Roman Das Iwan-Klischee
Vladimir Sorokin schildert in seinem neuen futuristischen Roman »Der Tag des Opritschniks« eine russisch- orthodoxe Diktatur des Jahres 2027 und schwelgt in Vergewaltigungsfantasien
Der literarische Typus des neuen Russen, wie er deutschen Lesern gefallen soll, stammt aus dem Bilderbuch des Untermenschen und ist ein sentimentaler Barbar. Andrej Danilowitsch Komjaga mordet fürs Vaterland, brandschatzt im Namen der Orthodoxie, vergewaltigt mit Inbrunst. Der Held von Vladimir Sorokins neuem Roman ist ein Ikonenküsser, aber auch Kremlknecht. Seinen Präsidenten nennt er in hündischer Ergebenheit »Mein Gossudar« (so wie die Untertanen im 16. Jahrhundert den Zaren Iwan den Schrecklichen anredeten), seinen Geheimdienstchef tituliert er »Väterchen« (so wie die Genossen zu Sowjetzeiten den Generalissimus Stalin apostrophierten). Und wenn Komjaga in roten Saffianstiefeln aufmarschiert, angetan mit Kaftan nebst Zobelpelzmütze, um die nächste Gräueltat zu verüben, dann fallen dem angewiderten Rezensenten nur zwei Gründe ein, warum ein russischer Schriftsteller heute diese uralten antirussischen Ressentiments aufleben lassen sollte: Selbsthass oder Opportunismus. Entweder ist Sorokin vom Putinschen Postkommunismus so niedergeschmettert, dass er nur eine peinliche Pseudosatire zu verfassen imstande war. Oder er kitzelt um der Auflage willen die Angstlust eines westeuropäischen Publikums, in dessen kollektivem Unterbewussten noch dunkle Feindbilder spuken.
Strategisch geschickt hat Sorokins deutscher Verlag Ende Januar, wenige Wochen vor der Präsidentenwahl in Russland, das Buch veröffentlicht. Prompt erschienen lange Interviews über die Moskauer Autokratie, Großmachtgelüste, neureligiösen Patriotismus. Das Verhältnis zwischen Machthabern und einfachem Volk, behauptete der Autor, habe sich in seinem Land seit dem 16. Jahrhundert nicht geändert. Genau das zu geißeln aber verspricht seine Warnutopie Der Tag des Opritschniks, eine archaisierende Zukunftsvision Russlands anno 2027, das sich in eine Diktatur mit neofeudalen, frömmlerischen, sexistischen Zügen verwandelt hat. Die Bevölkerung ist durch eine Mauer vom Rest der Welt abgeschottet und hat freiwillig ihre Reisepässe verbrannt, der Gossudar herrscht unumschränkt und wird dabei von einer Leibgarde blutrünstiger Opritschniki unterstützt. »Dran und drauf!«, brüllen sie, wenn sie ihr Tagwerk beginnen, die Vernichtung der Staatsfeinde, die bekanntlich unausrottbar sind, weil jeder jederzeit zum Verräter erklärt werden kann. 2027 ist ja nur ein anderes 1937, ewig währende Hölle der ideologischen Säuberungen.
»Sein Gemächt ähnelt dem Streitkolben des Recken Ilja Muromez«
Dass man unwillkürlich an Solschenizyns Metapher vom »Gefängnis Sowjetunion« denkt, dürfte ebenso beabsichtigt sein wie die Titelähnlichkeit mit dessen regimekritischem Kurzroman von 1962, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, aus dem später der Archipel Gulag entstand. Während Solschenizyn den Tag eines Häftlings im stalinistischen Arbeitslager schilderte, folgt Sorokins Dramaturgie dem Tagesablauf des Menschenjägers Komjagin. Erst betet er, dann badet er, bekommt den rasierten Schädel poliert, steigt in die samtenen Pumphosen, gürtet den Dolch und rückt aus, die Unbotmäßigen zu bestrafen. Statt der Perspektive des Opfers nun also die des Täters: Es beginnt mit einer Massenvergewaltigung auf dem Anwesen eines »Nackenten« (so heißen in Ungnade gefallene Würdenträger, die zum Abschuss freigegeben wurden) und endet mit einer drogenseligen Orgie unter Männern (wobei die Opritschniki sich zu einem geschlossenen Kopulationskreis vereinen). Auf den qualvollen 200 Seiten dazwischen muss man die oberflächliche Schilderung einer Tyrannei erdulden, deren Funktionsweise durch allerlei obszöne Redensarten auch nicht plausibel wird.
»Sein Gemächt mit der aufgenähten Flussperle ähnelt dem Streitkolben des Recken Ilja Muromez«, heißt es in Anspielung auf den russischen Mythos. Doch dass der Autor mittels einer altertümelnden Antiheldensaga gegen den Histomat polemisiert – die marxistische Geschichtsphilosophie von der zwangsläufigen bewusstseinsmäßigen Höherentwicklung der Menschheit –, macht seine primitive Metaphysik nicht erträglicher. »Es ist ein gutes Gefühl, deinen Samen im Schoß von deines Feindes Weib zu hinterlassen. Besser noch, als ihm den Kopf abzusäbeln.« Sorokins Provokationsprosa war schon immer, nun ja: ein wenig schwanzgesteuert. Aber wie hier die Moskowiter mit dauererigiertem Penis ihre Gewaltherrschaft aufrechterhalten (Frauen spielen eigentlich nur eine Rolle, insofern sie einladende Schöße und wogende Brüste besitzen), das ist eine Entlarvung am ehesten des Autors, der so viel Mühe auf die »fickfickfick«-Szenen verwendet (all die Schwanzsynonyme!) und so wenig auf den Rest. Leider ist Sorokin nicht Solschenizyn, ist der brisanteste Roman der Saison zugleich der enttäuschendste.
Wie konnte das Ursprungsland der Perestrojka in die Barbarei zurückfallen? Weshalb scheiterte erst die Oktoberrevolution mit ihrem Volksbefreiungsanspruch und ein Jahrhundert später die Demokratie? Womit unterwarfen die Wenigen erneut die Vielen? Darauf gibt Sorokin keine Antwort als die, dass der Russe eben ein naturgemäß autoritärer Charakter ist – am wohlsten fühlt er sich hinterm Ofen beziehungsweise unter der Knute, solange man ihn nur regelmäßig mit den frommen Floskeln der alleinigen, heiligen, apostolischen Kirche füttert. Kollektives Absingen hurrapatriotischer Volkslieder hilft auch, und Sorokin gibt gern Vierzeiler zum Besten, bei denen sich »Marsch« auf »Arsch« und »erdengroß« auf »fensterlos« reimt. Derlei Poetik des Primitiven entsteht, wenn ein erklärtermaßen unpolitischer Autor sich auf ein politisches Thema wirft.
Der studierte Erdölingenieur Sorokin, Jahrgang 1955, gehörte Anfang der achtziger Jahre zu den Mitbegründern des »Moskauer Konzeptualismus« und prägte im literarischen Untergrund eine neue »Soz-Art«, die sich gegen das sozialistisch-realistische, das klassizistisch-traditionsbewusste, aber auch das dissidentisch-gesellschaftskritische Schreiben wandte. Seine Methode, mit der er berühmt wurde, war die Montage sowjetischer Sprachklischees; unter dem Motto »Kritik durch Affirmation« schwelgte er schon bald in der Kolportage von Gewalt- und Sexszenen. Westliche Kritiker fanden sogenannte Persiflagen wie Pelmeni oder Der Himmelblaue Speck frech. Da wurden zum Beispiel tote sowjetische Staatschefs geklont, die einander rücklings penetrierten. Doch ist absurde Pornografie gleich Satire? Nur in wenigen Texten gelang es Sorokin, bei der aggressiven Darstellung des Schreckens auch Missbilligung auszudrücken, eine Spannung zwischen Wirklichkeit und Ideal zu erzeugen, wie etwa in seiner Gulag-Parodie Krautsuppe, tiefgefroren . Aus dem neuen Sudelbuch jedenfalls lässt sich keine höhere Moral ableiten. Da ist ein Lynchmord bloß Lynchmord. Da lassen die Opritschniki ihre »Kolben in den Spundlöchern beben« und ihre »Klöten in purpurnem Licht erglühen«, der Autor aber darf sich darauf berufen, dass die Erzählerstimme, mit der er spricht, nicht seine eigene sei. Im Gegenteil. Was aber wäre das Gegenteil?
Sorokins Roman scheitert auch deshalb, weil ihm jene Humanität fehlt, von der gelungene Dystopien leben – Jewgenij Samjatins Wir (1920) ebenso wie Michail Bulgakows Hundeherz (1925). Die Trauer dieser sozialistischen Autoren um eine bessere Welt, die sich als unmöglich erwiesen hat, ist bei Sorokin nicht mehr zu spüren. Stattdessen wirkt Der Tag des Opritschniks wie das slawophobe Gegenstück zu den slawophilen Utopien des frühen 19. Jahrhunderts, die eine Wiedergeburt des Zarismus predigten.
Die Insignien der Henker sind Besen und abgeschnittene Hundeköpfe
Überhaupt das Archaische: Beim Lesen dieser postpolitischen Science-Fiction vergisst man über lange Strecken, dass sie in der Zukunft spielt. Sorokin hat nur wenig Aufwand an futuristischen Requisiten betrieben. Stattdessen gibt es viel Samowar, Balalaika, Kachelofen. Auf dem Kreml thront der Adler. Man fährt durch verschneiten Birkenwald und zahlt mit Dukaten. Und die Rohheit der Hauptfiguren spiegelt sich vor allem in ihrer ausgefeilt derben Sprache, die mal ins Märchenhafte, mal ins Propagandistische driftet, einerseits an Russlands mittelalterliche Fantastik erinnert, andererseits Dostojewskijsche Formeln wie Schuld und Sühne benutzt, sowohl das orthodoxe Panegyrikon als auch den Jargon des modernen Personenkults nachahmt.
Die wichtigsten Anleihen aber macht Sorokin bei Iwan dem Schrecklichen, unübertroffener Erfinder grausamer Hinrichtungsarten. Dessen »Opritschniki« waren eine berittene Bande von Henkern, ihre Insignien Besen und abgeschnittene Hundeköpfe. So ist es auch bei Sorokin, der tut, als habe es in der russischen Vergangenheit nie eine aufgeklärte Moral gegeben, nie Gerechtigkeitssinn, kulturelle Verfeinerung, Literatur, Theater. Die Reformen Peters des Großen? Die Demokratisierung unter Gorbatschow? Unvorstellbar in diesem Vulgärutopia. Den modernen Totalitarismus, der tatsächlich aus Putins Reich hervorgehen könnte, aus dem Zeitalter der neuen Medien und den Wirren der Globalisierung, bekäme man als Leser allerdings gern einmal beschrieben. Vor allem den passenden Gossudaren. Der wäre vermutlich ein smarter, ökonomisch versierter, auf finstere Weise gesellschaftsfähiger Mensch.
- Datum 03.03.2008 - 12:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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Ich habe mir das Buch von Sorokin gekauft,weil die Sendung "kulturzeit" auf 3sat auf dieses Buch schwärmerisch hinwies.Sorokin wurde als die letzte freie Stimme Russlands dargestellt.Nachdem ich mich durch das Exemplar durchgekämpft hatte ,war ich mehr als enttäsucht über Sorokin wie auch über die Redaktion von "kulturzeit",denn ich empfinde diese Machwerk in keinster Weise als die neue auflehnerische Literatur gegen den "Zar Putin", sondern eher als SF Literatur mit pornographischen und gewaltverherrlichendem Hintergrund. Auch andere Bücher von Vladimir Sorokin zeigen mir nicht eine Verwandtschaft zu bekannten Literaten der russischen Vergangenheit und selbst wenn Sorokin in seinem "Der Tag des Opritschniks" auf die Zeit um Ivan den Schrecklichen verweist ist die Art und Weise wie er die Zukunft Russlands zu sehen glaubt dermaßen übertrieben dargestellt das sie mehr als unglaubwürdig ist,wie Frau Finger ja auch zu Recht sagt. Unter all diesen Gesichtspunkten ist es mir nicht klar,warum dieser Sorokin im Westen jetzt plötzlich als literarischer Gegenspieler von Putin dargestellt wird,denn er zeigt sich eher als schlechter Geschichtenerzähler und hätte in der stetig wachsenden Energieindustrie Russlands sicher bessere Aufstiegsmöglichkeiten.
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