Kontrolle ist besser
Katrin Linde fährt im Frühjahr nach Paris und belohnt sich damit für ihr gutes Händchen bei ihren Geldgeschäften. Vor drei Jahren kaufte Linde Anteile an einem Indien-Fonds der britischen Großbank HSBC und eines Immobilienfonds des österreichischen Instituts Erste Bank. Als sie die Anteile im Sommer vergangenen Jahres wieder verkaufte, war sie um mehrere Tausend Euro reicher: »Ich habe mit beiden Fonds je vierzig Prozent Gewinn gemacht«, sagt die 43-Jährige, deren Name in diesem Text auf ihren Wunsch geändert wurde. » Ein paar Tage Paris«, sagt Linde, »kann ich mir deshalb locker gönnen.«
Katrin Linde kümmert sich in Eigenregie um ihre Investments und kauft Wertpapiere direkt über Online-Broker eine Möglichkeit, die auch andere Privatanleger nutzen. Je weniger Wissen und Erfahrung Anleger haben, umso schwieriger ist es aber für sie, unter der Vielzahl der Wertpapiere, Fonds und Zertifikate eine Auswahl zu treffen. Um sich von vergleichbaren Angeboten abzuheben, versuchen viele Finanzdienstleister mit Qualitätsauszeichnungen das Vertrauen potenzieller Kunden zu wecken. Fonds etwa schmücken sich mit Gütesiegeln, herausragenden Platzierungen bei Rankings in Fachzeitschriften und mit guten Bewertungen durch Ratingagenturen wie Morningstar, Standard & - Poors (S& -P) oder Feri. Doch wie verlässlich sind die vermeintlich objektiven Bewertungen?
Ein prominentes Negativbeispiel ist der Vermögensbildungsfonds I der DWS, der Investmentgesellschaft der Deutschen Bank. Der Fonds war so etwas wie ein Star unter seinesgleichen, räumte alljährlich die höchsten Auszeichnungen ab und wurde 2007 sogar von S& -P zum besten unter hundert Fonds in der Kategorie »Aktien Global« gekürt. Doch zuletzt schwächelte der Fonds und verlor in den vergangenen sechs Monaten rund zehn Prozent an Wert, während der Vergleichsindex MSCI World im gleichen Zeitraum nur gut drei Prozent verlor.
Das zeigt schon den Schwachpunkt, der allen Erfolgsmessern gemein ist: Sie belegen nur, dass die Anlagestrategie eines Fonds in der Vergangenheit die richtige war. Ob sie auch heute oder morgen noch Erfolg verspricht, belegen sie nicht. Zudem können sich gerade die Top-Fonds des Vorjahres im nächsten Jahr meist über stattliche Kapitalzuflüsse freuen und mit einem deutlich gewachsenen Anlagevermögen lässt sich eine Fondsstrategie oftmals nicht mehr so stringent verfolgen. » Tests und Ratings sind leider kein Garant dafür, dass sich ein Wertpapier auch in Zukunft positiv entwickelt«, warnt Thomas Bieler, Finanzexperte in der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.
Experten raten daher, die Bewertungen nur als Hinweise zu verstehen und stets mehrere Analysen zu vergleichen. Vor allem bei Wertpapieranalysen, die nur eine Einzelmeinung spiegeln, ist Vorsicht geboten. Bei allen Sternchen, Auszeichnungen und Top-Flop-Listen müssen sich Kapitalanleger die Mühe machen, selbst zu recherchieren, nach welchen Kriterien ein Rating vergeben wird, aus welchen Gründen Produkte es unter die Top Ten eines Ratings geschafft haben und in welchem Bereich ein Gütesiegel Qualität garantiert.
Entscheidend für die Aussagekraft ist vor allem, über welchen Zeitraum hinweg das Rating oder Ranking die Performance eines Wertpapiers abbildet. Dem Kleinanleger bietet sich bereits am Kiosk eine reiche Auswahl an vielversprechenden Ratgebern: Publikationen wie Focus Money, Capital und Euro beurteilen regelmäßig Fonds, Aktien und andere Finanzprodukte. Auch die Monatszeitung Finanztest, die von der Stiftung Warentest herausgegeben wird, publiziert regelmäßig eine Liste der fünfzig besten Investmentfonds. » Auf unserer Homepage können zusätzlich die Daten von rund 5000 Fonds abgerufen werden«, sagt Thomas Dambier, Redakteur bei Finanztest. Solche Listen berücksichtigen in der Regel vor allem die Performance und die Kosten des Wertpapiers. Welche Faktoren sie aber in die Auswertung mit einbeziehen, muss sich der Anleger im Einzelfall genau anschauen. Auch reicht die Analyse der Renditeentwicklung über mehrere Monate, wie sie von Finanzmagazinen manchmal betrieben wird, bei weitem nicht aus.
