Medizin Diabetisches Dilemma

Eine neue Insulinform soll jugendlichen Zuckerkranken ein spontanes Leben ermöglichen. Doch die Krankenkassen zahlen das Medikament nicht. Zu Recht?

Auf Anhieb mutet die verhandelte Sache eindeutig an: Ein neue Insulinform (sogenannte Insulinanaloga) wirkt sehr kurzfristig. Sie kann deshalb nur wenige Minuten vor einer Mahlzeit gespritzt werden. Besonders den 25.000 diabeteskranken Kindern und Jugendlichen in Deutschland mit ihrem manchmal unberechenbaren Tagesablauf sollen die Medikamente die Freiheit für einen ungeplanten Snack zwischendurch geben.

In der vergangenen Woche entschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) darüber, ob Zuckerkranke auf Krankenkassenkosten dieses spezielle Insulin erhalten können. Dabei stellte der G-BA fest: Was auf dem Papier so plausibel erscheint, ist in Wirklichkeit nicht stichhaltig. Der Ausschuss befand, dass die Beweislage nicht ausreiche, um einen Zusatznutzen der kurzwirksamen Insuline zu belegen. Nach vorliegender Studienlage wiesen die Körper normal behandelter Kinder weder mehr Anzeichen für einen schlecht eingestellten Zuckerhaushalt auf, noch unterscheide sich ihre Lebensqualität von der solcher Kinder, die sich mit den kurzwirksamen Insulinen therapieren. Kurz, die neuen Insuline seien teurer, und es sei nicht belegt, dass sie besser seien als die alte Standardtherapie.

Wohlgemerkt: Der Bundesausschuss hat nicht etwa festgestellt, dass die neuen Insuline ein Flop seien, sondern nur, dass die Industrie die Vorteile nicht belegt habe. Diese Argumentation hatte sogar die Patientenvertreter im G-BA überzeugt. Sie schlossen sich dem ablehnenden Votum der Experten an.

Nach der vordergründigen Datenlage ist die Sache einwandfrei gelöst. Man könnte sie ad acta legen – wären da nicht Kinderärzte mit ihren praktischen Erfahrungen. Viele, die täglich mit diabeteskranken Kindern zu tun haben, erleben die kurzwirksamen Insuline als Segen für ihre Patienten – obwohl sie das schlecht belegen können. Die Praktiker räumen aber auch ein, dass nicht genug in die Forschung der Langzeitauswirkungen der neuen Therapie investiert wurde.

Mit seinem Entschluss spielt der G-BA den Ball zurück an die Industrie. Sie muss entweder günstigere Preise offerieren oder überzeugendere Studien liefern. In der Zwischenzeit dürfen Ärzte ihre frisch diagnostizierten Patienten im Kindesalter nur mit den normalen Insulinen einstellen. Erst wenn diese Therapie misslingt, können die Mediziner bei den Krankenkassen auch kurzwirksame Insuline beantragen.

Heute versagt die G-BA den jungen Diabetikern ein Stück Freiheit. Ob sie damit richtig liegt, wird sich erst viel später zeigen – am körperlichen Zustand der dann erwachsenen Patienten. Es ist ein Dilemma der Medizin, dass man heute eine Therapie einführen könnte, deren Wert man erst in Jahrzehnten sieht. Harro Albrecht

 
Leser-Kommentare
  1. was nicht alles versagt, kontrolliert, wegrationalisiert wird....Nee, da hilft nur eins: Privatpatient sein oder einfach Knete haben oder in einem anderen Land leben.
     
    Und wie viele Diagnosen werden eigentlich gestellt, um kassentechnisch bestimmte Medikamente geben zu können?
     
    Das ist alles unglaublich verrückt. Und keiner schreit.

  2. Zu DDR-Zeite wäre es  überhaupt keine Frage gewesen: Jeder hätte _selbstverständlich_ das Medikament bekommen, ohne einen Pfennig zu bezahlen !Genau _so_ was das, auch wenns der Wessi vielleicht kaum glauben kann: Mal einen Ossi danach fragen !!

    • TDU
    • 01.03.2008 um 19:28 Uhr

    Dieser Vortiel gilt auch für Erwachsene. Isst man z. B.in einer Großküche oder hat beruflich unregelmäßige Essenszeiten,  kann man vorm Anstellen oder vorm ungefähren Essensdatum spritzen. Dauert es dann zu lange, droht Unterzuckerung. Macht mans vorm Essen, kann man die Wirkung nicht abwarten, da sonst alles kalt ist.
    Es gilt also immer noch der Spruch. Als Dianbetiker ist man am besten Beamter, denn dann hat man garantierte Essenszeiten.
    Die geschilderte Vorgehensweise ist für ein reiches Land wie Deutschland erbärmlich und zeugt von der interessengeleiteten (Wer ist an dem Kölner Ínstitut, das diese Vorgehensweise schon mal durchsetzen wollte beteiligt?) Realitätsferne der Verantwortlichen.
    Im übrigen hat Deutschland ja auch dafür gesorgt, dass im Ausland produziert wird, sonst wäre es vielleicht billiger. Und der Mehrwertsteuersatz von 19% in Deutschland ist genauso ein Skandal.
    Mein Traum: Ein Millionengewinn, bescheiden leben und den Vorteil haben, nie mehr auf eine Krankenkasse angwiesen zu sein.   

    • TDU
    • 01.03.2008 um 19:35 Uhr

    Natürlich war das kein Plädoyer gegen eine solidarische Versicherung, in die alle einzahlen, und Gesundheit somit für alle erschwinglich ist. Aber was wird draus gemacht. Früher gab es jede Vitaminpille auf Krankenschein und heute wird immer mehr gekappt. Sparen kann man das nicht nennen. Es ist Kürzung auf dem Rücken des "Normalbürgers".

  3. Wozu sollten denn die Leute auch eine Lebenserwartung von mehr als 67 haben ?? Ab dann kosten sie doch nur ...Also schön die "GesundheitsVersorgung" daraufhin optimieren, dass der NormalBürger bis zur Grenze leistungsfähig bleibt und dann schnell umfällt.Die mathematischen Mittel der Statistik werden in der Medizin ja breit angewandt. Und durch Auswahl geeigneter Krankheiten und Behandlungsmethoden lässt sich og. Ziel auch erreichen.

  4. allerdings handelt es sich bei Diabetikern und anderen chronisch Kranken nicht um "medizinisch berechenbare Durchschnittsgrößen", sondern um Individuen, welche völlig unterschiedlich auf Medikamente reagieren.Laut GBA gibt es quasi weder Medikamentenunverträglichkeiten, noch Allergien, denn diese finden sich ja im Durchschnitt nicht. Das sind Einzelfälle!Ärzte haben immer weniger Einfluss darauf, wie ihre Patienten behandelt werden. Und Patienten "testen" oftmals, was sie vorher schon wissen: 1. die individuelle Unwirksamkeit 2. die individuelle Unverträglichkeit um erst dann per aufwendigem Genehmigungsverfahren verschrieben zu bekommen, was sie tatsächlich benötigen.Betrachtet man andererseits Arzneiausgaben für Medikamente, welche sich als wirkungslos erweisen (Antidepressive) oder die Kosten für Reihenuntersuchungen (Brustkrebsvorsorge), damit 1 Fall unter 1000 entdeckt werden kann, dann fragt man sich, wer hier noch "nachdenkt".Zu den Hintergründen zum kurzwirksamen Insulinanalogikum, welche leider im Zeit-Artikel nicht angesprochen wurden, gibt es Näheres hier:Sparen bis der Arzt kommt: BGA und "betriebswirtschaftlich" berechnete GesundheitMonika Armand

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