DRAUSSEN Ein Satz, ein Tag, ein Plakat
Ein Vorarlberger in den USA: Der Designer Stefan Sagmeister, 45, hat ein paar Dinge im Leben gelernt und verkündet sie nun der Welt.
Sonnenaufgang. Ich reise viel und arbeite am liebsten an neuen Ideen in einem Hotelzimmer, das ich gerade bezogen habe. Wenn mein New Yorker Studio weit weg ist, dann ist die Selbstzensur im Kopf großzügiger und erlaubt manches, das hier im Studio mit einem eindeutigen »Das geht nicht« sofort abgeschossen würde. Durch den Jetlag wache ich in Hotels meist im Morgengrauen auf. Dann setze ich mich an den Tisch und beginne mit den schwierigsten Projekten. Wenn um sechs Uhr die Sonne aufgeht, packe ich meine Zigarillos aus. Von da an rauche ich Kette, oft 30 Stück am Tag. In New York rauche ich hingegen gar nicht.
Eben bin ich aus Jerusalem zurückgekehrt, wo ich nach neuen Standorten für einige meiner Sätze gesucht habe. Seit Jahren veröffentliche ich auf Plakatwänden, in Magazinen und über Projektionen Sätze über die Dinge, die ich bisher im Leben gelernt habe. Ursprünglich stammen diese Maximen aus meinem Tagebuch, mittlerweile habe ich sie in der ganzen Welt verstreut, in Linz, in Schottland, in New York. Nach Jerusalem bin ich gereist, weil das Israel Museum umgebaut wird und während der Bauzeit auf einem Hügel über der Stadt ein paar Sätze platziert werden sollen. Everybody always thinks they are right passt ganz gut.
Sonnenuntergang. Seit meinem zwölften Lebensjahr arbeite ich an meinem Tagebuch, das auf zwanzig großformatige Skizzenbücher angewachsen ist.
Seit einigen Jahren verwende ich aber einen Computer, weil meine Handschrift in den unruhigen Zeiten, in den interessantesten Phasen also, unleserlich wurde. Früher habe ich Skizzen als Ziel verstanden und versucht, sie so exakt wie möglich umzusetzen. Diese Methode wurde eingleisig. Daher suchte ich nach anderen Methoden. Zeitbeschränkung etwa. Wir hatten den Auftrag, fünf Plakatwände für die Stadt Paris zu gestalten. Dafür mieteten wir eine Großbildkamera, flogen nach Arizona und gingen täglich um sechs Uhr in die Wüste, um aus Dingen, die dort herumliegen, die Entwürfe zu gestalten. Für fünf Plakate gaben wir uns fünf Tage Zeit. Um 17 Uhr mussten wir fertig sein, weil die Sonne unterging.
Aus meinen Sätzen habe ich nun ein Designbuch für Nichtdesigner gemacht: Things I have learned in my life so far. Designbücher für Designer sind meist langweilig. Weil meine Designvorträge bei Chirurgen, Grundstücksmaklern oder Gymnasiasten aber immer gut angekommen sind, habe ich mir diese Menschen als Zielgruppe gewählt.
In den nächsten Tagen breche ich mit dem Buch zu einer Promotiontour durch die USA auf. Und im Mai durch Europa.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.A12
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