Bergbau Samstag, 16.31 Uhr
Ein Erdstoß beendet im Saarland die Ära der Steinkohleförderung
Saarwellingen - Als im Saarland die Erde bebte, saßen Burkhard Schmitz und seine Frau zu Tisch. Ein Buch fiel aus dem Regal, die Wohnzimmerlampe schwankte, das Kaffeegeschirr klirrte – »mehr war da nicht«, versichert Schmitz. Dutzende, ja Hunderte Male hat der Boden in und um Saarwellingen schon gebebt, einen Bergmann wie Burkhard Schmitz erschüttert das nicht.
So stark wie am vergangenen Samstag, um 16.31 Uhr, waren die Beben allerdings nie zuvor gewesen. Mehr als 100 Häuser wurden beschädigt, Teile des Turms der Pfarrkirche Sankt Blasius stürzten hinab. »Wie nach einem Bombenangriff sah es hier aus«, berichtet ein aufgebrachter Anwohner vom Kirchplatz. Von einem »Horrorbeben« ist nun die Rede und von Menschen, die noch Stunden nach dem Beben weinend vor ihren Häusern standen. Burkhard Schmitz war sofort klar: »Jetzt haben die uns in der Hand.«
»Die«, das sind Kohlegrubengegner vom Landesverband der Bergbaubetroffenen, die vom schwankenden Boden und den Rissen in den Wänden ihrer Häuser über den abgebauten Kohleflözen genug haben. »Seit 2001 haben wir hier mehr als 1000 Beben registriert«, berichtet Peter Lehnert, im Hauptberuf »Öko-Friseur« und einer der drei Sprecher des Landesverbands. So heftig waren die Erschütterungen zuletzt, dass den Bergbaugegnern die Unterstützer in Scharen zuliefen. Bei Beben ab einer Stärke von 2,5 traf man sich zu spontanen Kundgebungen. Bebte es vor 16 Uhr, fand die Spontandemonstration am selben Tag statt, anderenfalls tags darauf.
Mit jedem Bergmann, der im Zuge des langfristigen Ausstiegs aus der Kohle seine Arbeit aufgibt, verschieben sich die Kräfteverhältnisse im Saarland zugunsten der Bergbaubetroffenen. Burkhard Schmitz machte sich deshalb schon lange keine Illusionen mehr: Jedes größere Beben machte einen endgültigen Abbaustopp wahrscheinlicher. Wie ein Damoklesschwert hing dieses Szenario über den Köpfen der Bergarbeiter, jetzt ist es hinabgefallen.
Seit Jahrhunderten wurde im Saarland Kohle gefördert
Das Beben, das am vergangenen Samstag die Umgebung von Ensdorf im Saarland erschütterte, hatte eine Stärke von exakt 4,0 auf der Richterskala. Massiver noch als die Erderschütterungen sind nun die politischen und wirtschaftlichen Nachbeben, die das Saarland in eine schwere Strukturkrise zu stürzen drohen. Keine zwei Stunden nachdem die Erde gezittert hatte, ordnete die Landesregierung einen sofortigen Abbaustopp an, eine Entscheidung, die mit einiger Sicherheit das endgültige Aus für den Bergbau an der Saar bedeuten wird.
Es ist nicht weniger als das Ende einer Epoche. Seit Jahrhunderten wird im Saarland Kohle gefördert; es gab Zeiten, da mehr als 60000 Menschen im Bergbau schufteten. Burkhard Schmitz und rund 3700 seiner Kollegen wurden am Samstag Knall auf Fall »freigestellt«, was nichts anderes heißt, als dass ihre berufliche Zukunft nun völlig ungewiss ist und viele, wahrscheinlich die meisten, schon bald arbeitslos sein dürften.
Ministerpräsident Peter Müller (CDU) gibt sich entschlossen. Gerade erst hatte er sich bei der RAG, die im Saarland wie in Nordrhein-Westfalen die deutsche Steinkohle fördert, eine Abfuhr geholt. Müller hatte die Grube in Ensdorf noch vor 2014 schließen wollen. Für die RAG hingegen war Ensdorf bis Samstag, 16.31 Uhr, ein Standort mit einer »Perspektive weit über das Jahr 2012 hinaus«. Rund 15000 Tonnen Steinkohle wurden hier zuletzt Tag für Tag aus der Erde geholt. Mehr als 200 Millionen Euro investierte die RAG in den vergangenen Jahren hier. Doch nun sitzt Müller am längeren Hebel. »Es wird kein Experiment mit offenem Ausgang mehr geben«, ließ der Christdemokrat die RAG wissen. Nur wenn das Unternehmen zweifelsfrei nachweise, dass sich ein solches Ereignis nicht wiederhole, könne der Abbau eventuell wieder aufgenommen werden. Doch Müllers Forderung ist unerfüllbar, wie er selbst sehr gut weiß.
Bislang durfte sich die RAG mit einigem Recht Hoffnungen auf einen Regierungswechsel im Saarland machen. Sollten die Sozialdemokraten, eventuell mit Unterstützung der Linkspartei, im Sommer 2009 wieder den Ministerpräsidenten stellen, hätte die Lage für die Kohle an der Saar womöglich wieder rosiger ausgesehen. Doch auch diese Hoffnung ist nun zerstoben, die Saar-SPD trägt Müllers Entscheidung uneingeschränkt mit.
Am vergangenen Sonntag demonstrierten in Saarwellingen mehr als 6000 Menschen gegen das Bergwerk in Ensdorf. Auf Transparenten warfen sie der RAG vor, Kirchen zu zerstören. »Die Würfel sind gefallen«, stand auf einem anderen Plakat. Auch der Trierer Weihbischof Robert Brahm, einst Kaplan in Saarwellingen, eilte zum Ort des Geschehens und zeigte sich tief erschüttert.
Ministerpräsident Müller und seine Landesregierung stehen nun vor einem ganz anderen Problem: Wo sollen die fast 4000 Kumpel nun unterkommen, und welche Auswirkungen hat der Abbaustopp auf die rund 680 Zulieferbetriebe des Saarbergwerks? Die Gewerkschaften fürchten, insgesamt seien bis zu 10000 Arbeitsplätze gefährdet.
»Wo will man mit uns denn noch hin?«, fragt ein Bergmann
Wie ein kleines und obendrein strukturschwaches Bundesland eine derartige industrielle Konversion meistern soll, darüber herrscht an der Saar Rätselraten. Die Landesregierung spricht zwar von einem »großen Potenzial an Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe«; auch dürfte die RAG weiter viele Mitarbeiter für einen gewissen Zeitraum beschäftigen, bis diese die für den Vorruhestand benötigte Altersgrenze von 50 Jahren erreicht haben. Doch all dies wird bei Weitem nicht ausreichen, um die wirtschaftlichen Folgen des Bebens abzufedern.
Für die meisten Kumpel und ihre Familien brechen deshalb schwere Zeiten an. »Wo will man mit uns denn noch hin?«, fragt, sichtlich desillusioniert, ein Bergmann. Burkhard Schmitz zeigt sich unterdessen menschlich enttäuscht von den demonstrierenden Abbaugegnern. Er könne deren Ängste durchaus verstehen, sagt er. »Doch auf die Straße gehen, um anderen das Brot wegzunehmen, das würde ich nie tun.«
- Datum 28.02.2008 - 06:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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