Charlotte Roche hat die Freiheit gefunden, so scheint es, und die kleine Falte, die sie am linken Mundwinkel hat, schiebt sich etwas nach oben, so wie sie es immer tut, wenn Charlotte Roche lacht. Und sie lacht so oft, dass man sofort selbst gute Laune bekommt.

Sie ist, könnte man in diesem Moment meinen, sehr viel Mund. Breit und schön geschwungen und fast ständig in Bewegung ist er, dieser Mund, der sie bekannt gemacht hat im deutschen Fernsehen, zuerst bei Viva, dann bei ProSieben, dann bei Arte, und von Herbst an ist sie nun bei 3sat zu sehen, mit ihrer neuen Sendung Charlotte Roche unter…, in der sie unbekannte Berufswelten erforscht, die der Jäger zum Beispiel. Sie war die Hoffnung, sie war das andere, das junge Fernsehen, sie war intelligent und schnell und witzig. Und sie ist überall gegangen. "Ich wollte immer alles durchboxen", sagt sie heute. "Mein ganzes Fernsehleben war ein einziger Kampf."

Aber jetzt ist sie ja auch Autorin. Am Anfang des Gesprächs hatte sie sich noch über dieses Wort amüsiert; aber jetzt sagt sie es leise und lacht dabei etwas weicher als sonst. Vielleicht liegt es an der Freiheit, die sie gefunden hat.

Charlotte Roche gibt viele Interviews in diesen Tagen. Sie redet dabei über ein paar andere Körperöffnungen und ab und zu auch über den Mund. Sie hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, ihren ersten Roman Feuchtgebiete, und weil einige Leute das, was sie dort beschrieben hat, pornografisch finden, muss sie auch immer mal wieder erklären, dass sie für Alice Schwarzer eine "kritische Solidarität" empfindet – dass die Debatte um weibliche Sexualität aber ein bisschen weitergegangen sei seit den Siebzigern. "Was heißt überhaupt Pornografie", sagt sie, "für eine Frau, die sich seitenlang selbst befriedigt, gibt es doch gar kein Wort." Wenn Charlotte Roche lächelt, bekommt man selbst gleich gute Laune BILD

Avocadokerne kommen dabei in ihrem Roman zum Einsatz und Eier und sonst noch so ziemlich alles, was Lust verspricht, in dieser in jeder Hinsicht offenen und dabei durchaus komischen Krankenhauschronik der 18-jährigen Helen, Scheidungskind wie Charlotte Roche.

Die Schriftstellerin wundert sich darüber, wenn die Menschen denken, dass sie das sei, diese Helen, dass das ihre Erfahrungen oder Vorlieben seien in dem Roman. Dabei ist das ja eigentlich das Freiheitsversprechen der Kunst: diese Trennung, dieser Schutzraum. Selbst der Verlag Kiepenheuer & Witsch hatte Bedenken und wollte den Roman nicht veröffentlichen. "Ich habe denen gesagt, ich mache so etwas wie eine pornografische Pippi Langstrumpf – aber das war denen dann wohl zu heftig." Jetzt erscheint der Roman eben bei Dumont.

Charlotte Roche hat hohe schwarze Stiefel an und ein Kleid, das sehr weit oberhalb der Knie endet. Und weil man nicht weiß, wo man hinschauen soll, schaut man ihr in die Augen. "Manchen Männern fällt es ja anfangs schwer, mir in die Augen zu schauen, wenn sie den Roman gelesen haben", sagt sie und schlägt die Beine übereinander. Also dann. Männerfantasien, Frauenfantasien.

Eine Art "Knigge für den weiblichen Körper" wollte sie anfangs schreiben, "fast wäre ich die neue Erika Berger geworden", sagt Charlotte Roche; und wenn man will, dann kann man ihren Roman auch wie ein Sachbuch lesen – wie eine unterhaltsame erotische Erkundungstour, wie die Expedition in ein Gebiet, das immer noch von verschämtem Schweigen umgrenzt ist.

"Frauen haben keine Sprache für die eigene Lust", sagt Roche. "Frauen sind verklemmt, wenn es um ihren eigenen Körper geht. Frauen haben ja nicht mal eigene sexuelle Fantasien." Pornografie, das will sie im Grunde Alice Schwarzer sagen, ist nicht nur, wenn ein Mann eine Frau bei den Haaren packt und wie ein Pferd behandelt; Pornografie kann heute wie eine Befreiung aus der Sprachlosigkeit wirken. Aber so manche, die bisher in Charlotte Roche eine neue Feministin gesehen haben, fast eine würdige Schwarzer-Nachfolgerin, bleiben nun angesichts von so viel Freizügigkeit sprachlos zurück. Ob es nun ein "Knigge" geworden ist oder ein pornografischer Roman - Charlotte Roche hat versucht, Worte für Dinge zu finden, über die Frauen nur selten sprechen BILD

Dabei ist es dieser aufklärerische Furor, dieser unbedingte Wahrheitstrieb, den Roche in ihren Fernsehauftritten immer schon gezeigt hat und der ihren Roman jetzt so sehr von dem unterscheidet, was an deutscher Prosa sonst in den Regalen steht, Prosa, die ja gerade mal wieder sehr gern die großen Probleme der Welt in politische Romane packt, dabei aber vielleicht die nahe liegenden Feuchtgebiete vernachlässigt.

"Wahrheit oder Pflicht", das war das Konzept für eine Fernsehsendung, die Roche plante und deren sehr unterhaltsame Testfolge auf YouTube zu sehen ist; Wahrheit oder Pflicht könnte auch die Überschrift ihres Lebens sein. 29 Jahre ist Charlotte Roche, sie hat eine fünfjährige Tochter, sie fühlt sich alt, sagt sie, wenn es ums Fernsehen geht, und die kleine Falte links an ihrem Mund zuckt wieder ein wenig, weil sie lächelt.

Es sei ihr alles immer zugeflogen in ihrem Leben, sagt sie, nur dieses Buch nicht. Das freut sie. Und bei aller Leichtigkeit, die sie ausstrahlt, ahnt man, dass es dahinter etwas geben muss, das man mit Pflichtgefühl umschreiben könnte. Freiheit, so merkwürdig das klingt, ist vielleicht nur ein anderes Wort dafür.