Hilfreicher können die Bewertungen der Ratingagenturen sein, die systematisch und langfristig die Performance von Investmentfonds durchleuchten. Wie das US-Unternehmen Morningstar: Die Gesellschaft verteilt Monat für Monat Sternchen. Fonds mit fünf Sternen zählen zu den besten, die mit nur einem Stern zu den schlechtesten zehn Prozent ihrer Kategorie. » In unserem Rating berücksichtigen wir die Ertragsentwicklung und die Kosten des Fonds«, sagt Alexander Ehmann, Analyst bei Morningstar. In Deutschland hat das Unternehmen bereits mehrere Tausend Fonds unter die Lupe genommen. Morningstar legt Wert darauf, einen langfristigen Trend abzubilden: »Jeder Fonds muss mindestens drei Jahre am Markt sein, bevor er ein Rating erhält«, sagt Ehmann.
Andere Agenturen setzen nicht auf quantitative, sondern auf qualitative Beurteilungen. Sie bewerten den Fondsmanager selbst. Das Fund Management Rating von S& -P beispielsweise geht davon aus, dass sich nicht nur seine Anlagestrategie, sondern auch sein Charakter direkt auf die Rendite auswirken. Seine Ausbildung, sein Team, seine bisherige Berufserfahrung und persönliche Interviews werden in die Benotung mit einbezogen und sollen Aufschluss über den Menschen hinter dem Fonds geben. Wenn die Manager wechseln, sind die Analysten dementsprechend unsicher. Zum Jahreswechsel etwa trat der Manager des 37 Milliarden Dollar schweren Templeton Growth Funds, Murdo Murchison, ab. Wie sich die Renditen nun entwickeln, hängt von seiner Nachfolgerin Cindy Sweeting ab bisher eher ein unbeschriebenes Blatt, das die Analysten rätseln lässt. Die Experten der Ratingagentur S& -P stufen den Fonds wie schon vor dem Managerwechsel zwar noch mit AA ein, der zweitbesten Bewertung. Doch im März wollen sie Sweeting ins Gebet nehmen: »Das wird ein sehr detailliertes Interview über die Anlagestrategie und das bestehende Portfolio«, sagt Lesley-Ann Hodges, Analystin bei S& -P. » Danach könnte sich das Rating ändern.«
Schließlich gibt es noch die Gütezeichen, mit denen sich Banken und Finanzdienstleister selbst gerne schmücken. Die Commerzbank etwa warb in einem Werbespot mit einem Siegel des Prüfinstituts TÜV Süd. Auch die Hamburger Sparkasse begrüßt Besucher ihrer Homepage mit einem halben Dutzend Auszeichnungen. Doch Gütesiegel ist nicht gleich Gütesiegel. » Manchmal ist das reine Augenwischerei. Bei genauerem Hinsehen steht nicht jedes TÜV-Siegel, mit dem geworben wird, für die Qualität des Produkts«, sagt Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) in Hamburg. » Ein solches Siegel kann auch lediglich die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter bewerten.« Und die Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin prüft überhaupt nur, ob ein Wertpapierprospekt formal korrekt ist, und nicht die Bonität eines Emittenten. » Leider gibt es kein richtiges Gütesiegel für Finanzdienstleister«, sagt Tiffe.
Statt auf Analysen und Analysten, Ratings und Rankings vertrauen daher immer mehr Kleinanleger am liebsten ihresgleichen. In Internetforen wie www.sharewise.com tauschen sie ihre Erfahrungen aus und empfehlen Anlagen mit hoher Rendite weiter. Der todsichere Geheimtipp ist hier zwar bestimmt nicht zu finden und die Quelle der Informationen lässt sich auch nicht überprüfen. Katrin Linde hat hier dennoch manch erfolgreichen Hinweis aufgestöbert. Aber vor allem weiß sie, dass weder die Gerüchteküche des World Wide Web noch irgendein Siegel oder Rating ihr die Anlageentscheidung abnimmt die liegt, genau wie das Risiko jedes Investments, immer bei ihr. Lindes Erfolgsformel lautet deswegen: »Ich investiere nur in Produkte, bei denen ich begreife, wie sie funktionieren.«
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.32
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