Kino Hüter eines verlorenen Landes
Früher spielte Tommy Lee Jones die harten Typen. Jetzt verzweifeln seine Figuren an Amerika – in »No Country for Old Men« von den Coen- Brüdern und in Paul Haggis’ Film »Im Tal von Elah«
Er scheint aus einer anderen Zeit zu kommen, einer, in der man noch glauben konnte. An das Land, seine aufrechten Menschen, seine Moral, seine Flagge. Vielleicht hat dieses Land auch nur in der Vorstellung seiner Figuren existiert. Als stoischer Sheriff, desillusionierter Exmilitär oder Gerechtigkeit suchender Rancher schaut Tommy Lee Jones auf das, was daraus geworden ist. Zerfurcht war sein Gesicht schon immer. Aber inzwischen ist es zu einer Landschaft der Sorgen und Zweifel geworden, haben Ohnmacht und Ratlosigkeit seine Stirn verwüstet.
Zu Beginn von No Country for Old Men bleibt ihm nur ein Kopfschütteln. Was soll er auch sagen angesichts des ewigen Schlamassels aus Blut, Tod und Habgier? Unter der grellen texanischen Sonne schreitet Tommy Lee Jones als Sheriff Ed Tom Bell den Schauplatz eines Gemetzels ab. Zerschossene Autos, Leichen, Patronenhülsen. Während sich sein jüngerer begriffsstutziger Kollege noch am Kopf kratzt, erfasst Bell mit einem Blick die Waffenkaliber und den Tathergang, einen geplatzten Drogendeal.
Es hat etwas Beruhigendes, dass dieser Mann inmitten des Schlachtfelds steht. Stoisch schaut Bell auf eine Gewalt, die von den Regie führenden Brüder Coen auf gewohnt drastische Art überhöht und ins Groteske gezogen wird. Um die Leichen besser zu erkunden, gleitet die Kamera am Boden entlang. Sie fährt vorbei an bizarr gekrümmten und erstarrten Körpern, verharrt auf einem von Kugeln zersiebten Kampfhund, blickt auf großflächig durchgeblutete Hemden und findet hinter dem einzigen Strauch am Horizont einen weiteren Toten.
Tommy Lee Jones wird noch einmal den Kopf schütteln, denn sein Sheriff weiß, dass auf diese Sauerei weitere, größere Sauereien folgen werden. Zwei Millionen Dollar Drogengeld sind verschwunden. No Country for Old Men erzählt vom Kampf um den Geldkoffer. Von einem texanischen Habenichts (Josh Brolin), der ihn gestohlen hat, und einem psychopathischen Killer (Oscar-ausgezeichnet als Nebendarsteller: Javier Bardem), der ihn jagt. Wieder setzen die Coens eine Gewaltmaschine in Gang. Und wieder reduzieren sie den amerikanischen Traum auf einen traurigen Kern: einen Koffer Geld, für den zwischen vielen lakonischen Pointen viele Menschen sterben müssen.
Sheriff Bell ist die große tröstliche Figur des Films. Tommy Lee Jones spielt diesen Mann, der alles gesehen hat, mit einer Mischung aus Abgebrühtheit und Melancholie, Härte und Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht nach einem heilen archetypischen Amerika, das die Coen-Brüder liebevoll in seine Szenen einschleusen. Man sieht ihn zu Pferd in der Wüste, als väterlichen Kollegen, beim Mittagessen im gemütlichen Diner oder auch beim Frühstück mit seiner Ehefrau. Vor der Arbeit verabschiedet ihn Mrs. Bell mit Worten, die nur den Coens einfallen können: »Pass auf dich auf, und verletze niemanden.«
Zwischen den tristen Trailer-Siedlungen und schäbigen Motels, den Gemetzeln und brutalen Verfolgungsjagden von No Country for Old Men wirkt dieser Sheriff, dessen Vater und Großvater auch schon Gesetzeshüter waren, wie die letzte moralische Instanz. Er ist ein Wächter, aber auf seinem Gesicht ist zu lesen, dass ihm das Land, über das er wachen will, abhandengekommen ist.
