Mit Mut zum eigenen Kopf
Ludwig Beck war einer der ranghöchsten Offiziere der deutschen Wehrmacht. Anders als die große Mehrheit der deutschen Generäle in der Zeit des Nationalsozialismus, die sich aus eigener Überzeugung in das Regime einfügten und zu Hitlers willigen Helfern wurden, verweigerte er sich in einem bestimmten Stadium der Kriegsvorbereitung. Im Sommer 1938 trat er als Chef des Generalstabes des Heeres zurück, weil er den rigiden Kriegskurs Hitlers für gefährlich hielt.
Durch die militärhistorische Literatur geistert daher das Diktum »Becks Kampf gegen den Krieg«. Davon kann in dieser allgemeinen Form keine Rede sein. Denn auch Beck wollte das militärische Machtmittel durchaus zur Wiederherstellung einer deutschen Großmachtposition eingesetzt sehen. Der Krieg war für ihn ein selbstverständliches Mittel der Politik. Aber es durfte nach seiner Überzeugung nur mit großer politischer Umsicht eingesetzt werden.
Ebendiese ließ Hitler nach seiner Ansicht nicht walten, als er 1938 die Wehrmacht in die Tschechoslowakei einmarschieren lassen wollte.
Erst jetzt legte sich Beck quer. Der unzureichende Rüstungsstand, glaubte er zu wissen, erlaubte zu diesem Zeitpunkt noch keinen deutschen Angriffskrieg. Er fürchtete, dass Hitlers Absichten das hohe Risiko einer Ausweitung zu einem großen europäischen Krieg in sich bargen, wenn nicht zu einem Weltkrieg. Diesen aber konnte Deutschland nach seiner Überzeugung niemals gewinnen. Als er weder seine Vorgesetzten noch Hitler von seiner Lagebeurteilung überzeugen konnte, wählte Beck den ungewöhnlichen Schritt des Rücktritts von seinem Posten.
In den nächsten Jahren nahm der pensionierte General eine für seinen Berufsstand ganz ungewöhnliche Entwicklung: Aus dem loyalen, die Spielregeln beachtenden Oppositionellen wurde er zu einer leitenden Figur des nationalkonservativen Offizierswiderstandes gegen Hitler. Er unterstützte das Projekt des Tyrannenmords und war bereit, nach einem erfolgreichen Attentat das höchste Amt des Staatsoberhaupts zu übernehmen. Dazu kam es bekanntlich nicht, weil der Putsch scheiterte.
Stattdessen nahm sich nun Beck selbst das Leben. Von Erfolg war seine Widerstandstätigkeit also nicht gekrönt. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine herausragende Offizierspersönlichkeit, die einerseits fest in den Traditionen des preußisch-deutschen Militarismus verwurzelt war, die aber andererseits den Mut hatte, sich einen eigenen Kopf zu bewahren und gegen eine Kriegspolitik aufzustehen, von der er früher als andere erkannte, dass sie das Land unweigerlich in das Verderben führen musste.
Klaus-Jürgen Müller, bis zu seiner Emeritierung 1995 Professor für Geschichte an der Universität der Bundeswehr Hamburg, hat sich viele Jahre lang mit Ludwig Beck auseinandergesetzt. Jetzt legt er eine umfassende Biografie dieses preußischen Offiziers vor, die sich über weite Strecken wie eine Militärgeschichte des ersten deutschen Nationalstaats liest. Wie schon der beeindruckende Umfang und der riesige Anmerkungsapparat erkennen lassen, handelt es sich um ein streng wissenschaftliches Werk für Spezialisten.
Bei der Lektüre kommen jene Leser voll auf ihre Kosten, die an genauen Informationen über das Innenleben, die Denkstrukturen, Mentalitäten und über die Personalpolitik des preußischen Generalstabs interessiert sind. Mit großem Einfühlungsvermögen gelingt es dem Autor, dieses nationalkonservative und kriegerische Milieu auszuleuchten, das ihm gelegentlich auch Bewunderung abnötigt.
Dem aus dem hessisch-nassauischen Großbürgertum stammenden, 1880 in Biebrich (bei Wiesbaden) geborenen Ludwig Beck ist sein Biograf durchgängig mit Hochachtung verbunden. Er beschreibt ihn als eine makellose Lichtgestalt, charakterisiert durch Geradlinigkeit, Überzeugungstreue, Bildungsdrang und Leistungswillen. Klaus-Jürgen Müller macht sich die Eloge des Generals Friedrich Hossbach, eines Freundes und Mitarbeiters Becks, zu eigen, der die Verabschiedung des Generalstabschefs von seinen engsten Mitarbeitern schildert: »Als wir das Zimmer betraten, stand Beck hochaufgerichtet, unbeweglich gegenüber dem Gruß jedes einzelnen, die Hände gefaltet, das feine durchgeistigte Antlitz übernächtigt, fast überirdisch wirkend, den Blick der großen, schönen Augen in die Ferne gerichtet, neben seinem Schreibtisch.«
Seltsam undeutlich bleiben Becks Ansichten zur Judenverfolgung. So erfährt man offenbar weil es an Quellen mangelt kaum etwas über seine Reaktionen auf die Einführung des Arierparagrafen in die Wehrmacht 1934, den Judenpogrom vom 9. November 1938, die Massaker in Polen 1939/40 und schließlich die systematische Judenvernichtung nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941. Offen bleibt daher die Frage: Waren auch für den kritischen Kopf Beck die Sorgen um den Bestand der Wehrmacht und um das Deutsche Reich die eigentlichen Motive seines »Aufstands des Gewissens«?
Besonderes Interesse dürfen jene Teile der Biografie beanspruchen, die Becks Werdegang bis zum Jahre 1938 beleuchten, dem die historische Forschung bislang wenig Beachtung geschenkt hat. Hier wird deutlich, in welchem Ausmaß Ludwig Beck vom Selbstverständnis des preußischen Berufsmilitärs geprägt wurde, die politisch-soziale Elite des nationalen Machtstaats zu verkörpern.
Klaus-Jürgen Müller: Generaloberst Ludwig Beck
Eine Biographie - hrsg. mit Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Potsdam - Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2007 - 836 S., 39,90 Euro
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.62
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