Danke, Herr Erdoan!

Mit Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen, wurde aber tief enttäuscht. Ich habe Ausschnitte der Rede von Herrn Erdoan im Fernsehen gehört und bin mir sicher, dass er keine Mauern zu ziehen brauchte, denn diese existieren seit 40 Jahren.

Ich bin seit 29 Jahren in Deutschland, meine Eltern seit 39 bzw. 34 Jahren. Ich fühle mich in Deutschland wohl, ich lebe und arbeite gerne hier und habe deutsche wie türkische Freunde und sehr gute Kollegen.

Ich hatte während meiner Schulzeit tolle LehrerInnen und auch im Studium kaum Probleme mit meinen Professoren. Aber dann fing die Realität an:

Wurde irgendein deutscher Referendar gefragt, ob er seine beiden Kernfächer im christlich-abendländischen Sinne unterrichten könne? Ich wurde! Wenn Lehrer den Auftrag haben, in der Schule zu missionieren, dann brauchen wir tatsächlich türkische oder ausschließlich konfessionelle Schulen.

Wurden Sie schon einmal von einem deutschen Nachbarn, den Sie nur vom Sehen kennen, gefragt, woher Sie das Geld für Ihr neues Auto haben?

Dass Türken auch pünktlich, ordentlich und fleißig sein und arbeiten können, beweisen sie seit vierzig Jahren. Oder hat Deutschland vergessen, dass es seinen wirtschaftlichen Aufstieg den Arbeitsmigranten der ersten Generation aus Griechenland, der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, Italien zu verdanken hat, für die Deutschland nichts investiert hat?

Hat Ihnen Ihr deutscher Nachbar irgendwann mal gesagt, dass er sich als Deutscher keine Eigentumswohnung leisten kann, und Sie gefragt, wie Sie das können, obwohl Sie doch nur ein Gastarbeiter sind?

Haben Sie schon einmal Ihre Mutter ins Krankenhaus gebracht, und eine der deutschen Patientinnen hat einen Aufstand gemacht, weil sie nicht mit einer Türkin im selben Zimmer liegen wollte? Dieses Gefühl wünsche ich keinem.

Wurden Sie von einer guten Freundin nach Eckdaten von Goethe gefragt?

Ich habe hier Germanistik studiert natürlich kenne ich Goethe. Aber sie konnte mir nichts über Celaleddin Rumi, El Ghazali, Nazim Hikmet, Yunus Emre sagen und kennt nicht mal Ibn Sina, der ein Teil der abendländischen Geistesgeschichte wurde was für eine armselige Allgemeinbildung oder?

Das sind nur wenige Beispiele unserer tagtäglichen Erlebnisse in unserer Heimat Deutschland wohlgemerkt.

Herr Erdoan ist vierzig Jahre zu spät gekommen. Aber trotzdem: Danke, dass Sie da waren. Sie haben meinen Eltern und ihren Altersgenossen gutgetan. Sie waren die letzten vierzig Jahre einsam, keiner hat sich für sie interessiert.

Mir, Herr Erdoan, mir können Sie nicht helfen. Ich bin Deutsche auch wenn man es mir nicht ansehen kann. Ich brauche nicht Sie, sondern deutsche Politiker, die mich vertreten und begeistern. Ich frage mich nur, wo diese bleiben.

Sultan Aydogdu, Köln

Ich habe einige türkische Freunde, esse ab und zu türkisch, höre und spiele als DJ gerne türkische Musik, bin ein großer Verehrer von Nazim Hikmet, beschäftige mich schon länger intensiv mit Sufi-Philsophie, sehe gerne türkisches Kabarett, das uns Deutschen den Spiegel vorhält, usw.

Aber ich lehne den türkischen Chauvinismus ab, den nationalen wie den maskulinen. Innerfamiliäre Unterdrückung bekämpfe ich genauso wie patriarchalische und religiöse.

Ich bleibe lieber gerne ein aufgeklärter Europäer und ein Feminist.

Hans-Christoph Neuert, Würzburg

Ich finde es erfreulich, wenn eine Frau mit türkischem Familienhintergrund die Dinge so anspricht, wie Sie es taten. Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass Herr Erdoan mit seiner Rede in Köln zu weit gegangen ist. Wir sollten uns endlich als eine Gesellschaft betrachten, die gemeinsame Probleme hat, welche nur gemeinsam gelöst werden können. Deshalb sehe ich es ähnlich wie Sie, und Zuwanderer sollten in Deutschland wenigstens das Kommunalwahlrecht erhalten. So können sie sich an der Politik beteiligen, würden auch von den Parteien als wichtiger Teil der Gesellschaft betrachtet und könnten sich selbst als solchen wahrnehmen. Wir müssen die Ausgrenzung bestimmter Gruppen verhindern und endlich erkennen, dass wir in Deutschland Teil einer Gesellschaft sind und nicht Teil einer deutschen oder türkischen oder sonstigen Gesellschaft.

Alexander Bosch, Meppen

Vor 20000 Zuhörern sprach der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoan am 10. Februar in Köln

 
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