Lyrik Bisweilen federleicht

Unvergessen: Der jung gestorbene Clemens Eich. Zum 10. Todesjahr erscheint eine Werkausgabe des Dichters

Ja, Clemens Eich. Unvergessen, weil unvergesslich, ist dieser auch im Älterwerden immer jungenhaft gebliebene Mensch all jenen, denen er begegnet ist. Seine ebenso vorsichtige wie alles erbittende, ja erflehende Präsenz gab einem immer das Gefühl, dem Leben an sich etwas schuldig geblieben zu sein: Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit.

Wie anders die Dichterinnen und Dichter seither geworden sind: In Talkshows und Interviews kommen sie uns entgegen und haben eine Meinung, worüber auch immer, sie sagen uns, was sie denken. Wie anders dagegen ihre Bücher sind, wie wenig die uns über den verraten, der sich, wie man früher einmal sagte, in ihnen ausdrückt, wie auffallend wenig. Wer Daniel Kehlmann ist – um nur eines der derzeit prominentesten, aber typischen Beispiele zu nennen –, was ihn bewegt, ja ob ihn überhaupt etwas bewegt, ihn schlaflos macht, ihm Angst oder Glück einjagt: Seine Bücher sagen es nicht.

Wahrhaftig, unsere jungen und mitteljungen Autoren unterhalten, kommentieren, zaubern und beschwören, aber: Sie drücken sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie verbergen sich hinter ihrem Können geradezu, als genierten sie sich nicht nur, »ich« zu sagen, sondern auch »ich« zu meinen.

Das entlastet den Leser natürlich. Da kommt ihm keiner zu nahe und rückt ihm auf den Pelz, will etwas von ihm. Da wird das Podium nicht verlassen, die vereinbarte Grenze zwischen Autor und Leser wird immer respektiert.

Dagegen Clemens Eich. In seinen Texten, die jetzt in zwei schönen Bänden gesammelt vor uns liegen, spricht jeder Satz, jedes Wort, ja jeder Buchstabe von ihm, selbst da, wo er genau das zu kaschieren versucht. Eichs Texte zu lesen ist nicht deswegen schwierig, weil man manche Wendung und manchen Sprung nicht nachvollziehen könnte, sondern weil sie einen so vorbehaltlos mit diesem Mann zusammenzwingen. Man sollte sich dennoch darauf einlassen: das Bedürfnis, sich zu ihm zu gesellen, wird sich rasch einstellen.

Man spürt das gleich bei seinem ersten Buch, dem Gedichtband Aufstehn und gehn, der 1980 in der Collection Fischer erschienen ist, jener Reihe des entdeckerfreudigen Lektors Thomas Beckermann, der damals viele junge Autoren ihren ersten und bleibenden Auftritt verdankten. Eine tiefe Melancholie durchzieht diese Gedichte des 25-Jährigen, und das Todesthema wird ihn nicht mehr verlassen, denn »Der Tod stand schon immer im Vorraum, / in allen Vorräumen, die ich kannte«. Das zeigt sich auch in dem folgenden Erzählungsband Zwanzig nach drei. Schwer von früher Erfahrung, schweifend im Suchen nach Lebensmöglichkeiten, bisweilen aber auch federleicht, wie es nur die Fantasie eines geborenen Dichters bescheren kann.

Gewichtiger dann der große Roman Das steinerne Meer; hier begegnet einem ein unerbittlicher Erzähler, der es seltsamerweise nicht den Zeitgenossen aus der Mitte der Neunziger gleichtun will, sondern eher an den frühen Thomas Bernhard, aber auch an die Tradition der – im besten Sinne – Heimat- und Zeitromane der österreichischen Nachkriegszeit anknüpft, die mit den Namen George Saiko und Hans Lebert markiert sind, Autoren, die wussten, dass es, sobald man sich der Untrennbarkeit von Heimat und Geschichte bewusst wird, nur Verlierer geben kann. Mit staunenswerter Souveränität schildert Eich hier den Versuch eines Jungen, sich im Erinnern und Erzählen des Lebens seines Großvaters zugleich frei zu machen für eine eigene Geschichte.

Clemens Eich konnte sich einen entscheidenden Teil seiner Geschichte nicht aussuchen: Er wuchs an der österreichisch-bayrischen Grenze auf als Sohn von Ilse Aichinger und Günter Eich. Das hat ihn hartnäckiger in Beschlag genommen, als er wünschen konnte. Aber irgendwann hat er die Tatsache, dass er schwer lebte, nicht mehr in die elterlichen Schuhe schieben können, also ging er direkt auf das Dunkle in sich zu, schrieb das Heillose benennende Gedichte, die in dieser Ausgabe aus dem Nachlass noch um etwa fünfzig vermehrt werden konnten, und fuhr schließlich dreimal nach Georgien, erst zufällig, dann mit Absicht, um nicht zu sagen: mutwillig, und was er über dieses Land – damals eine dunkle, kalte Vorhölle – geschrieben hat, musste zwar Fragment bleiben, liest sich aber doch heute als Bericht einer Reise in das Innere einer Verzweiflung, die nicht nur die des Clemens Eich gewesen ist. Das Motto seines Gedichtbandes waren nicht von ungefähr die Schlusszeilen von Bob Dylans Desolation Row.

Er ist gewiss einer der Unvollendeten, einer der nicht alles halten konnte, was seine Anfänge versprachen. Aber er war jemand, der, solange er da war, mit offenen Karten spielte, vielleicht gerade, weil er kein besonders starkes Blatt hatte. Zu Rimbauds »Ich ist ein anderer« wird er genickt haben. Er selber formulierte es so: »Ich werde mir selbst zur Erinnerung. Ich bin einer, an den ich mich nicht mehr erinnern kann.« Wer sich nicht findet, kann sich auch nicht verstecken:

Alles rückt
näher.
Alles.
Hoffnungen,
Tod.
Alles.

Das Grab von Clemens Eich findet man auf dem Salzburger Kommunalfriedhof in der Nachbarschaft der muslimischen Gräber. Der weite Blick geht von dort Richtung Süden, wo das Steinerne Meer seine starren Wellen schlägt.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Sohn zweier erfolgreicher Schriftsteller hatte es sicher nicht leicht, sich selbst zu finden. Der fruehe Tod beraubte ihn leider der Moeglichkeit, sein literarisches Potential auszuschoepfen und zu beweisen.
    "...Damals beschloss ich, Georgien auf mich zu nehmen. Georgien? fragten die Mitmenschen. Georgien - wo liegt das? Ich vergewisserte mich im Atlas, dass es Georgien wirklich gab.Tapfer wiederholte ich, es gibt Georgien!!!"
    Was hat Clemens Eich in Georgien, das er mehrfach bereist hat, gesucht? Dort sind die Berge noch hoeher als im "Steinernen Meer". Vielleicht den Raum zwischen ich und ich - die eigene Seele...? Wir durften es leider nicht erfahren...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Lyrik | Literatur | Thomas Bernhard | Ilse Aichinger | Daniel Kehlmann | Georgien
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service