Lange Zeit kostete nichts so viel Strom wie die Herstellung von Aluminium. Oft standen die Schmelzen in der Nähe großer Kraftwerke. Auch die Eigentümer der Northwest Aluminium Smelter wählten ihren Standort bewusst: The Dalles, eine Stadt am Columbia River, ganz oben im US-Bundesstaat Oregon. Etwas östlich staut ein mächtiger Damm den Fluss, aus dem die Hütte 14 mal mehr Elektrizität zog als alle Bewohner von The Dalles zusammen.

Seit einiger Zeit steht der Stromfresser in The Dalles still. Doch gleich nebenan hat sich vor zwei Jahren ein legitimer Nachfolger der alten Schwerindustrie angesiedelt, der die Hütte in Sachen Energiebedarf bei Weitem übertrifft: Google.

»Project 02« stand auf den Bauschildern, und lange Zeit wusste kaum jemand im Ort, in wessen Auftrag die Bagger unterwegs waren. Erst spät sprach sich herum: Google baut eines seiner Rechenzentren. Zwei Hallen stehen nun am Columbia, jede so groß wie ein Fußballfeld. Im Innern arbeiten Tausende hochspezialisierte Computer, Server genannt. Wer im Internet den Wetterbericht sucht, sich bei Google Maps eine Wegbeschreibung ausrechnet oder bei YouTube ein Video anschaut, lässt hier die Prozessoren heiß laufen. Jeder Prozessor verbraucht etwa so viel Energie wie eine gleich großes Stück Schnellkochplatte, und weil es so viele sind, benötigen sie ein eigenes Kraftwerk. Schätzungen zufolge zieht Google in The Dalles 25 Prozent mehr Energie als die alte Aluminiumhütte.

Rechenzentren sind die Fabriken des Informationszeitalters. So wie einst automatisierte Webstühle und später die industrielle Fahrzeugproduktion die Gesellschaft veränderten, tut es heute die Datenverarbeitung. In Rechenzentren werden Kontobewegungen verbucht, Lieferketten von Maschinenbauern optimiert, Streckenpläne von Fluggesellschaften aufeinander abgestimmt. Weltweit gibt es derzeit etwa drei Millionen Zentren – und der Boom geht weiter, beschleunigt durch die zunehmende Vernetzung der Menschheit. 65 Millionen Nutzer besuchen regelmäßig den digitalen Treffpunkt Facebook, mehr als 200 Millionen kaufen oder verkaufen Waren bei eBay, und 280 Millionen verschicken über Hotmail ihre elektronische Post.

Die Folge: Der Stromverbrauch aller Rechenzentren dürfte mittlerweile der Produktion des Vattenfall-Konzerns entsprechen, einem der größten Energieerzeuger der Welt. In den USA, deren Stromnetz öfter von Blackouts geplagt ist, werden bereits die geeigneten Standorte rar.

An mehr als einem Dutzend Stellen wurde der Columbia River aufgestaut, um seine Strömung in Strom zu verwandeln, und alle mit großen Namen haben hier ihre Rechenzentren errichtet: Microsoft ebenso wie Yahoo!, die Suchmaschine Ask und zahlreiche Datendienstleister. In den 1940ern komponierte die Folklegende Woody Guthrie im Auftrag der Energiebehörde BPA sogar eine Hymne auf die schier unendliche Elektrizität aus dem Columbia River. Wie sollte er ahnen, dass der Strompreis steigen und sich hier einmal die Computerbranche um die guten Plätze schlagen würde?

Langsam dämmert den Unternehmen ihr Problem. »Hochgradig abhängig« sei man von der Energiezufuhr, gibt Google zu. Strom ist der einzige Rohstoff der Informationsindustrie. Damit geraten Energiekosten zum größten und zugleich unkalkulierbaren Risiko der IT-Unternehmen, das über ganze Geschäftsmodelle entscheiden kann.