»Ich schäme mich nicht mehr«

In einem ersten Moment des Schweigens, bevor das Gespräch beginnt, spürt man, wie privilegiert ein Mensch ist, der an diesem Ort lebt und arbeitet. Man befindet sich mitten im lärmenden Paris, wo im Februar schon die Bäume ausschlagen und die Menschen in den Straßencafés aussehen, als erwarteten sie vom Tag noch eine Überraschung. Aber hier, in diesem fünf Meter hohen Empfangssaal mit seiner Glasfront, die den Blick auf einen wilden Garten eröffnet, herrscht absolute Stille. Afrikanische Kunst, ein paar große Abzüge ihrer eigenen Fotografien, Antiquitäten: Dieser Ort ist ein Ergebnis alten Reichtums und generationenlanger Verfeinerung des Geschmacks.

Doch andererseits liegt da auch dieses Porträt auf dem Glastisch, das Porträt der Schauspielerin Charlotte Rampling. Es zeigt, dass der Begriff von Schönheit, den Bettina Rheims vertritt, nicht nur langsam gereift ist wie ein alter Bordeaux. Auf der anderen Seite ist er auch immer das Ergebnis einer großen Schlacht. Einer Schlacht, die die 56-Jährige »ich arbeite mich noch tot« kämpft wie eine Besessene.

»Je berühmter, desto besser«, sagt sie. » Man hat diese Menschen schon so oft gesehen, und du musst ihnen ein neues Bild abringen, gegen ihr Image, manchmal gegen ihren Willen. Sie wollen ihr Bild kontrollieren.

Aber an einem Punkt müssen sie die Kontrolle abgeben, sonst wird nichts passieren. Manchmal denke ich, ich mache wirklich harte Männerarbeit, nicht wegen meines Blicks auf die Dinge, sondern weil es physisch so hart ist. Morgens ziehe ich meine Kampfschuhe an und fühle mich wie mein Großvater, als er in den Ersten Weltkrieg zog.«

Auch ihre Modelle sehen ein wenig aus, als kämen sie aus einer Schlacht. Bettina Rheims nennt sich selbst eine Haut- und Fleischfotografin, weil man an dieser Oberfläche eine ganze Geschichte ablesen könne. Und es sind gerade die kleinen Kratzer, die Unvollkommenheiten auf dieser Oberfläche, die die Schönheit besonders strahlen lassen. Die meisten Frauen auf ihren Bildern wirken, als wüssten sie, was Leidenschaft bedeutet. Das ist auch der Zauber des Porträts der über 60-jährigen Charlotte Rampling. Selbstbewusst, fordernd schaut sie in die Kamera, und ihre Augen sagen: Ich weiß, was Leiden ist, aber es hat mich nicht gebrochen.

Auch Bettina Rheims strahlt diese wissende Heiterkeit aus. Mittelgroß, schlank, derbe Schuhe, Jeans, dunkler Pullover, lange braune Haare, ungeschminkt. Sie sieht aus wie eine attraktive Frau, die nicht repräsentiert, sondern arbeitet. » Ich finde mich nicht schön«, sagt sie, »aber ich finde mich okay. Ich bin in den letzten Jahren so nah zu mir selbst gekommen, wie ich es wollte. Ich schäme mich nicht mehr, ich habe keine Angst mehr. Das Altern ist nicht lustig, aber ich versuche, mich gut zu halten. Wenn ich eine dicke alte Frau werden würde, müsste ich mit diesem Beruf aufhören.«

Diese Frau, deren Materialien Schönheit und Jugend sind wie für andere Ton oder Marmor, war selbst ein unglückliches dickes Mädchen. Sie nahm ab und wurde Fotomodel. Ihre Nase ist etwas schief, man legte ihr nahe, sich operieren zu lassen, was sie ablehnte. Heute sagt sie, perfekte Schönheit sei ein Gottesgeschenk. » Du kannst dich bilden, aber du kannst dich nicht schöner machen.« Sie hörte auf zu modeln und schaute stattdessen durch die Kamera, die ihr Mann ihr geschenkt hatte. Sie wusste sofort, dass sie da »drin« bleiben wollte. » Es ist ein Privileg, der Welt einen Rahmen zu geben: alles in diesen Rahmen zu tun, was du willst, und draußen zu lassen, was du nicht willst.«

Seit 30 Jahren tut sie fast ausschließlich nackte Frauen in diesen Rahmen, legt sie unter ihr Mikroskop, wie sie es nennt.

Ihre Arbeit wurde oft angegriffen, mal empörten sich die Kirche und Anhänger des Front National, mal schimpfte Alice Schwarzer sie einen Macho, und immer wieder sah sie sich dem Vorurteil gegenüber, lesbisch zu sein, sodass sie jetzt schon vorsorglich einstreut, dass sie Männer lieber in ihrem Bett als vor ihrer Kamera habe.

Sie sagt, all die Frauen auf ihren Bildern seien kleine Schlüssel zu existenziellen Fragen. In der Serie Chambre Close war es die Sexualität: Sie fotografierte Frauen, die tagelang in ein Zimmer eingeschlossen waren und etwas miteinander hatten. Bei der Arbeit I.N.R.I., für die sie Bibelszenen nachstellte, war es die Religion.

Und in vielen ihrer Werke geht es, meist indirekt, um den Tod.

»Tod und Sex haben viel miteinander zu tun«, sagt Bettina Rheims lächelnd. » Orgasmus hieß im alten Französisch la petite mort, der kleine Tod. Es hat damit zu tun, dass etwas zu Ende geht, vielleicht auch damit, dass das Leben in diesem schönsten Moment aufhören sollte.« Es gehe um den ultimativen Moment, und darum gehe es auch in der Fotografie. » Verpass den Moment nicht! Ich kann das auf meinen Kontaktbögen sehen: Eine Sekunde zu früh ist er nicht da, dann ist er da, und eine Sekunde später ist er wieder weg.«

 
Service