Geldanlage Zocken mit Heraklit

Die Welt wächst zusammen. Das macht es schwer, beim Vermögensaufbau die Risiken zu streuen – für Kleinanleger ebenso wie für institutionelle Investoren

Wenn die ersten Philosophen im alten Griechenland die Welt beschreiben wollten, benutzten sie die Formel hen kai pan. Übersetzen lässt sie sich mit »Alles ist eins« – alle Dinge hängen miteinander zusammen. Nun ist die Beschäftigung mit den Ursprüngen des abendländischen Denkens weder bei Kleinanlegern noch bei Börsenhändlern die populärste Freizeitbeschäftigung. Dabei hätte die Erkenntnis der Griechen viele Investoren in der aktuellen Finanzmarktkrise vor erheblichen Verlusten bewahren können. Denn es stellte sich heraus, dass der Zusammenhang oft größer ist, als man dachte. Viele Marktteilnehmer hätten »die Korrelation der Ausfallwahrscheinlichkeiten stark unterschätzt«, schreibt die Bundesbank in ihrem letzten Bericht zur Finanzstabilität. Kaum jemand hätte vor Beginn der Marktturbulenzen prognostiziert, dass der Häusermarkt nicht nur in den überhitzten amerikanischen Boomregionen, sondern in den USA insgesamt kollabiert. Oder dass im Zuge der Krise nicht nur jene mit zweitklassigen US-Immobilienkrediten besicherten Wertpapiere, sondern fast alle komplexen strukturierten Finanzprodukte an Wert verlieren. Aber genau so ist es gekommen. Den Banken beschert das immer neue Milliardenlöcher in ihren Bilanzen, und auch viele Privatanleger müssen ein schmerzhaftes Minus in ihrem Portfolio verkraften.

Lege niemals alle Eier in einen Korb – das ist leichter gesagt als getan

Die Frage nach dem Gleichlauf von Finanzinvestments gehört zu den wichtigsten Themen bei Investmententscheidungen. Man soll schließlich, so heißt es, niemals alle Eier in einen Korb legen. Doch das ist offenbar leichter gesagt als getan.

Es gibt einige Grundregeln, die sich bewährt haben. Etwa, dass es auf die richtige Mischung aus Aktien und Anleihen ankommt. Aktienkurse steigen, wenn die Wirtschaft gut läuft, und Anleihen werden teurer, wenn die Konjunktur stockt. Doch darüber hinaus wird es schon kniffliger. So ist zum Beispiel geografische Distanz immer seltener ein Garant für Unabhängigkeit. Der internationale Handel schweißt die Märkte zusammen, die Weltwirtschaft ist über vielfältige Kanäle miteinander verwoben. Innerhalb Europas wird dieser Prozess durch den gemeinsamen Binnenmarkt und die einheitliche Währung verstärkt. Kaum ein ernst zu nehmender Experte glaubt daran, dass sich der Deutsche Aktienindex (Dax) dauerhaft von der Entwicklung der US-Börsen abkoppeln kann. Und tatsächlich waren Sorgen vor einer Rezession in den USA der Hauptgrund für den kräftigen Einbruch des Dax zu Jahresbeginn.

Die Wissenschaft bestätigt diese Beobachtung: Die Korrelation zwischen den europäischen und den amerikanischen Aktien- und Anleihemärkten hat Studien zufolge in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich zugenommen. Die Streuung von Vermögen über verschiedene Länder zur Reduzierung des Risikos in einem Portfolio wird immer wirkungsloser.

Die Liberalisierung der Finanzmärkte und Innovationen im Kreditsektor haben diese Entwicklung noch befördert. Die US-Immobilienkrise hat die deutschen Geldinstitute auch deshalb so schwer getroffen, weil es moderne Verbriefungstechniken ermöglichen, Kreditforderungen zu verpacken und an Investoren in der ganzen Welt zu verkaufen. »Die Banken und weitere Finanzinstitute sind heute in einem Maße voneinander abhängig, wie dies in der Vergangenheit unbekannt war«, sagt Jan Pieter Krahnen, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Frankfurt.

