Land der Kindsmörder?
Im Osten Deutschlands töten dreimal so viele Eltern ihre Kinder wie in den alten Bundesländern. Schockierende Zahlen provozieren offenbar populistische Thesen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hat jetzt eine geliefert und den Bogen geschlagen vom liberalen Abtreibungsrecht der DDR über den »leichtfertigen Umgang mit werdendem Leben« bis hin zu einer Mentalität, die manchen Frauen Kindstötung »als Mittel der Familienplanung« erscheinen lasse.
Das ist aus mehreren Gründen Unsinn. Erstens ist Kindstötung keineswegs ein Verbrechen, dass nur Frauen begehen. In manchen Fällen sind Männer die Täter und Frauen die Komplizinnen, in manchen Fällen ist es umgekehrt.
Zweitens vergisst Böhmer, dass die jungen Eltern, die heute ihre Kinder töten, meist schon im vereinigten Deutschland aufgewachsen sind. Drittens gibt es keinen einzigen empirischen Beleg für einen Zusammenhang zwischen Abtreibungsrecht und Anzahl der Kindstötungen.
Aber es gibt einen Zusammenhang zwischen erlittener Gewalt und verübter Gewalt: Eltern, die ihre Kinder misshandeln, sind in ihrer Kindheit oft selbst misshandelt worden. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen Armut, sozialer Verwahrlosung und Kindstötung. Das entschuldigt keines dieser Verbrechen, aber es hilft, sie zu erklären.
Was nun den Unterschied zwischen Ost und West betrifft: In den neuen Bundesländern sind die sozialen Netzwerke und die Kirchen schwächer, die familientherapeutische Versorgung ist schlechter. Und die Armut ist deutlich schlimmer als im Westen.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