Früher erzählte Tommy Lee Jones’ Gesicht eine andere Geschichte. Sie handelte von Männern, die eins waren mit dem Land, das sie beschützten. In Filmen wie Auf der Flucht und Men in Black stehen die Falten auf seiner Stirn für Entschlossenheit. Er ist der harte Hund, der alles im Griff hat. Seine spartanische Schauspielerökonomie macht jedes Wort zum Befehl, jedes Kopfheben zum Kommando. Als US-Marshall Samuel Gerard, der ihm mit Auf der Flucht 1993 den Oscar des besten Nebendarstellers einbrachte, hetzt er den Ausbrecher Harrison Ford einen ganzen Film lang durch Chicago und die Wälder von Illinois. Dass der Mann, den er jagt, womöglich unschuldig ist, interessiert ihn herzlich wenig. Einmal verlangt Gerard bei der Untersuchung eines Tatorts mitten im Wald nach einem Kaffee, obwohl weit und breit kein Haus in Sicht ist. Aber Tommy Lee Jones verlangt ihn mit einer Bestimmtheit, dass man fast vom Kinosessel aufspringt, um ihn zu holen.
Das zerfurchte Gesicht hat seine kugelsichere Anmutung verloren
Auch die Action-Komödie Men in Black (1997) stützt sich auf seine ungerührte Mimik, flankiert von trockenen Sprüchen, die weltweit von halbwüchsigen Möchtegern-Machos imitiert wurden. In der Rolle des Agent Kay, der Amerika vor bösartigen Außerirdischen befreit, neutralisiert Tommy Lee Jones nicht nur glibberige Aliens, sondern auch den ewig plappernden Will Smith. Egal, was man von diesen Filmen halten mag, es waren Auftritte, die den Schauspieler Tommy Lee Jones zum Inbegriff einer urgewaltigen Coolness machten. Er musste erst selbst einen Film inszenieren, um zu zeigen, dass sie auch zur Deckung werden kann.
In Die drei Beerdigungen des Melquiades Estrada (2005) bleibt Tommy Lee Jones auf den ersten Blick so lässig wie immer. Unbeirrbar sorgt er als Rancher Pete Perkins dafür, dass sein versehentlich von einem Grenzpolizisten erschossener mexikanischer Freund eine ordentliche Beerdigung erhält. Die Leiche im Gepäck zwingt er den Täter, mit ihm in das Heimatdorf des Toten, nach Mexiko zu reiten. Die Reise ist Freundschaftsdienst und Ritus, aber auch Erziehungsmaßnahme. Es ist ein Ritt in den Westernmythos, in die gute alte Zeit, in der ein Mann noch zu seinen Worten und Taten stand. Dieser Held mag sich in der Wildnis zurechtfinden, die Verwesung des Freundes einfallsreich mit Frostschutzmittel aufhalten und fest im Sattel sitzen, doch etwas hat sich verändert. Das zerfurchte Gesicht hat seine kugelsichere Anmutung verloren, scheint plötzlich durchlässig geworden. Perkins weiß, dass er das Richtige macht, aber er weiß auch, dass er damit alleinsteht. In Tommy Lee Jones’ Blick liegt überraschende Melancholie, manchmal sogar Wehmut.
Man muss sich Paul Haggis’ Film Im Tal von Elah (Kinostart 6. März) anschauen, um diese unbewegt-bewegten Züge nun noch einmal neu zu entdecken. In der Rolle des ehemaligen Soldaten und Vietnamveteranen Hank Deerfield ist Tommy Lee Jones wortkarger als je zuvor. Deerfield erhält die Nachricht, dass sein Sohn, der nach seinem Irakeinsatz wieder in die Heimatkaserne kommandiert wurde, als vermisst gilt. Er reist nach New Mexico und kommt einem furchtbaren Verbrechen auf die Spur: Der junge Soldat wurde erstochen und zerstückelt, seine Überreste wurden im Nirgendwo zwischen Wüste und Kaserne verbrannt.
