Dies ist ein Versuch über den Fähler. Manche Leute regen sich über Fähler in einer Weise auf, die mir ein psychologisches Rätsel ist. Nicht, dass ich mich über Fähler nicht ärgern würde, sei es, dass sie mir unterlaufen, sei es, dass ich sie irgendwo bemerke. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, deswegen jemanden brieflich zu beschimpfen oder telefonisch zur Schnecke zu machen.

Der Fähler gehört zur Welt doch dazu wie schlechtes Wetter, wie grippale Infekte oder der Tod. Man mag all das nicht gerne und versucht, diese Dinge zu vermeiden, aber es ist sinnlos und hat sogar etwas Verrücktes, sich darüber aufzuregen. Der Brockhaus enthält Fähler. Die Encyclopædia Britannica enthält Fähler. Goethe könnte bei der Weltmeisterschaft im Fählermachen um die Medaillen mitspielen, vor allem bei der Rächtschreibung. Um eine Zeitung ohne einen einzigen Fähler herzustellen, brauchte man wahrscheinlich ein Jahr pro Ausgabe, dies wäre den Lesern aber auch wieder nicht recht.

Ptolemäus war der Ansicht, dass die Erde eine Scheibe sei, dies war sicher einer der gröbsten Irrtümer der Menschheitsgeschichte; und, ist davon etwa die Welt untergegangen? Die Welt würde allerdings sehr wohl untergehen, wenn es keine, ich korrigiere mich gerne, Fehler mehr gäbe. Die Entwicklung der Arten beruht auf Mutationen, Mutationen aber sind nichts anderes als Fehler beim Kopieren des Genmaterials – Sie dürfen mich gern korrigieren, falls ich das irgendwie falsch darstelle. Das heißt, wenn es eine Welt ohne Fehler gäbe, dann wäre der Mensch niemals entstanden.

Sich über Fehler aufzuregen, das ist, als ob man seine Eltern verleugnete. Wenn es aber in Zukunft keine Fehler mehr gäbe, könnten die Arten sich nicht mehr an veränderte Umweltbedingungen anpassen, und die Menschen würden nichts mehr dazulernen, das heißt, die Welt würde untergehen.

Sogar intelligente Menschen neigen oft dazu, ihre Meinung für eine objektive Wahrheit zu halten. Wenn man eine Meinung vertritt, die jemandem nicht passt, hört man fast nie den Satz: "Ihre Ansicht gefällt mir nicht. Ich möchte Sie vom Gegenteil überzeugen." Stattdessen hört man häufig: "Das, was Sie sagen, stimmt nicht." Natürlich sollten Meinungen auf korrekten Fakten beruhen, leider gibt es aber zwischen den Fakten und den Meinungen eine intensive Wechselwirkung.

Als ich etwas über den Irakkrieg schrieb, stellte ich zum Beispiel fest, dass in den verschiedenen Quellen völlig verschiedene Angaben über die Zahl der Kriegsopfer zu finden waren, je nach Interessenlage und Meinung der Autoren, und dass alle Autoren die jeweils anderen Quellen als unseriös und einseitig anprangerten. Wenn ich mir eine Meinung bilde, gehe ich deshalb lieber von der Logik aus, die mir ähnlich unangreifbar vorkommt wie die Mathematik, vom sogenannten gesunden Menschenverstand sowie von den zwei, drei ethischen Prinzipien, die mir unangreifbar und vernünftig vorkommen. Sogenannte Fakten sind, nicht immer, aber oft, eine zu manipulierbare und zu interessengebundene Grundlage für eine Meinung.

Ich mache relativ viele Fehler. Leute, die unter geburtsähnlichen Presswehen einen einzigen Text im Monat hervorbringen, machen weniger Fehler, aber die Option, so zu arbeiten, besitze ich nicht, ich bin nicht der Typ dazu. Nicht, dass ich meine Methode für die richtige hielte. Manche Leute arbeiten wie Flaubert, der pro Tag manchmal nur einen Satz schrieb, andere Leute arbeiten wie Balzac, der pro Tag manchmal ein ganzes Kapitel schrieb. Auch beim Sterben war Balzac leider schneller.

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