Erst streiken die Elefanten, und schon das stimmt melancholisch. Am nächsten Morgen scheinen dann auch alle übrigen Tiere die Arbeit niedergelegt zu haben. Der Bandhavgarh-Nationalpark wirkt wie leergefegt. Die Antilopen müssen sich ins Dickicht verzogen haben, die Affen in die Wipfel, die Leoparden in die Felsenhöhlen.

Die Elefanten streiken, weil gerade alle Forstangestellten streiken, so auch die Mahouts, ihre Führer, mit denen sie sonst durch den Park patrouillieren. Doch warum der Generalstreik? Warum sind noch nicht einmal Vögel zu sehen, die sonst allgegenwärtigen Papageien etwa oder die Schlangenadler, die hier so häufig auf den Ästen hocken wie bei uns die Eichhörnchen?

Weil es grausig kalt ist. Weil der Winter in Indien dieses Jahr härter und länger herrscht denn je. Bei unserer Einfahrt in den Park waren es drei Grad. Und das nicht etwa im Himalaya, sondern in Madhya Pradesh, was nichts anderes heißt als »Zentralprovinz«, im Herzen Indiens also. Kartikeya Singh, unserem Wildnisführer, ist das Schweigen im Walde etwas peinlich. »Die werden doch keinen Winterschlaf halten?« Er kutschiert uns in einem geräumigen, offenen Geländewagen herum, die Sitzbänke gestaffelt wie im Kino und die Frontscheibe heruntergeklappt, damit jeder möglichst viel sehen kann. In den hinteren Reihen haben es sich zwei Urologen aus Michigan und ihre Gattinnen bequem gemacht. Schlotternd sitzen wir da, Decken um Schultern und Beine, auf dem Schoß eine Wärmflasche.

Die Affen frieren jämmerlich. Am liebsten würden wir heißen Tee reichen

Und im Kopf einen Tiger. Denn wohl jeder Besucher der indischen Parks kommt in der Erwartung, der charismatischen Raubkatze in freier Wildbahn zu begegnen. Es gibt keine besseren Köder für Touristen. Was unlängst im Sariska-Park in Rajasthan schmerzlich offenbar wurde. Dort lebten bis vor vier Jahren 15 Tiger, die jährlich Zehntausende von Besuchern anzogen. Als der Park nach der Monsunpause wieder geöffnet wurde, wunderten sich die Wildhüter zunächst, dass sie so gar keine Tiger mehr sichteten, noch nicht einmal Kot oder Kratzspuren. Alle 15 waren von der Wilderer-Mafia erlegt worden. Seither fährt kein Mensch mehr nach Sariska.

In Madhya Pradesh gibt es noch den meisten Wald in Indien und damit auch die meisten Tiger, dazu eine vergleichsweise fähige Provinzregierung, die ihr Naturerbe zu schützen sucht. Nicht zuletzt, weil es immer mehr Geld einbringt. Während in Afrika längst eine Safariindustrie entstanden ist, führten Indiens Schutzgebiete bislang einen touristischen Dornröschenschlaf. Noch vor zehn Jahren konnte es einem in abgeschiedeneren Regionen passieren, dass man der erste Gast seit Wochen war. Die Parkverwaltung stellte dann gern ihr Gästehaus zur Verfügung und den oft einzigen Geländewagen. Für Naturtourismus im größeren Stil fehlte die Infrastruktur, aber auch die entsprechende Safarikultur. Lediglich jene Parks, die direkt an den Hauptreiserouten liegen wie etwa Ranthambore in Rajasthan, wurden gut besucht. Meist nur als exotische Zutat auf einer Rundreise zu Tempeln und Palästen. Mittlerweile aber werden umgekehrt immer mehr Naturreisen mit kulturellem Beiwerk angeboten. Den Tigern kommt dabei die Schlüsselrolle zu.

»Wir haben hier gute Chancen«, versichert Kartikeya. »Da der Park schon vor 20 Jahren erschlossen wurde, gehören wir und unsere Autos für die Tiger längst zu ihrem Lebensraum.« Fürs Erste geraten wir schon in Ekstase, als ein ordinäres Rudel Wildschweine die Piste kreuzt. Es ist die gleiche Spezies wie bei uns. Auch die Vegetation bietet auf den ersten Blick wenig Exotisches – und das, obwohl Rudyard Kiplings Dschungelbuch just in diesen Wäldern spielt. Insbesondere im Bezirk von Seoni und im heutigen Pench-Nationalpark im Süden von Madyha Pradesh. Ein britischer Forstbeamter namens Sterndale, der später eine wunderbare Monografie über Indiens Tierwelt schrieb, hatte dort ein Findelkind entdeckt, das unter Wölfen aufgewachsen war. Kipling schuf daraus Weltliteratur. Obwohl er diesen Teil Indiens nie besucht hatte – »I got it all from Sterndale« .