Kein Pfund!
Endlich ist man wieder unter sich. Soeben hat Shylock das Tribunal verlassen, den Ort, an dem er alles verlor, Prozess, Vermögen, Tochter, Religion. Doch ging er nicht wie einer, den eine dramatische Niederlage zu Boden knickt, sondern wie einer, der es nicht anders erwartet hatte, illusionslos gefasst, versteinert. Nur ein paar Wahnsinns- augenblicke lang hatte Shylock hoffen dürfen, der Macht der Mehrheit trotzen zu können: Dann haben sie ihm, dem Fremden, kaltschnäuzig demonstriert, wer in Venedig das Sagen und das Recht auf seiner Seite hat.
Man hört das Aufatmen im Gerichtssaal, die Anspannung fällt ab, schon lädt der Doge gut gelaunt zum Essen. Endlich ist man diesen Hartkopf los, den penetranten Juden, der seinem Schuldner Antonio, unfassbar, ein Pfund Fleisch aus der Brust herausschneiden wollte. Hatte er nicht schon sein Maul aufgerissen wie ein Vampir?
Doch die Stimmung kippt. Zum heiteren Happy End von Belmont reicht es in Stefan Puchers Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus nicht mehr.
Der eiserne Vorhang rollt herab, die schöne Portia tönt missgelaunt, dann ist abrupt Schluss. Aber warum? Hätte nicht gerade Shakespeares romantisch-märchenhaftes Finale die brutale Realität der Rialto-Welt umso greller illuminiert?
Nicht nur das Ende verpufft. Vieles wirkt flau, zerfahren, ungenau.
Der Kaufmann von Venedig ist der fünfte Shakespeare des 43-jährigen, mehrfach mit Theatertreffen-Lorbeeren ausgezeichneten Regisseurs es ist sein disparatester. Der für Pucher so typische Stilmix (Video, Trash, Popmusik, Show) ufert ins Beliebige aus. Zwar blitzen immer wieder intelligente Details, schlüssige Momente auf, aber es fehlt an Zusammenhang und dramatischem Atem. Kein Gedanke, keine Emotion überdauert die Szene.
Ein Stück über das Fremdsein in der Gesellschaft muss Pucher wohl vorgeschwebt haben, ein Drama über zwei große Einsame denn nicht nur Robert Hunger-Bühlers Shylock ist einer, der nicht »dazugehört«, auch Jean-Pierre Cornu, der schwule Antonio, ist hier ein tieftrauriger Außenseiter. Die »Erzfeinde« sind sich näher, als sie ahnen. Aber Pucher schafft es nicht, die Widersprüche aufeinander zu beziehen.
Allenfalls kommt es zu monologischen Lichtpunkten. Cornu hat seinen schönsten Auftritt gleich zu Beginn: Allein hockt er vorn an der Rampe und denkt über die Gründe seiner Schwermut nach. Auch Hunger-Bühler entwickelt den Shylock aus großer Ruhe und hartnäckiger Selbstbefragung - wie immer erzeugt dieser wunderbare Schauspieler einen geheimnisvollen, auratischen Sprachraum um sich.
Pucher ist stark im Inszenieren narzisstischer Lebensgefühle und schwach bei dialogischer Konfrontation ihr weicht er gerne aus.
Statt den beiden Einsamen im Dickicht der Stadt beharrlich nachzuforschen, ihren Kampf zu beobachten, gesellt er ihnen lieber per Video noch einen dritten bei: den guten alten King Kong. Der muss dann immer wieder, gehetzt von der bösen Gesellschaft, seinen Wolkenkratzer hochklettern aus einem Aperçu wird ein halber Lichtspielabend, aus dem Stummfilmmythos ein schlechter Ersatz für Shakespeare.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.54
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