Österreich In die Wüste
Es schmeichelt dem Selbstbewusstsein, wenn anderswo Zustände herrschen, die österreichische noch an Kuriosität zu übertreffen vermögen. Die Suche mag mühsam sein, aber schließlich wird man doch am Kaspischen Meer fündig. Turkmenistan heißt unser Konkurrent und hält selbst für österreichische Verhältnisse noch einige Überraschungen parat. Etwa wurden dort die Monate nach der Familie des früheren Diktators Nijasow umbenannt. Ein origineller Gedanke, der nicht einmal der politischen Familie der Schüssel-ÖVP in den Sinn gekommen war, obwohl Ministerratssitzungen an einem 13. des Monats Liesl sicher Volksnähe signalisiert hätten. Mathematik und Fremdsprachen waren in turkmenischen Schulen bis vor Kurzem verboten, doch hätte dieser Umstand wohl auch zu keinen schlechteren Pisa-Ergebnissen geführt als in Österreich. Der Zahnarzt des Nijasow-Clans wurde konsequenterweise Gesundheitsminister, da er zumindest zum Teil kompetent war, was hierzulande allzu oft nicht berücksichtigt wird. Bei diesem Avancement handelt es sich um ein schönes Beispiel für die soziale Durchlässigkeit der turkmenischen Gesellschaft; in Wien hingegen schaffen es Zahntechniker bestenfalls, bei der Wikingjugend zu Verantwortungsträgern aufzusteigen. Auch wird immer wieder von politischer Einflussnahme auf die Fernsehnachrichten des Wüstenstaates berichtet, ein uns völlig verblüffender Missstand. Jetzt entließ der Präsident 30 Mitarbeiter des staatlichen Fernsehens, da eine Kakerlake live über den Tisch des Moderators spaziert war. Promis im Ekel-TV? Nicht in Turkmenistan.
Alfred Dorfer
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben
- Datum 28.02.2008 - 12:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren