, lauten die Vorwürfe von Eltern und Politikern. Ein Lehrerhasserbuch schaffte es 2006 gar in die Bestsellerliste, seine Autorin in viele Talkshows.

Dabei sieht die Wirklichkeit vielerorts längst anders aus. Anstatt ihrerseits auf Eltern und Politiker zu zeigen, sind engagierte Pädagogen dabei, ihre Schulen und den Unterricht umzukrempeln. Ob Gewalt auf dem Schulhof, wachsende Sprachdefizite oder der soziale Abstieg ganzer Stadtviertel und die damit verbundene Perspektivlosigkeit – so dramatisch, wie sich in den vergangenen Jahren die Welt vieler Schüler verändert hat, haben auch viele Lehrer ihre Methoden angepasst – und damit ihr ganzes Berufsverständnis. "Unsere Schüler sollen lernen, zusammenzuarbeiten und selbstständig zu lernen, das ist der rote Faden für mich", sagt Uwe Heidemann. Er ist der stellvertretende Schulleiter an Katharina Hardiecks Schule, 52 Jahre alt und will nicht mehr den "Kasper" machen, der vor der Klasse steht. "Lernbegleiter müssen wir sein", sagt er.

Der Satz klingt wie eine Beiläufigkeit, und doch zeugt er von einem Wandel, der grundlegender kaum sein könnte. Deutsche Lehrer, so hieß es lange, dozierten in ihren Klassen wie zu Kaisers Zeiten, von oben herab, wie ein Uni-Professor. Dabei zeigte 2006 eine Unterrichtsstudie, dass viele Lehrer nicht nur Frontalunterricht anbieten, sondern die Schüler in Kleingruppen unterrichten oder den Unterricht durch Diskussionsrunden auflockern. "In den letzten Jahren hat sich viel an den Schulen und bei den Lehrern getan", sagt der Unterrichtsforscher Andreas Helmke von der Universität Koblenz-Landau. "Mein Eindruck ist, dass viele Lehrer sich bewusster mit dem Unterricht befassen als früher."

Beispiel Gütersloh: Anfang der Neunziger hatte die Städtische Hauptschule Nord 560 Schüler, 2008 sind es noch 307. 77 Prozent der Kinder stammen aus Einwandererfamilien, 66 Prozent sprechen zu Hause kein Deutsch. Mit eingefahrenen Lehrmethoden ist hier nicht mehr viel zu holen – das wissen auch die Lehrer und lassen sich auf die Herausforderung ein.

Mit 32 Jahren ist Katharina Hardieck die jüngste Lehrerin an der ältesten Hauptschule der Stadt. Ihre blonden Haare hat sie zu einem kurzen Zopf gebunden, sie lächelt gern und viel. Für den Versuch zur Lungenatmung sollen sich ihre 22 Schüler selbstständig in Gruppen aufteilen, denn die Lehrerin hat Maßbänder mitgebracht. Wie groß ist der Brustumfang im Ruhezustand und nach einem Sprint durch das Treppenhaus? An die Backsteinwand im Klassenzimmer haben die Schüler ein Plakat geheftet: "An Gruppenarbeit gefällt mir, dass man sich Tipps gibt", "dass alle arbeiten" und "dass keiner Scheiße baut" steht darauf.

Nach dem Klingelton und drei Ermahnungsstrichen an der Tafel klappt es mit der Gruppenbildung; aber um den Brustumfang im Ruhezustand zu messen, fehlt die Begeisterung: Die Jungs rasen los in Richtung Treppenhaus, die Mädchen messen lieber ihre Körpergröße von den Zehenspitzen bis zum Kopf. "Es ist die sechste Stunde", sagt Katharina Hardieck entschuldigend. Die sechste Stunde an einer Hauptschule. Uwe Heidemann sagt: "Die Hauptschule ist eine Restschule. Aber solange es sie gibt, muss sie die Schüler weiterbringen."

