KriminalromanPulverdampf

Inspektor O steckt im Grabenkrieg zwischen politischen Fraktionen von Tobias Gohlis

Was wäre die Spionage ohne Spionageromane? Sie bliebe unsichtbar. Erst die Spionageromane hellen den Krieg im Dunkeln gerade so weit auf, dass Konturen des realen Geschehens erkennbar werden. Oder die Konturen dessen, was wir Leser für reales Geschehen halten sollen. Wie jede andere Literatur überzeugen Spionageromane in erster Linie durch die Plausibilität ihrer Erzählung. Das Geflecht der Intrigen muss einleuchtend konstruiert, der Knoten der Furcht langsam und kunstvoll geflochten werden, um die paranoide Welt aus Betrug und Verrat vorstellbar zu machen. Gesteigert wird die Glaubwürdigkeit, wenn uns Autoren als Überläufer begegnen. Eric Ambler, Graham Greene oder John le Carré gelten als Leute, die Geheimdienste von innen kannten. Die Vorstellung, sie schrieben hart an der Grenze zum Geheimnisverrat, umweht ihre Romane wie Pulverdampf.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn sich der Autor des ersten Politthrillers, der in Nordkorea spielt, ebenfalls mit Schlapphut tarnt. »John Church«, so wird vom amerikanischen Nautilus Institute for Security and Sustainable Development verbreitet (und der Heyne Verlag folgt dieser Darstellung), sei das Pseudonym eines Geheimdienstlers, der viele Jahre in Nordkorea und Umgebung tätig gewesen sein soll. »Church« selbst setzt eins drauf: In den Publikationen dieses Instituts veröffentlicht er schon mal Interviews mit dem lebenden Vorbild seines Romanhelden, in denen dieser auf einer Parkbank in Pjöngjang brisante Politfragen kommentiert.

Doch diesseits von Doppelbödigkeit ist James Churchs Thriller Inspektor O (aus dem Englischen von Uli Mayer; Heyne Verlag; München 2008; 414 S., 8,95 €) ein tolles Stück Spannungsliteratur. Schon der Rahmen ist verwirrend: Irgendwo in Prag sitzen sich zwei Männer gegenüber, ein westlicher Geheimdienstler und der aus Pjöngjang wer weiß wie dorthin gelangte Inspektor der »nationalen Ermittlungsbehörde«. Dieser O tischt dem Westler seine Geschichte auf Russisch auf. Sie ist voller Windungen, gespickt mit tödlichen Autounfällen, erschossenen Soldaten und erschlagenen Agenten. O stellt sich als Augenzeuge dar, als einer, der vieles gesehen hat, ohne je zu verstehen, was geschieht. Zu Beginn sitzt er getarnt in einem Feld und soll eine Limousine fotografieren, die auf der »Straße der Wiedervereinigung« nach Norden unterwegs ist. Die Limousine hupt, als sie vorbeirauscht, als wüsste der Fahrer, dass O im Verborgenen lauert. O knipst, doch die Batterie der Kamera ist leer. Zurück im Büro, stößt er auf die drei Männer, die ihn hierhin und dorthin schicken, auf ihn schießen und ihn beschützen werden. Chefinspektor Pak ist ein gewiefter Interpret ministerieller Ober- und Untertöne, Kang ist omnipräsenter Geheimdienstmann und Oberst Kim von der Militärischen Abwehr der brutal operierende Gegner aller.

O bewegt sich in einer Welt aus Zeichen, deren Sinn er nicht deuten kann. In einem Grenzort im Norden, wo nur der Dollar als Währung zählt, scheinen eine alte Frau und ein Hotelmanager mehr über seinen Auftrag zu wissen als er selbst. Im Tempelort Hyangsan ist er den Fremdenführerinnen bekannt, bevor er überhaupt dorthin ge-langt. O und Pak werden überwacht, ihre Telefone abgehört, von allen Seiten sind sie umstellt. Offenbar stecken sie in einem Krieg zwischen zwei politischen Fraktionen, ohne ihre Verbündeten zu kennen oder zu wissen, wem sie vertrauen können. Church zeichnet eine Gesellschaft, in der die Willkür herrscht. Einmal bricht es aus O heraus: »Wo ich lebe, lösen wir keine Fälle. Wie sollte eine Lösung auch aussehen in einer Realität, die sich jeder klaren Beschreibung verweigert?« James Church ist die Beschreibung dieser Realität perfekt gelungen.

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    • Schlagworte Graham Greene | Autounfall | Eric Ambler | Kriminalroman | Nordkorea | München
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