Auf den dunklen Parkplätzen der Provinz wird der Krieg weiter geführt
Tommy Lee Jones spielt Hank Deerfield mit tragischer Würde. Seine Haare sind militärisch kurz geschnitten und lassen seine großen Ohren noch größer wirken. Sein ledernes Gesicht wirkt so verhärmt wie auf einer Fotografie aus der Zeit der Großen Depression. Es ist ein zutiefst amerikanisches Gesicht.
Hank Deerfield ist ein Mann, der alles verloren hat und umso beharrlicher nach der letzten Wahrheit sucht, die in seinem Leben noch eine Rolle spielen wird. Gemeinsam mit einer Polizistin (Charlize Theron) erforscht er das Verbrechen, dessen Aufklärung die örtlichen Militärs sabotieren. Bei seinen Ermittlungen greift er auf seine Routine als langjähriger Militärpolizist zurück. Auch in diesem Film agiert Tommy Lee Jones’ Filmcharakter überlegt und selbstsicher. Und auch hier wird er vom Gefühl der Ohnmacht und Einsamkeit eingeholt.
Bei einem der Verhöre fangen die Kameraden seines Sohnes an zu sprechen. Sie erzählen von der unglaublichen Hitze, von der Kontrolle am Checkpoint, von der Angst vor Selbstmordattentätern. Plötzlich und fast beiläufig erzählen sie auch von der Folter an irakischern Häftlinge, von sadistischen Spielen als Freizeitbeschäftigung. Tommy Lee Jones’ Gesicht wird aschfahl. Mehr kann man nicht sagen über einen Krieg, der zehntausend Kilometer entfernt stattfindet und der auf den dunklen Parkplätzen der amerikanischen Provinz, zwischen Pussy Bar und Chicken Diner weitergeführt wird.
Immer wieder blickt Tommy Lee Jones in diesem Film in die Weite der Landschaft von New Mexico. Es ist eine Landschaft, die nicht mehr die großen Mythen enthält, sondern die verkohlten Überreste der amerikanischen Jugend. Wenn der Exmilitär Deerfield noch immer seine Hose über der Tischkante glattzieht oder seine Schuhe mit Kasernenperfektion wienert, wirken diese Gesten wie ein letzter Halt. Aber Deerfields leerer Blick verrät, dass es keinen Halt mehr gibt. Und es ist allein der Größe von Tommy Lee Jones zu verdanken, dass dieser Blick imstande ist, den Schock eines Vaters mit dem Trauma einer Nation zu verbinden.
- Datum 06.03.2008 - 10:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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das ist eine hübsche fehlinterpretation, die wie man im verlauf des artikels merkt und die unter werbung für einen weiteren film fällt.
tommy lee jones spielt in dem coen film nichts weiter als einen desinteressierten loser, der aufgegeben hat. alle seine 'lines' sind fast vollkommen nichtssagend. und weise wie er ist, spielt er sie auch so.
nichtssagend, bis er fast aus der rolle kippt. er steht und sitzt rum, wie fehl am platz. er ist fehl am platz, there is no country for old men.
for old boring lawmen. dies zu erzählen ist tommy lee jones verdienst.
die kritik muss daraus natürlich einen helden mit melancholischem heiligenheldenschein machen.
das war klar. schliesslich fällt ja etwas licht davon auch auf die kritik.
doch leider ist das ein irrtum. es ist nur ein Schatten.
this is no country for boring critics.
Im Gegensatz zum Verfasser des Artikels hat Herr "noanswer" offenbar das zu grunde
liegende Buch nicht gelesen.
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