Noch so ein Satz, der nicht ins Klischee passt. Lehrer, heißt es, scheuen Verantwortung, meiden Fortbildungen, bei Problemen reden sie sich mit den schlimmen Verhältnissen raus, an denen auch der beste Unterricht nichts ändern könne – typisch Beamte eben. Und die Wirklichkeit? Statt einer gesichtslosen Behörde ähneln viele Schulen quirligen Unternehmen – Bildungsunternehmen eben. Denn so, wie sie ihr Berufsverständnis verändert haben, bauen Lehrer ihre Schule um, und der Staat legt ihnen dabei ausnahmsweise keine Steine in den Weg, sondern, wie es die nordrhein-westfälische Kultusministerin Barbara Sommer (CDU) etwas übertrieben formuliert: "Wir lassen die Schulen frei." Nachdem bereits die damalige rot-grüne Landesregierung 2002 den Modellversuch "Selbstständige Schule" startete, sprang das Kollegium der Gütersloher Hauptschule Nord auf den Zug auf. Seitdem sorgen die Mitglieder der sogenannten Steuergruppe – drei Lehrer und die Schulleitung – wie Manager dafür, dass das gesamte Kollegium in regelmäßigen Fortbildungen Methodentraining, Teamentwicklungstraining und Kommunikationstraining durchläuft.

In anderen Bundesländern heißt das Konzept "autonome" oder, wie seit dem neuen Schulgesetz auch in Nordrhein-Westfalen, "eigenverantwortliche Schule", doch die Idee ist dieselbe: Statt wie bislang von oben regiert zu werden, sollen sich die Schulen selbst verwalten, eigene Profile und Unterrichtskonzepte entwickeln. Die Politik will sich in Zukunft auf sogenannte Output-Vorgaben beschränken, zum Beispiel mit Bildungsstandards formulieren, was die Schüler können müssen. Oder festlegen, wie hoch die Abbrecherquoten maximal sein dürfen. Wie die Schulen das erreichen, bleibt weitestgehend ihnen überlassen. Fest steht: Ohne engagierte Lehrer kann das nicht klappen.

Doch es klappt – an vielen Schulen, in ganz Deutschland (siehe auch Seite 77). In Gütersloh ergänzen die Lehrer die von oben verordneten Reformen um eigene Initiativen. Seit sie die regelmäßige Fortbildung an ihrer Schule für alle Lehrer obligatorisch gemacht haben, finden die Unterrichtsformen ganz systematisch Eingang in den Alltag. Zentral ist dabei wieder einmal die Teamarbeit: Sobald die Lehrer gelernt haben, wie es geht, veranstaltet die ganze Schule sogenannte Methodentage, zwei im Halbjahr. Da lernen die Schüler der fünften Klasse zum Beispiel, wie man sich mit "Raketenlesen" (laut und schnell muss es gehen) und Partnerarbeit gemeinsam einen schwierigen Text erarbeitet. Die Lehrer können sich danach darauf verlassen, dass alle Schüler die Lesemethoden draufhaben. Alle Pädagogen, die in einer Stufe unterrichten, bereiten die Methodentage gemeinsam vor; die beiden Klassenlehrer werten sie aus.

Noch ein Klischee also, mit dem sie in Gütersloh und anderswo aufgeräumt haben. Natürlich bezieht sich Teamarbeit nicht nur auf die Schüler, auch die Klassenlehrer unterrichten schon lange in Teams. "Lehrer gelten ja normalerweise als Einzelkämpfer, die die Tür hinter sich zumachen – das weichen wir auf", sagt Heidemann. Soweit es der Stundenplan zulässt, kommen Kolehrer in den Deutsch- oder in den Matheunterricht, um sich um Einzelne zu kümmern. Bei momentan 1,7 unbesetzten Lehrerstellen passiert das immer noch zu selten.

