Hart, und dazu noch unfair
Der Moment, in dem die Vorsitzende Richterin ihr Mikrofon ein letztes Mal einschaltete, musste der Moment einer Kapitulation sein, so oder so. Hätte sie Klaus Volkert, den früheren Chef des Volkswagen-Betriebsrates, am Freitag zu einer milderen Strafe verurteilt als den ehemaligen Vorstand Peter Hartz, hätte das Landgericht Braunschweig die VW-Affäre verharmlost. Jetzt, da Volkert zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden ist, während Hartz mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davonkam, versteigt sich das Gericht zu der Behauptung, der Helfer eines Täters habe mehr Schaden angerichtet als der Täter selbst. Hartz, verurteilt wegen Untreue: Bewährung. Volkert, verurteilt wegen Beihilfe zur Untreue: Gefängnis. Die Staatsanwälte und Richter sind in eine Falle getappt, die sie selbst aufgestellt hatten. Die Falle war Peter Hartz.
Jetzt ist Klaus Volkert die VW-Affäre, das, was davon übrig geblieben ist. Glaubt man den Richtern, gab es kein System VW, nur vereinzelte Täter. Das Gericht hat der Affäre ihre Dimension geraubt, denn die Frage, wer mit wem schlief, war bei Volkswagen eine Frage des Systems.
Die Richter sind an einem Wirtschaftskonzern gescheitert, und deswegen muss man mit dem hilflos davonstapfenden Klaus Volkert weniger Mitleid haben als mit der hilflosen Braunschweiger Justiz.
Sollte künftig einer fragen, wer im VW-Skandal der Schuldige war, wird man behaupten dürfen: Klaus Volkert, geboren 1942, gelernter Schmied, verheiratet, eine Tochter. Er muss büßen, auch dafür, dass das Gericht nicht imstande war, die ehemaligen Vorstandsmitglieder Peter Hartz und Ferdinand Piëch in die Zange zu nehmen. Wenn es nicht so lächerlich klänge, müsste man jetzt fordern: Freiheit für Volkert!
Diese Schlagzeile würde keine Boulevardzeitung drucken, weil der Ex-Arbeiterführer als ein gewissenloses Ferkel gilt, das sich auf Kosten der Firma in Bordellen räkelte. Wer sich jemals Volkerts ausschweifende Hotelnächte von VW-Männern nacherzählen ließ, begreift, dass der bei VW auch der skrupellose Nachtarbeiterführer war. Würden moralische Maßstäbe gelten, hätte er »lebenslänglich« kriegen müssen.
Aber um die Moral geht es nicht, es geht um das Recht. Von Beginn an hatte es Hartz leichter als der bockige Volkert, der mit verschränkten Armen vor den Staatsanwälten saß und ihnen erzählte, er habe sich nichts vorzuwerfen. Er ließ die Ermittler seinen Hochmut spüren. Hartz dagegen zierte sich während seiner Befragung so sehr, dass die Staatsanwälte Mitleid empfinden konnten für den gefallenen Engel. Die Frage nach einer Hure verletzte so sehr sein Schamgefühl, dass die Vernehmung unterbrochen werden musste, damit Hartz sich beruhigen konnte. Das war nicht gespielt, aber es nützte ihm.
Mit den Staatsanwälten verständigte sich Hartz auf einen sogenannten Deal, der seinen Gerichtsprozess verkürzte. Er legt ein Geständnis ab, das Gericht erspart ihm den peinlichen Auftritt von Huren. Hartz sagt, was er über die zwei Millionen Euro Sonderbonuszahlungen an Volkert weiß, und das Gericht vergisst die paar Tausend Euro, die aus der Firmenkasse für die Mädchen des Peter Hartz bezahlt wurden.
Volkert, der Parvenü, bot sich Hartz für dessen moralische Entlastung an
Wer bei der Urteilsverkündung im Fall Hartz zuhörte, dem fiel ein Gegensatzpaar auf: Fremdnutz und Eigennutz. Zwar zeichnete Hartz Bonuszahlungen ab, er war sogar ihr Erfinder, aber er handelte angeblich nicht aus Eigennutz. Den Sonderbonus strich der gierige Volkert ein. Hartz verteilte verbotene Geschenke aus einer Schatzkammer, die kaum jemand kannte. Er wusste, wie man die Kammer öffnet, aber er selbst bediente sich nicht. So endet die Geschichte von Peters Verführbarkeit, und dank des Bösewichts Klaus Volkert funkelt die Geschichte so prächtig.
Aber die Geschichte stimmt nicht. Hätten die Staatsanwälte nicht mit Hartz gedealt, wären seine Bordellgeschichten in der Verhandlung zur Sprache gekommen und sein Eigennutz. Niemand hätte seine milde Strafe mit dem Argument verteidigen können, Hartz habe nicht profitiert. Oder ließ er sich zum Wohl der Firma mit Frauen versorgen?
Gäbe es unter Managern einen Wettbewerb um den besten Ruf, könnte jeder gegen Hartz gewinnen. Allein Volkert, der gerissene Parvenü, bot sich Hartz für dessen moralische und juristische Entlastung an. Unter all den hässlichen Reichen, die sich vor Staatsanwälten fürchten müssen, ist Volkert der hässlichste, weil er sich zu denen da oben durchmogeln wollte und auf den letzten Metern stolperte. Er ließ sich eine Ehrendoktorwürde anheften, sein Jahresgehalt stieg auf fast 700000 Euro. Auf dem VW-Flugplatz in Braunschweig bestand er auf seinem Parkplatz in der ersten Reihe. Er flog mit Vorständen in der Businessclass zu Autowerken in Südamerika, er rettete mit ihnen Jobs und bedrohte mit ihnen Jobs. Er hörte Hartz sagen, dass Kapital und Arbeit miteinander versöhnt würden, wenn Volkert als Co-Manager auftrete. In einem Braunschweiger Mietshaus schliefen Betriebsräte und leitende Angestellte mit Huren in derselben Wohnung. Das war der inoffizielle Teil des Co-Managements.
Aber gab Hartz nicht vor Gericht zu, dass er die Idee mit dem Sonderbonus hatte? Hartz sagte, Volkert habe ihn nicht angestiftet.
Glauben die Richter das nicht? Glauben sie, Volkert manipulierte die Chefs?
Der ZEIT sagte Volkert, er sei mit Ferdinand Piëch, dem früheren Vorstands- und heutigen Aufsichtsratschef bei VW, »auf Augenhöhe« gewesen. Im Gerichtssaal kam es zu einer Gegenüberstellung der beiden Könige, als der Zeuge Piëch aussagte. Man wusste gar nicht, wo man mehr über die Machtverhältnisse erfahren konnte: auf der Zeugenbank, wo der entspannte Piëch die Fragen des Leitenden Oberstaatsanwalts mit einem zuckenden Lächeln vernichtete, oder auf der Bank der Angeklagten, wo Volkerts Gesicht mit jedem Satz Piëchs in neuen Farben leuchtete. Der ehemalige Boss stritt ab, Volkert öfter getroffen zu haben, und Volkert erstarrte in der demütigen Haltung des Ertappten, dem die Legenden eines trickreichen Lebens um die Ohren flogen. Gleich fängt er an zu weinen, dachte man für einen Moment, dann straffte sich Volkert. Gleich steht er bestimmt auf, schlägt die Hacken zusammen und ruft zum Salut: »Wie Sie meinen, Herr Doktor Piëch!« Aber nichts dergleichen, der entmachtete König der Arbeiter duckte sich. Klaus Volkert blieb sitzen, still und derangiert. Dass sich der wahre König, Ferdinand Piëch, im Gerichtssaal nicht einmal winden musste, sondern seine Herrschaft erneuerte, bleibt der unaufgeklärte Skandal in dieser scheinbar aufgeklärten Affäre.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.25
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