Auslandsstudium »Nur Mut!«
Um Auslandserfahrung zu sammeln, darf man ruhig ein wenig länger studieren, sagt Generalsekretär Christian Bode vom DAAD
Die ZEIT : Bachelor und Master sollten zu einer weit reichenden Internationalisierung führen, stattdessen stagniert seit der Umstellung die Zahl der Studierenden, die ins Ausland gehen. Warum?
Christian Bode : Weil sich viele deutsche Universitäten mit den neuen Studienabschlüssen noch schwer tun. Sie überfrachten oftmals die Curricula, kitten ein Modul ans nächste und zwängen sich dadurch in ein verschultes System, das sie eigentlich nie haben wollten – und das kaum Raum für einen Auslandsaufenthalt lässt.
Die ZEIT : Müsste man Inhalte streichen, um die studentische Mobilität zu fördern?
Bode : Keineswegs. Es würde schon reichen, ein Mobilitätsfenster einzurichten, also einen Studienabschnitt mit frei wählbaren Kursen, die man sowohl an der heimischen Fakultät als auch im Ausland absolvieren kann.
Die ZEIT : Viele haben Angst davor, dass ihnen diese Leistungen daheim nicht anerkannt werden.
Bode : Die Hochschulen, Professoren und Prüfungsämter müssen da viel flexibler werden. Die Anerkennungspraxis ist immer noch vielfach kleinkariert und provinziell. Es müsste eigentlich mit der doppelten Zahl an Kreditpunkten belohnt werden, wenn jemand die Anstrengung auf sich nimmt, eine Leistung im Ausland zu erbringen. Damit beweist er schließlich nicht nur fachliche, sondern auch interkulturelle Kompetenzen.
Die ZEIT : Machen sich diese Fähigkeiten auch im Hinblick auf das spätere Berufsleben bezahlt?
Bode : Auf jeden Fall! Arbeitgeber wollen doch Absolventen mit einer ausgereiften Persönlichkeit. Wer internationale Erfahrungen gesammelt hat, weiß, wie er mit neuen Situationen und Sachverhalten umgehen muss. Er weiß danach nicht nur mehr über die anderen, sondern auch über sich selbst. Und er ist in der Regel reifer als jemand, der sich nie aus seinem Nest herausgetraut hat – und fitter für die berufliche Karriere in einer globalisierten Welt.
Die ZEIT : Würden Sie Studenten raten, ein Auslandssemester selbst dann mitzunehmen, wenn sich ihr Studium dadurch verlängert?
Bode : Unbedingt. In England erfreut sich das Modell des »3+1-Bachelor« großer Beliebtheit. Dort nutzen viele Studenten die Möglichkeit, das letzte Jahr komplett im Ausland zu verbringen. Und in Amerika ist der Bachelor von vornherein auf vier Jahre angelegt. Ein zusätzliches Jahr, gut geplant und richtig genutzt, lohnt sich allemal. Man kann sogar weiter Bafög bekommen, wenn man den Bachelor um ein, zwei Auslandssemester überzieht.
Die ZEIT : Also ist Eigeninitiative gefragt?
Bode : Genau. Deutsche Hochschulen waren lange für ihre freie Studiengestaltung berüchtigt und berühmt – weil sie besonders eigenständige Absolventen hervorgebracht haben. Aber solange viele Unis noch nicht begriffen haben, dass dies auch und gerade mit dem neuen System möglich ist, sind die Studenten eben selbst gefordert.
Die ZEIT : Wann ist der beste Zeitpunkt zu gehen?
Bode : Im vierten oder fünften Semester. Ans Unileben hat man sich bis dahin gewöhnt – und bis zur Abschlussarbeit ist man wieder zurück. Natürlich kann man auch den Bachelor zu Hause und den kompletten Master im Ausland machen. Aber lieber wäre es mir, den Auslandsaufenthalt in beide Studienabschnitte zu integrieren.
Die ZEIT : Wann wird die Mobilität Ihrer Meinung nach wieder zunehmen?
Bode : Mittelfristig habe ich da keine Sorgen. Wenn sich das neue System erst mal eingespielt hat und seine Chancen für mehr Mobilität richtig verstanden worden sind, wird sich die Zahl derer erhöhen, die sich international bilden wollen. Das kann man auch durch Anreize und Aufklärung fördern. Das Ziel des DAAD ist es jedenfalls, auf absehbare Zeit jedem zweiten Studenten eine Auslandserfahrung zu verschaffen statt bislang jedem dritten.
Interview: Katja Barthels .