Entsprechend schwierig ist die Suche nach Anlagen mit sehr geringem Gleichlauf, nach unkorrelierten Assets. Hedgefonds werben damit, genau diese Produkte anzubieten. Schließlich verdienen viele von ihnen dank ausgefallener Anlagestrategien auch bei fallenden Kursen. Das Problem: Wie genau die Fonds ihr Geld anlegen, ist kaum bekannt, weshalb niemand weiß, wie ihr Portfolio reagiert. Studien zeigen, dass auch die Hedgefonds-Branche unterm Strich dann die höchsten Gewinne macht, wenn die Weltwirtschaft rund läuft und die Kredite sprudeln. Das gilt im Übrigen auch für Private Equity. Nach Jahren des Booms ist der Markt für Transaktionen so gut wie ausgetrocknet.

Und es gibt ein weiteres, grundsätzlicheres Problem: Das Verhalten der Anleger kann Gleichlauf stiften, wo ökonomisch gesehen eigentlich keiner vorhanden sein sollte. Der Preis einer Finanzanlage hängt ab von Angebot und Nachfrage. Langfristig und in normalen Zeiten orientieren sich diese an realwirtschaftlichen Größen: Der Kurs einer Aktie steigt, wenn ein Unternehmen gute Gewinne macht, eine Währung wird durch eine boomende Wirtschaft aufgewertet. Doch die Zeiten sind nicht immer normal, und Investoren reagieren immer wieder irrational. Oft hat eine Störung in einem Segment des Finanzmarkts zur Folge, dass institutionelle Anleger aus Angst vor neuen Verlusten grundsätzlich davor zurückschrecken, neue Risiken einzugehen, und ihr Geld lieber horten. Das ist der Grund dafür, dass Investoren derzeit auch Wertpapiere meiden, die mit hochwertigen Forderungen wie solchen aus Studienkrediten besichert sind – obwohl bislang hauptsächlich minderwertige Immobiliendarlehen von Zahlungsausfällen betroffen waren. Und dass Anleger sich bei vergangenen Finanzkrisen aus allen Schwellenländern zurückzogen, obwohl es nur in einem Staat Probleme gab. Die Folge ist, dass die Anlagen auf Talfahrt gehen.

Nur wenige Anlagen trotzen dem Gleichlauf der Märkte

Eine völlig von ihrem Umfeld unabhängige Finanzanlage gibt es schlicht nicht. Vorsicht ist deshalb geboten, wenn Finanzdienstleister damit werben, durch eine breite Streuung von Anlagen Verluste auszuschließen. Dennoch kann man sich auf die Suche nach den feinen Unterschieden begeben, die es auch in einer Welt des Gleichlaufs gibt. Eine schwere Rezession in den USA wird an den Schwellenländern zwar nicht spurlos vorübergehen. Doch vieles deutet darauf hin, dass sie nicht so stark unter Druck geraten wie noch vor ein paar Jahren – und erst mit einiger Verzögerung. Staaten wie China oder Indien wachsen zunehmend aus sich selbst heraus und haben hohe Devisenreserven als Sicherheitspolster. Und es gibt Trends, die das Auf und Ab der Konjunktur überdauern dürften. Etwa bei den Rohstoffen. Wenn die Weltkonjunktur abkühlt, geht auch die Nachfrage nach Öl zurück. Doch gerade die Länder, die derzeit boomen, verbrauchen besonders viel davon. Und es ist klar, dass es irgendwann zur Neige geht. Damit ist ein deutlicher und anhaltender Preisrückgang unwahrscheinlich.

Die Suche nach diesen feinen Unterschieden ist ein mühseliges Unterfangen. Doch es kann sich auszahlen. Der Verzicht darauf ist jedenfalls riskant – wie die Milliardenverluste der Banken zeigen.

 
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