Keine Frage: Wer an einer Schule wie der in Gütersloh unterrichtet, mit wenig Personal und Schülern, die viel Aufmerksamkeit einfordern, der braucht eine hohe Frustrationsgrenze. Hier bescheinigen Bildungswissenschaftler den Lehrern Schwächen. Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung sind die Kollegien fast zur Hälfte mit sogenannten Risikotypen besetzt, die das Gefühl haben, gegen unüberwindliche Hindernisse anzurennen, bereits resigniert haben oder kurz davor stehen. Alarmierende Zahlen, und doch: Es gibt eben auch die 30 Prozent der Lehrer, die Forscher dem "Gesundheitstyp" zurechnen. Sie zeichnen sich aus durch hohen Arbeitseinsatz, sie sind mit ihrem Leben zufrieden, sie resignieren nicht. Diese Lehrer tragen die Schulen.

Inzwischen ist in Gütersloh der Nachmittag angebrochen. Dass Pädagogen angeblich nur halbtags arbeiten, stimmt hier schon seit 1989 nicht mehr, da haben sie an der Hauptschule Nord den offenen Ganztagsbetrieb eingeführt. An drei Nachmittagen in der Woche gab es zuerst freiwilligen und, als das nicht funktionierte, verpflichtenden Unterricht. Seit Beginn des Ganztagsschulprogramms der Bundesregierung 2002 haben Tausende Schulen auf den Ganztagsbetrieb umgestellt. Auch das ging nur, weil die Lehrer bereit waren, ihren Berufsalltag umzukrempeln und zum Beispiel Korrekturen vermehrt in der Schule zu erledigen – auch wenn die Bundesländer nicht das Geld für einen eigenen Arbeitsplatz für jeden Lehrer bereitgestellt haben. Womöglich sind es die Politiker, die unflexibel sind, nicht die Lehrer.

Ein Beispiel dafür, was der Nachmittagsunterricht möglich macht, ist der Scout-Kurs der Förderlehrerin Cordula Wischerhoff. Um das Schulklima zu verbessern und das Schwänzen zu bekämpfen, bildet sie Freiwillige zu Jugendgruppenleitern, den "Scouts", aus. Nach einem Jahr übernehmen die Scouts Patenschaften für neue Fünftklässler oder gehen als Kolehrer mit in den Unterricht für die Kleinen. Heute Nachmittag überlegen sich elf Scout-Anwärter, was ihnen zum Thema "Toleranz" einfällt. "Schlau sein", sagt Jian. "Denken, der Beste zu sein", sagt sein Nachbar. Die Siebtklässler sitzen in einem Stuhlkreis und ziehen Gegenstände aus Wischerhoffs schwarzem "Toleranzsack". Kevin erwischt ein Bild von einem Punk. "Ich will die nicht kennen. Die stinken – ehrlich", sagt er und erntet Zustimmung aus der Runde. Nacheinander fischen die Schüler eine Schnapsflasche, einen Koran und einen Gartenzwerg aus dem Säckchen. "Wir müssen Mutter, Vater und Lernberater sein, deshalb suchen wir uns Nischen, um mit den Kindern zu arbeiten", sagt Cordula Wischerhoff. Sie spricht gezielt Schüler an, ob sie sich nicht zu Scouts ausbilden lassen wollen. Sie sollen Selbstbewusstsein lernen. Und um drei Uhr hat auch der Nachwuchs aus dem abstrakten Begriff "Toleranz" eine praktische Regel gemacht: "Wenn im nächsten Jahr ein Punk an die Schule kommt, müssen wir ihm trotzdem helfen."

Die Fassade der Hauptschule Nord ist über die Jahre ausgeblichen, nur die Fensterrahmen leuchten noch in kräftigem Gelb. Doch die müden Farben täuschen: In diesem Gebäude ist die Zukunft zu Hause. Nicht trotz der Lehrer. Sondern dank ihnen.

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