- Datum 28.02.2008 - 04:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Um Mobilität nachhaltig zu fördern, müssen Rahmenbedingungen
geändert und Barrieren abgebaut werden. Die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master hat
zu einer Stagnierung der Zahlen mobiler Studierender in Bachelor-Studiengängen
geführt. Dieser Aussage kann aus meiner Sicht absolut zugestimmt werden. Zudem
nehmen derzeit curriculare Formen von Kurzaufenthalten, z.B. Sprachkurse und
Summerschools, an Bedeutung zu. In dieser Mehrung kurzer Auslandsaufenthalte
spiegeln sich die Rahmenbedingungen und Mobilitätshürden wieder. Ich stimme Herr Bode zu, dass die Verschulung der
Studiengänge mit Umstellung des Systems auf BA/MA und die Anerkennungsprobleme
hinsichtlich im Ausland erworbener Qualifikationen definitiv zu schweren
Mobilitätshindernissen gehören. Neben diesen lassen sich aber schon nach kurzem
Brainstorming viele weitere Mobilitätsbarrieren identifizieren. Der Zusammenhang zwischen Mobilität und sozialer Herkunft
der Studierenden ist enorm stark. Die Einführung allgemeiner Studiengebühren in
den meisten Bundesländern wird die Abhängigkeit eines Auslandsaufenthaltes von
dem elterlichen Geldbeutel verschärfen. Die Änderungen der BAföG-Auslandsförderung durch die 22.
Gesetzesnovelle wird sich in naher Zukunft sehr mobilitätshindernd auswirken –
trotz teilweise wichtiger, durchaus positiver Änderungen des BAföG. Die
sozialen Rahmenbedingungen für studentische Mobilität werden nicht verbessert,
sondern im Gegenteil werden diese gravierend verschlimmert. Die Anerkennung von im Ausland erworbenen Studienleistungen
bzw. Qualifikationen läuft in Deutschland denkbar schlecht. Es müssen
allerdings nicht nur Hochschulen, Professorinnen und Professoren sowie
Prüfungsämter flexibler anerkennen. Sage und schreibe 10 Jahre hat der
Bundestag gebraucht, um die im Jahr 1997 unterzeichnete Lissabon Konvention
über die Anerkennung von Qualifikationen im Hochschulbereich in der
europäischen Region zu ratifizieren. An eine inhaltliche Umsetzung der Konvention
wird nicht gedacht. Sowohl das Bundesministerium für Bildung und Forschung als
auch die Kultusministerkonferenz sehen in gesetzlicher Hinsicht keinen
Änderungsbedarf. Eine gesetzliche Umsetzung z.B. der Beweislastumkehr der
Konvention bei der Anerkennungspraxis wird scheinbar als nicht notwendig
erachtet. Man macht es sich eben leicht. Die Interessen und vor allem Ansprüche von Studierenden mit
Kind oder Studierenden mit Behinderung/chronischer Krankheit werden bei der
gesamten Debatte über eine Förderung der Studierendenmobilität ausgeblendet.
Eigentlich müssten die Rahmenbedingungen für alle Studierende hinsichtlich der
Auslandsaufenthalte hin zu einer Diskriminierungsfreiheit verändert werden. In seiner Schlussfolgerung und seinen Forderungen bleibt
Herr Bode sehr zurückhaltend. Die curriculare Implementierung eines
Auslandsaufenthaltes in Form eines Mobilitätsfensters ist aus meiner Sicht
leider wenig kreativ und zukunftsweisend. Der DAAD schlägt in dieser Hinsicht
keinen offensiven Weg ein, sondern fordert augenscheinlich nur Feinkorrekturen
bei den umgestellten Studiengängen. Es fehlt die Forderung nach einer
grundlegenden Flexibilisierung der Studiengänge. Prüfungslast und Verschulung
in den Studiengängen muss ganz entschieden entgegen gewirkt werden. Anstelle
eines Mobilitätsfensters wäre die Forderung nach freier Mobilität von Anfang an
notwendig. Anderenfalls wirkt die Planung, dass jede/r zweite Student/in einen
Auslandsaufenthalt im Rahmen des Studiums durchführt, schlicht realitätsfern. Martin Menacher Vorstandsmitglied des freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) --
Martin Menacher
Email: martin.menacher@fzs.de
Mobil: +49 (0) 1577 2532230 freier zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) e.V.
- Vorstand -
Wöhlertstr. 19
D-10115 Berlin Tel.: +49 (0) 30 27874094
Fax: +49 (0) 30 27874096 www.fzs.de
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren