Belletristik Nie gab es so viele gute Bücher
Der Bildungsbürger lebt
Es ist zwar richtig, dass früher alles besser war und dass es mit der Bildung ständig bergab geht. Jedenfalls behaupten das unsere notorisch sorgenvollen Verleger immer dann, wenn mal wieder einer ihrer Auflagenblütenträume nicht in Erfüllung gegangen ist. Andererseits aber hat es noch nie eine so große Menge guter Bücher gegeben. Mit »gut« ist nicht allein das sachliche oder literarische Niveau gemeint, sondern auch die Qualität der Herstellung, des Papiers, der grafischen Gestaltung. Und mit »Büchern« ist nicht nur das gemeint, was gegenwärtige Dichter und Sachbuchautoren uns vorlegen, sondern auch die hervorragenden Klassikereditionen, die zahlreichen Neuübersetzungen und Wiederentdeckungen.
Die Behauptung, das klassische Bildungsbürgertum sei tot, wird durch ihre Wiederholung nicht richtiger, und angenommen, es wäre tot, so bliebe die Frage unbeantwortet, was an seine Stelle getreten ist. Mehr als eine Million Menschen haben Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt gekauft, wenn nicht sogar gelesen. Die Voraussage, ein Roman, der den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauß zu seinen ebenso liebenswürdigen wie skurrilen Helden mache, könne zum Erfolg werden, hätte unter Kennern Heiterkeit erregt. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Martin Walsers neuer Roman Ein liebender Mann, in dessen Mittelpunkt Goethe steht und seine Liebe zu Ulrike von Levetzow, zahlreiche Leser finden wird. Humboldt, Gauß, Goethe! Es lassen sich viele Beispiele für die These finden, dass der Bildungsbürger zu neuem Leben erwacht ist, mag sein, in zeitgemäß modernisierter Form. Jedenfalls gilt es nicht mehr als cool, den Ödipus für ein Deo zu halten, und wer von Germanistikstudenten ein gehöriges Lesepensum verlangt, wird kein Murren mehr hören.
Ist also alles so schön, wie es nie war? Etwas hat sich verändert. Markttechnisch gesprochen, hat sich das Angebot stärker entwickelt als die Nachfrage. Trotz heiliger Schwüre mancher Verleger, Maß zu halten: Die Titelproduktion steigt ständig, und ständig entstehen neue, interessante Verlage. Die Leser haben den Gewinn, aber ihre Zahl wächst nicht. Daraus folgt, dass die Durchschnittsauflage sinkt und die Kalkulation enger wird. Nimmt man hinzu, dass der an Wissen und Kultur interessierte Großstädter an jedem Abend zwischen einem Dutzend Theateraufführungen, Podiumsdiskussionen und Lesungen wählen kann, ganz abgesehen davon, dass die 34 oder mehr Fernsehkanäle hier und da auch noch Sehenswertes senden, dass es immer noch sehr gute Zeitungen gibt und dass eine Stunde im Internet nicht unbedingt verlorene Zeit ist, dann begreift man, dass wir in einer Epoche kultureller Überproduktion leben. Ihre Schattenseite, nämlich das Gefühl der Überforderung, kennt jeder. Aber wie viel schöner als Unterforderung oder gar Mangel dieser Überfluss ist, sollten wir nicht erst erfahren und lernen müssen.
- Datum 27.02.2008 - 03:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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