Darfur Jagd auf die Helfer
Wie die UN beim Schutz der Menschen in Darfur versagt. Eine Reportage aus der sudanesischen Kriegs-Provinz
Nyala, Darfur - Zur Linken parken die schneeweißen Transporthubschrauber der Vereinten Nationen, russische Fabrikate, Typ Mi-8. Auf der rechten Seite stehen die olivgrünen Helikopter der sudanesischen Luftwaffe, Mi-24, die Kampfversion mit 30-Millimeter-Bordkanonen. Daneben, startklar für den Einsatz, warten zwei MiG-27-Düsenjäger mit eingeklinkten Bomben. Krieg und Frieden – die einen zerstören, die andern lindern die Folgen der Zerstörung. Dieses absurde Bild auf dem Vorfeld des Flughafens von Nyala brennt sich ins Gedächtnis, man wird es nicht mehr los auf dieser Reise durch Darfur.
Schon bald werden die Jagdbomber abheben, werden nach 20 Flugminuten über dem Westen der Provinz ihre tödliche Fracht abwerfen. Wieder werden Dörfer brennen und zerfetzte Menschen zwischen den Hütten liegen. Die Überlebenden werden fliehen. 200000 Tote, weit über zwei Millionen Flüchtlinge – so lautet die geschätzte Zwischenbilanz dieses Krieges, der vor genau fünf Jahren ausbrach. Die Hälfte der sechs Millionen Einwohner Darfurs würde verhungern, wenn es das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen nicht gäbe.
Im Lagerhaus des WFP in Nyala, der Hauptstadt von Süddarfur, sind 46000 Tonnen Lebensmittel gespeichert, Hirse aus Amerika, Palmöl aus Malaysia, Linsen aus Japan, turmhohe Stapel von Sojaöl-Kanistern aus der Europäischen Union. Es ist ein deprimierendes Déjà-vu. Vor genau 20 Jahren lief hier »Operation Lifeline Sudan«, um die Opfer des Bürgerkrieges im Süden vor dem Hungertod zu retten. Jetzt führt das sudanesische Regime einen Vernichtungsfeldzug gegen Aufständische im Westen des Landes, gleichzeitig ist Emergency Operation 10693.0 im Gang, die größte Nothilfemission unserer Tage. Mohammed Ibrahim überwacht gerade die Beladung seines Lastwagens mit Getreidesäcken, und er hofft, dass er mit der Fracht unbeschadet durchkommt. Ibrahim, 35, Vater von fünf Kindern, ein korpulenter, rundgesichtiger Mann mit einem flauschigen Vollbart, leitet den Konvoi, der gleich von Nyala Richtung Kass aufbrechen wird. Eine gefährliche Strecke, erst letzte Woche wurden drei Trucks von Rebellen gekapert. Ibrahim ist das auch schon öfter passiert, er wurde ausgeraubt und geschlagen, einmal haben ihm die Dschandschawid, die berüchtigten arabischen Reitermilizen, sogar die Kleider vom Leib gerissen. »Am Anfang hatte ich Angst, aber man gewöhnt sich an alles«, sagt er, klettert ins Führerhäuschen hinauf. Inschallah! Mit dem Beistand des Allmächtigen wird er an der Spitze von elf Lastwagen in zweieinhalb Stunden das Ziel erreicht haben.
Der Konvoi ist per Mobiltelefon und GPS mit dem radio room verbunden. Wenn die Fahrer attackiert werden, drücken sie auf den Panikknopf. So lässt sich zumindest feststellen, wer wo verschwunden ist. »Zurzeit vermissen wir 18 Fahrer«, sagt der Sicherheitsoffizier, dessen Name ungenannt bleiben muss. »Benzin, Reifen, Handys, Lebensmittel, wenn die Rebellen, Regierungssoldaten oder Banditen irgendetwas brauchen, gucken sie sich unsere Transporte aus.« Der Offizier präsentiert eine Landkarte mit dicken roten Klecksen – die Zwischenfälle seit der Jahreswende: Entführungen, Vergewaltigungen, Raubmorde. Vorigen Oktober wurden drei WFP-Fahrer umgebracht. »Auch Terroristen von al-Qaida mischen mit, sie haben den Dschihad gegen uns ausgerufen.« Den heiligen Krieg gegen die Lebensretter.
Im Hubschrauber nach Kass. Unter uns die weite, zimtbraune, dürre Steppe, Schotterflächen, ockergelbe Mäander von ausgetrockneten Wadis, karstige Bergrücken. Eine unwirtliche Welt aus Staub und Stein und Dornen, eine Welt, deren Bewohner um knappe Güter konkurrieren, um Weideland und Brennholz, um Baumaterial und fruchtbare Krume, vor allem aber um Wasser. Der allgegenwärtige Mangel und die jahrzehntelange Vernachlässigung der Region – das sind die Hauptursachen des Aufstandes gegen die Machthaber in Khartoum. Manchmal entdeckt man ein paar verlorene Hütten, einen Viehpferch, ein karges Ackergeviert. Oder winzige blaue Farbtupfer, von den Vereinten Nationen verteilte Plastikplanen, die wie Signaturen der Not aus der braunen Ödnis leuchten. Viele Dörfer wirken verlassen, ihre Bewohner sind geflohen.
