Als "Glückspille" wurde es bezeichnet, und Millionen von Patienten schwören darauf. Prozac gilt weltweit als wirkungsvolles Mittel gegen Depressionen, und seit seiner Markteinführung 1987 hat der Hersteller Eli Lilly damit Milliardengewinne gemacht. Doch eine in dieser Woche publizierte Studie dürfte das Glück der Pharmafirmen massiv trüben: Nach Durchsicht aller verfügbaren Daten kommt ein internationales Forscherteam zu dem vernichtenden Schluss, dass Prozac (und Prozac-ähnliche Antidepressiva) kaum wirksamer sind als simple Zuckerpillen.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese neue Generation von Antidepressiva im Vergleich mit Placebos keine klinisch signifikante Verbesserung bei Patienten mit moderater oder schwerer Depression zeigen", heißt es in dem Online-Journal PLoS Medicine (Bd. 5, Nr. 2, e45). Allenfalls bei den "schwersten Fällen" zeige sich ein (wenn auch kleiner) Unterschied zwischen Wirkstoff und Scheinmedikament. Zum einen müssten die Ärzte ihre derzeitige Verschreibungspraxis überdenken, meint der Studienleiter Irving Kirsch von der britischen University of Hull. Zum anderen werfe die Studie "ernste Fragen hinsichtlich der Medikamentenlizenzierung und der Art und Weise, wie die Daten von Medikamententests veröffentlicht werden" auf.

Schon frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Placeboeffekte wie die Erwartungshaltung des Patienten bei Antidepressiva eine große Rolle spielen (ZEIT Nr. 52/07). Das bestätigt Kirsch eindrucksvoll. In seiner Metaanalyse hat er nicht nur die öffentlich zugänglichen Testergebnisse berücksichtigt, sondern sich von der amerikanischen Food and Drug Administration auch unpublizierte Daten zu den sechs meistverschriebenen Antidepressiva besorgt (die zur Klasse der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI, zählen und unter Handelsnamen wie Prozac, Seroxat, Efexor oder Serzone vertrieben werden.)

Insgesamt 47 Zulassungsstudien überprüfte Kirsch und stellte fest: Der Effekt der SSRI-Antidepressiva liege "unter den erforderlichen Kriterien für klinische Signifikanz". Sinnvoll könne ihre Gabe nur bei schwersten Fällen sein und auch dann nur, wenn alle Alternativen ausgeschöpft sind.

Die Pharmafirmen reagierten prompt. Kirschs Studie habe "nur eine kleine Untergruppe der gesamten verfügbaren Daten" berücksichtigt, wiegelte Seroxat-Hersteller GlaxoSmithKline ab, und Eli Lilly betonte, die "medizinische Erfahrung" habe hinreichend bewiesen, dass Prozac ein "effektives Antidepressivum" sei.

Tatsächlich mögen sich viele Depressive nach einer Prozac-Einnahme besser fühlen. Wenn dieser Effekt aber hauptsächlich auf eine Placebowirkung zurückzuführen ist, dann sollten Hausärzte lieber Zuckerpillen verordnen. Schließlich haben Prozac & - Co reichlich Nebenwirkungen. Die Behandelten klagen über Übelkeit, Diarrhö, Schlaflosigkeit, Störungen der Sexualfunktion und haben ein erhöhtes Risiko von Magen-Darm-Blutungen. Dennoch stiegen in Deutschland die Verordnungen von SSRI-Antidepressiva dramatisch: zwischen 1997 und 2006 um fast 700 Prozent!