Gymnasien behüten Kinder zu sehr

Beide Autoren Susanne Gaschke und Thomas Kerstan haben die Problematik der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von 9 auf 8 Jahre von allen Seiten gründlich und beinahe erschöpfend behandelt.

Ein Argument für G8 muss hier nachgetragen werden: Für die zu begrüßende G8-Abiturlaufbahn müssen nicht nur die bisherigen Curricula gründlich durchforstet werden, sondern muss auch die Jobberei der SchülerInnen der Sekundarstufe II auf ein zuträgliches Maß reduziert werden.

Wilfried Götting, Herford

Ich gehöre ja auch zu dieser deutschen Spätentwicklergeneration: Erst mit fast 7 eingeschult, 13 Jahre in Grundschule und Gymnasium vertrödelt, ein knappes Jahr Zivildienst und einen klassischen Diplomstudiengang absolviert. Mein Physikdiplom hatte ich mit 25, rund 3 Jahre jünger war ich da als der von Herrn Kerstan behauptete 28-jährige deutsche Durchschnittsabsolvent. Ich beschloss, eine Doktorarbeit dranzuhängen was schnell mal vier Jahre dauern kann, wenn man ernsthafte, eigenständige Forschungsarbeit leisten soll. Ein schwerer Fall für den Arbeitsmarkt?

Ich erinnere mich, dass mir nach der Grundschule empfohlen wurde, auf ein Hochbegabten-Gymnasium zu gehen. Klassen überspringen stand auch zur Debatte. Stattdessen ging ich auf das normale deutsche Gymnasium, habe nebenbei sehr viel Zeit dem Sport gewidmet und die von Herrn Kerstan angeprangerte Leerlaufzeit in den Schuljahren 11 und 13 für Jahrbuch, Schülerzeitung und ja, ich gestehe Langeweile, Nachdenken und Erwachsenwerden genutzt. Sport, Musik, Schüleraustausch, freiwilliges und eigenständiges Arbeiten über den Lehrplan hinaus: Wer würde behaupten, dass solche Aktivitäten unter einer Verkürzung der Schulzeit nicht leiden müssten?

Mal angenommen, Herr Kerstan hat recht und der 24-jährige Niederländer ist genauso qualifiziert wie der 28-jährige Deutsche: Wie viel Zeit »gewinnen« wir durch die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr, verbunden mit der Umstellung auf die Bachelorstudiengänge? Und wie viel Qualifikation fachlich, vor allem aber persönlich! geht uns dabei verloren?

Michael Sentef, Augsburg

Ich danke Thomas Kerstan für seine konstruktive Antwort auf die Reformklage von Susanne Gaschke, die mich hier sehr enttäuschte. Aus meiner Arbeit mit Schülern in der Lernförderung und Lehrern in der Fortbildung sehe ich vier wichtige Ansätze zur Entwicklung von Schule: 1. Aufhören mit der Überbehütung der für das Gymnasium geeigneten Schüler durch sinnvolle Herausforderungen. 2. Mehr Wertschätzung für alternative, praxisorientierte Bildungswege (Realschule) durch die Gesellschaft, die auch zum Abitur führen können. 3. Zeitgemäße Lehrpläne und qualitative Entwicklung von entsprechendem Unterricht.

4. Vor allem personelle Voraussetzungen inklusive Zeit und Geld für Lehrerfortbildung schaffen.

Carola Arnold, Dresden

Meinen langjährigen Erfahrungen nach als Deutscher im Ausland können Deutsche sehr wohl mit anderen konkurrieren. Außerdem wird in der deutschen Diskussion immer übersehen, dass der viel zitierte Engländer, der mit 21 oder 22 Jahren ins Berufsleben einsteigt, 13 Jahre auf die Schule geht! Die Unterschiede zu Deutschland liegen woanders. Abgesehen vom fehlenden Wehrdienst in Großbritannien, sind es 1. die Einschulung mit fünf Jahren und 2. das verschulte Bachelorstudium von drei Jahren.

Hans-Martin Gutmann, Twyford, England

Ich möchte als 20-jährige Studentin widersprechen. Was bringt das Jahr Verkürzung? So gut wie nichts. Viele von denen, die mit mir vor einem knappen Jahr Abi gemacht haben, machen jetzt ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr, gehen ins Ausland und arbeiten dort oder tun einfach nichts. Auch nach einem Jahr weniger Schule hätten sie es wohl so gemacht.

Das 11. Schuljahr? Sinnlos? Viele gehen ins Ausland in dem Jahr, richtig. Und jeder, der wiederkommt, spricht wunderbar Englisch, Französisch oder Spanisch und erzählt von einer tollen Erfahrung. Die 11. Klasse wird auch benötigt, um sich darüber klar zu werden, welche Leistungskurse man in der 12 wählen wird.

Das zweite Halbjahr der 13 sei nur Leerlauf? Nein, man macht Abitur!

Klausuren, schriftliche und mündliche Abiturprüfungen und vieles mehr!

Der Durchschnittshochschulabsolvent sei 28 Jahre alt? Verständlich, denn in meinen Einführungsveranstaltungen in Politikwissenschaft sitzen Studenten, die im 17. Semester sind. Die Einführung des Bachelors wird dies in Zukunft verhindern, aber wer 17 Semester lang studieren will, für den ist der frühestmögliche Berufseinstieg wohl nicht so wichtig, egal, wie viele Jahre er zur Schule ging. Und die Schüler, die Herr Kerstan anspricht, die mit 20 noch zwangsbeschult werden, werden das mehr oder weniger freiwillig: Wer mit 20 noch nicht sein Abi hat, ist mindestens ein Mal sitzen geblieben.

Mona Jaeger, Langenselbold

 
Service