Das Land, das wir überfliegen, hat noch eine andere Geografie, eine unsichtbare, die es zerschneidet in die Machtzonen von Regierungstruppen, Rebellen, Stammesmilizen und Räuberhorden. Was im Jahre 2003 als Ausrottungskampagne des sudanesischen Regimes in einer aufsässigen Provinz begann, ist heute ein verwirrender Vielfrontenkrieg, in dem jeder gegen jeden zu kämpfen scheint, arabische Nomaden gegen afrikanische Bauern, Araber gegen Araber, Afrikaner gegen Afrikaner, wobei all diese Kategorien in einer ethnisch komplexen und vielfältig durchmischten Region mit höchster Vorsicht zu genießen sind. Militärbeobachter sprechen von einer »Somalisierung« des Konflikts, in dem alle Akteure schwere Kriegsverbrechen begehen. Die Rebellen sind entlang tribalistischer Trennlinien unterdessen in über 20 Fraktionen zersplittert, Minni Minawi, einer ihrer Anführer, ist sogar zum Feind übergelaufen und darf in Khartoum Präsident Omar al-Baschir beraten. Umgekehrt schießen manche Dschandschawid, jene Reitermilizen, die das Regime einst bewaffnet hatte, auf Regierungssoldaten, weil sie sich um ihren Sold betrogen fühlen.
Das Wort »Völkermord« hört man in Darfur nur noch selten. Dennoch liefert das Regime mit seiner Militärmaschinerie immer wieder Beweise für die »genozidalen Absichten«, die ihm ein UN-Report vorwirft. Erst letzte Woche hat die Luftwaffe Abu Sorouj und Sirba dem Erdboden gleichgemacht, zwei Städtchen mit Flüchtlingslagern in Westdarfur. 12000 Menschen sind über die Grenze in den Tschad geflohen.
Kurz vor Kass entdecken wir aus der Luft den Konvoi, Mohammed Ibrahim vorneweg, die anderen zehn Lastwagen hinterdrein. »Nur vier Checkpoints, es ist wieder mal gut gegangen«, wird er später erleichtert berichten. Dann sehen wir Kass, den Zielort, der einmal eine Kleinstadt war. Jetzt wuchert er hinaus in die Halbwüste, denn in den letzten fünf Jahren sind 105000 Flüchtlinge hinzugekommen – die dreifache Zahl der 35000 Einwohner! Die Vertriebenen leben in Camps am Rande der Stadt oder mittendrin, an den Marktplätzen, auf der Straße, Haus an Hütte. »Natürlich gibt es Konflikte«, sagt Kai Röhm, ein umtriebiger Schwabe, der die hiesige WFP-Mission leitet. »Trotzdem sind die Einheimischen erstaunlich tolerant.«
Ehe wir die Flüchtlingslager besuchen dürfen, müssen wir noch zum zuständigen Kommissar für humanitäre Hilfe, einem argwöhnischen Mann, der hinter einem Schleiflack-Schreibtisch hockt. Warum sind Sie hier? Was wollen Sie? Journalisten werden wie Spione behandelt, den Helfern geht es nicht besser. »Die Behörden behindern unsere Arbeit, wo immer sie können. Ich habe in Afrika noch nie eine derart obstruktive Politik erlebt«, klagt eine deutsche Expertin, die schon viel in den Krisengebieten des Kontinents herumgekommen ist. Unterlassene oder massiv behinderte Hilfe – auch das ist ein Verbrechen.
Humera School heißt eines der Flüchtlingslager in Kass. Das Camp legt sich wie ein Elendskranz um die gleichnamige Schule. Mariam A., eine Frau von 53 Jahren mit dem Gesicht einer Greisin, hat hier mit ihren beiden Töchtern und zwölf Enkelkindern Zuflucht gefunden. Gleich zu Kriegsbeginn 2003 waren sie aus ihrem Heimatdorf bei Shataya geflohen. »Arabische Milizen haben uns angegriffen, sie haben meinen Bruder umgebracht. Und dann hat die Regierung unser Dorf bombardiert, und mein Mann wurde getötet…«
Der Horror ist auf Satellitenaufnahmen dokumentiert: Von den ursprünglich 133 Hütten des Dorfes stehen noch drei. Plötzlich bricht unser Aufpasser das Interview ab. »Keine politischen Fragen!« Mariam kann nur noch schnell hinzufügen, wie sie mit dem Rest der Familie drei Tage lang zu Fuß hierhergelaufen ist. Und dass auf der Flucht viele Menschen starben.
Vier Enkel von Mariam wurden im Lager geboren. Die Familie hat sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt und ihre igluartige Hütte mit einer hüfthohen Lehmmauer verstärkt. Feiner Sand rieselt durch die Ritzen, es ist heiß und stickig hier drinnen. Ein paar Kleider, zerbeulte Töpfe, Kochutensilien, ein Sack Hirse, das sind die ganzen Habseligkeiten.
