Klassiker der Moderne (100) Der letzte Schuss

Wenn das Popalphabet mit Abba beginnt, sollte es mit Frank Zappa enden: Er war der letzte Großkomponist des 20. Jahrhunderts und verdiente sich ein eigenes Adjektiv.

Agnetha, Björn, Benny und Frida – das ging nun wirklich nicht auf Dauer, also mussten die ersten und letzten Buchstaben herhalten, und ABBA reimt sich nun mal halbwegs auf Zappa, also wird es bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag heißen »von Abba bis Zappa«, wann immer Enzyklopädisches verhökert werden soll im Lande Pop. Frank Vincent Zappa wurde so zum Omega des Pop, zum intellektuellen Gegenpol des oberflächlichen Alpha aus Schweden. Und wenn die ZEIT hundert »Klassiker der modernen Musik« feiert, dann ist ein Album von Frank Zappa ganz automatisch der letzte Schuss, der aus diesem Kanon abgefeuert wird.

Und das mit vollem Recht! Denn kein anderer Musiker des 20. Jahrhunderts verband all die Stile und Musizierweisen, Vorbilder und Plagiatsmöglichkeiten der Moderne so souverän zu einem eigenständigen Genre, das sich schnell ein eigenes Adjektiv verdient hatte: »zappaesk«. Der Mann hinter dem Wort war sich selbst Gesamtkunstwerk: ein hageres, spitzbärtiges Musiker-Produzenten-Popstar-Patriarchen-Individuum, das es schaffte, die oft beschworene Synthese von Doo-Wop und Zwölfton-Musik, von europäischem E und amerikanischem U zu verwirklichen. Und wenn er dazu nackt auf einem Klo sitzen und staatsgefährdend dreinblicken musste.

Diese Zeiten sind längst vorbei, als sich Frank Zappa 1988 – nach dem Ende seiner letzten Welttournee – anschickt, unter seinem Namen auf einem Zappa getauften Label im Frank Zappa-Musikverlag publizierte Werke des Komponisten, Arrangeurs und Produzenten Frank Zappa in bis dahin ungekannter Weise zu präsentieren: Auf insgesamt sechs Doppel-CDs erscheint nach und nach die ultimative Selbstinszenierung dieses letzten Großkomponisten des 20. Jahrhunderts, die jeden Zweifel daran beseitigen soll, dass er, der große Zappano, zu jeder Millisekunde jene Zügel in der Hand gehalten hat, an denen alle Musiker – bei den Ur-Mothers of Invention angefangen bis zum sklavisch ergebenen Show-Orchester der späten achtziger Jahre – über die Bühnen dieser Welt galoppiert sind. In verwegenen Montagen werden unter dem schönen Titel You Can’t Do That On Stage Anymore die Jahre, die Jahrzehnte und die Bands gewechselt wie der Maestro beliebt; 2-Spur, 24-Spur, digital, analog: egal. Stücke von zwanzig Minuten oder von 20 Sekunden Länge – hier sind sie. Von Strawinsky zu Richard Berry hetzt die wilde Jagd – und wir hetzen begeistert mit, vor allem auf Vol. 1, wo ein en passant angebotener Blow Job ebenso seinen Platz findet wie eine teilweise improvisierte Mikro-Oper vom Schlag Don’t Eat That Yellow Snow. Nur eins bleibt sich gleich: Diese von Sarkasmus triefende Stimme und diese eruptiven und doch swingenden Gitarrensoli. Frank Zappa eben. Wer diesen Mann also kennenlernen möchte, wie er Raum und Zeit besiegt, wie er sich selbst die Mother of Invention ist, wie er quasi als eine kreative Hydra, die ihre Songs und Stücke durch Knospung aus sich selbst hervorbringt, zum ultimativen Musikkunstwerk des vergangenen Jahrhunderts durchzustoßen versucht, muss nur murmeln: »You Can’t Do That On Stage Anymore«.

Frank Zappa: »You Can’t Do That On Stage Anymore, Vol. 1« (Zappa Rec. CDD ZAP 8)

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    • Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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    • Schlagworte Musik | Pop | Schweden | Musiker | Album | Jagd | Genre
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