Ganz entspannt
Tag für Tag nimmt er denselben Weg ins selbe Büro, verzichtet mittags aufs Sahnedessert und macht montags bis freitags Punkt zwölf das Licht aus. Kaum aber legt man den Menschen einen Tag in die Südseesonne, streift er sich zu kurze und zu bunte Kleider über, küsst fremde Menschen und tanzt zu Liedern, deren Zeilen sich auf »vaya« und »playa« reimen. Entspannen ist eine heikle Angelegenheit.
Wenn schon Entspannung, dann lassen wirs richtig krachen, muss sich Nordkoreas Führung gedacht haben. Soeben weilte das New York Philharmonic Orchestra zu einem Gastauftritt in Pjöngjang, ein historisches Ereignis, schließlich sind beide Länder seit dem Koreakrieg verfeindet. Das Orchester spielte Antonøn Dvoáks Neunte (Aus der Neuen Welt) und George Gershwins An American in Paris, Dirigent Lorin Maazel sagte, dass wohl bald ein Stück über Amerikaner in Pjöngjang geschrieben werde, die nordkoreanischen Kader saßen artig lauschend auf ihren Stühlen, und alles klatschte und lächelte im Dienste der Völkerverständigung.
Die Musiker hatten ihre Instrumente noch nicht eingepackt, da verkündeten die Nordkoreaner, dass sie als Nächsten den englischen Rockmusiker Eric Clapton einladen möchten. Auf die Bilder der Fernsehübertragung darf man gespannt sein. Wohlerzogene Kader, die zu Claptons Cocaine Luftgitarre spielen? Nordkorea wird entspannungssüchtig. Was kommt als Nächstes? Schieber tanzen zu Enrique Iglesias? Blues tanzen zumindest, das wird jeder Austauschschüler bestätigen, hat der Völkerverständigung noch nie geschadet.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.5
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