In einem schattigen Unterstand vor der Schule haben sich derweil die Scheichs versammelt, die traditionellen Autoritäten, die die Flüchtlingslager beherrschen wie ihre Heimatgemeinden. Es sind misstrauische Männer in Dschellabas, weiten weißen Umhängen. Einer beklagt die Qualität und den Umfang der Lebensmittelrationen. Ein anderer fordert Okragemüse und mehr Feuerholz. Das Lamento demonstriert die Folgen der Nothilfe: Sie macht die Menschen abhängig. Die Flüchtlingslager wirken wie Magneten, allein 2007 strömten 32000 Neuankömmlinge nach Kass. »Die Camps von heute sind die Slums von morgen«, prophezeit ein Nothelfer. Warum sollten die Menschen auch heimkehren? Ihr Land wurde von irgendwelchen Kriegsfürsten verteilt, sie leben in den Flüchtlingslagern sicherer und besser, es gibt Wasser, Nahrung, Medikamente. Irgendwann hat man dann das nächste Problem: die Missgunst der Ortsansässigen, die sich benachteiligt fühlen.
Deswegen werden die Mütter aus Kass, die draußen, vor dem Lager al-Rohal, Schlange stehen, nicht abgewiesen. Zusammen mit den Flüchtlingsfrauen lassen sie ihre Säuglinge und Kleinkinder hinter einem Windschirm untersuchen. Es sind elende Winzlinge mit aufgedunsenen Bäuchen, rotstichigem Haar und pergamentdünner Haut, viel zu mager und zu klein für ihr Alter. »Die Rate der Unterernährten in Darfur steigt wieder«, erklärt Margaret Kariuki, eine resolute Krankenschwester aus Kenia. »2005 waren es 11 Prozent, jetzt liegen wir bei 16,1 Prozent.«
Landung in Nyala, großes Tamtam am Flughafen, roter Teppich, Limousinen, Leibwächter, wehende Fahnen. Der chinesische Botschafter ist vor fünf Minuten angekommen, er wird hofiert wie ein Staatsgast. China ist schließlich der wichtigste Verbündete des Regimes, es liefert Waffen, baut Staudämme, teert Straßen. Und es kauft jede Menge Öl, 10,3 Millionen Tonnen waren es 2007, wie die Tageszeitung Sudan Vision gerade berichtet hat. Die Verbrechen, die in Darfur geschehen, ignoriert die chinesische Regierung. Innere Angelegenheiten, geht uns nichts an, erklärt Peking.
In einem behelfsmäßigen Feldlager am Eingang der Stadt ist unterdessen eine Einheit von Soldaten zum Appell angetreten. Im alten Jahr trugen sie noch die grünen Helme der afrikanischen Friedenstruppe AMIS, jetzt leuchten sie in hellem Blau – der Farbe der UNAMID, der neuen Militärmission der Vereinten Nationen, die am 1. Januar begann. Die größte weltweit soll es werden. Als sie im Juli 2007 im UN-Sicherheitsrat beschlossen wurde, feierten dies Diplomaten als möglichen Wendepunkt in der Tragödie Darfurs. Aber es hat sich noch nicht viel getan, die Blauhelme, überwiegend Afrikaner, haben sich in ihrem Stützpunkt verschanzt und wirken so furchtsam und harmlos wie ihre Vorgänger. »Wir warten«, sagt Abdullah Fadil. »Wir warten auf Ausrüstung und Transportmittel. Wir warten auf die versprochenen sechs bis sieben Bataillone. Aber unsere dringlichen Aufrufe blieben bislang unbeantwortet, wir haben noch nicht einmal die 18 zusätzlichen Hubschrauber, um die der UN-Generalsekretär im Herbst gebeten hat.« Der Missionschef für Darfur Süd spricht von den hohen Erwartungen der Zivilbevölkerung und von einer neuen Chance, nach der gescheiterten Mission der Afrikanischen Union das Vertrauen wiederherzustellen. Aber Fadil klingt nicht sehr zuversichtlich, denn eigentlich sollten zum Jahresbeginn insgesamt 26000 Soldaten und Polizisten stationiert sein, momentan sind es gerade mal 9000. »Leider wird das bis Ende 2008 dauern – wenn alles gut geht.« Wie soll die UNAMID unter solchen Umständen ihren Auftrag erfüllen? Wie soll sie die Flüchtlingslager und Korridore für die Nothilfe sichern? Vom erwünschten Ziel, endlich Frieden zu schaffen, redet angesichts ihres vagen Mandats ohnehin keiner mehr.
Warum das so ist? »Weil niemand diese Mission richtig ernst nimmt, weder die internationale Gemeinschaft noch die sudanesische Regierung, noch die Rebellen.« Fadil ist viel zu diplomatisch, um die allseitige Gleichgültigkeit eine Schande zu nennen. Und so muss seine Friedenstruppe weiterhin zusehen, wie die olivgrünen Jagdflugzeuge von ihren Einsätzen zurückkehren – und neben den weißen UN-Hubschraubern landen.
- Datum 28.02.2008 - 10:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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