US-Wahl Die Jünger des Präsidenten
Ganz normale Amerikaner erzählen, warum sie das Obama-Fieber gepackt hat
Der YouTuber
Den Ausschlag hatte mybarackobama.com gegeben. Hara Garacci, 27, hatte im Internet nach einem Schwarzen Brett für Obama-Fans gesucht, um sein Jazzkonzert anzukündigen, ein paar mehr Zuschauer konnte er immer gebrauchen. Auf mybarackobama.com waren alle Obama-Fans nach dem MySpace-Prinzip mit Profilen aufgeführt und, noch viel besser, nach Postleitzahlen geordnet und in Gruppen eingeteilt. Mit 50 Klicks trat Hara Garacci »Künstler für Obama« und »Generation X & Y für Obama« bei, aber auch »Junge Anwälte für Obama« und »Bisexuelle für Obama«. Fast jede Gruppe hat über 200 Mitglieder, und die bekamen nun alle seine Konzertankündigung. Eine Hand wäscht die andere, und so bot er an, auf seinem Konzert Geld für Obama zu sammeln. Nach zwei Tagen war die Gästeliste so voll, dass es den Auftrittsraum gesprengt hätte. Daher gibt es jetzt ein neues, reines Obama-Konzert. Fünf Tage nach der Ankündigung waren online über 600 Dollar gespendet worden.
28 Millionen hat Obama allein im Januar online an Spenden eingenommen. 36,1 Millionen waren es insgesamt, mehr, als jemals zuvor ein Kandidat in einem Monat gesammelt hat. Garacci will die Hälfte aus seinen CD-Verkäufen spenden, und wenn dieses Garacci-Obama-Geschäft gut läuft, dann will er bis zur Wahl regelmäßig auftreten. Ein T-Shirt-Verkäufer hat ihn schon gefragt, ob er beim nächsten Konzert einen Stand aufbauen kann.
Hara Garacci sitzt in Jeans und Flipflops in seiner kleinen Wohnung auf dem Bett und surft wie jeden Tag kurz nach dem Aufstehen auf YouTube. Über der Stehlampe hängt das goldene Negligé seiner japanischen Freundin, mit der er das winzige Zimmer teilt. Garacci klickt auf das Video der mittlerweile berühmten Obama-Rede vom 27. Juni 2004 auf dem Demokratischen Parteikonvent in Boston (391000 YouTube-Betrachter), dann schaut er sich ein Video an, bei dem McCain auf die Frage, ob man Iran bombardieren wolle, zu der Melodie eines Beach-Boys-Songs grinsend »bomb bomb bomb, bomb bomb Iran« singt (850000 Betrachter), und auf ein weiteres, in dem McCain bei einer Veranstaltung in Iowa davon redet, wie er mit Putin, dem Präsidenten von Deutschland, gesprochen hat (45000 Betrachter). »McCain ist ein Idiot«, sagt Garacci.
Einen Fernseher besitzt Garacci nicht. Er hat alle wichtigen Debatten auf YouTube gesehen. Über 680 Videos umfasst Obamas Kampage, Clintons Kampagne knapp 260, McCain, Huckabee, ihre Fans und Gegner haben Tausende weitere Filme online gestellt. Und Barack Obama erschien Hara Garacci nach all den Clips am vertrauenswürdigsten.
»Der amerikanische Präsident ist der gefährlichste Mensch der Welt«, sagt er und spielt mit seinem Flipflop. »Ich will jemanden im Weißen Haus, bei dem es am unwahrscheinlichsten ist, dass er durchdreht und den Knopf für Nuklearraketen drückt.« Dass Obama gegen den Irakkrieg war, als die meisten Amerikaner gemeinsam mit George Bush dafür waren, sieht er als ein ausreichendes Indiz für Obamas gesunden Geisteszustand an. Krankenversicherung, Steuern, das alles interessiert Garacci nicht. Er will einfach nur, dass Amerika mit den Kriegen aufhört. Und als Symbol für dieses neue, friedliche Amerika kann er sich niemand Besseren vorstellen als einen schwarzen Präsidenten.
Der Hoffnungsvolle
Martin Levine, 64, sitzt in der Küche seines Hauses in Stamford, Connecticut. Durch das Giebelfenster hinter ihm sieht man auf eine Kieseinfahrt hinab, Blumentöpfe, Forsythiensträucher, ein paar Nachbarhäuser und viel Wald. Auf dem Tisch liegt Werbematerial von Obama, die Wörter »Wandel« und »ehrlich« stechen überall hervor.
In den Sechzigern ist Levine als Student für die Bürgerrechte der Schwarzen auf die Straße gegangen, er hat an freedom rides, den Protestfahrten in den rassengetrennten Süden, teilgenommen und später Computersysteme zusammengebaut. Seit einigen Jahren ist er pensioniert, und bis vor ein paar Monaten hat er ehrenamtlich für die Stadt den Bildungs- und Erziehungsausschuss geleitet. Im vergangenen Sommer hat er Obamas Buch gelesen. »Das hat mich nicht beeindruckt«, sagt Levine und kratzt sich am grauen Bart. Dabei kommt ein kleines, dünnes Zöpfchen im Nacken zum Vorschein. »Ich hatte erwartet, dass das Buch interessante politische Kommentare enthält. Aber es war einfach nur seine Lebensgeschichte.« Und sosehr Levine auch die Art der Clintons verachtet, die er nach den ganzen Sex- und Geldskandalen für schäbig hält, dennoch hätte er Hillary gewählt. Sie vertrat seine Politik, und dass sie ein politisches Tier ist, das sich in alle Themen so lange verbeißt, bis es sie richtig verstanden hat, das bewunderte er schon an ihr. Aber dann kamen Obamas überraschender Wahlsieg in Iowa und diese Siegesrede. Hinter Levine kreuzen jetzt zwei Rehe die Kieseinfahrt. Martin Levine ist weiß Gott kein gefühlsduseliger Mensch, und dennoch hat ihn diese Iowa-Rede nachhaltig beeindruckt. »Obama sprach an diesem Tag wie von oben«, sagt Levine. »They said this moment would never come«, fing Obama an. Es ging in dieser Rede nicht um konkrete politische Pläne, sondern um eine verloren geglaubte, romantische Vision einer besseren Welt. »Seine Rede war so optimistisch, dass Amerika seine Spaltung in Reich und Arm verringern kann – sie klang fast philosophisch.« Und irgendwie hatte Levine an diesem Abend das Gefühl, dass Obama jemand sein könnte, der eine ganze Generation wieder für Politik begeistern kann. Ebenso wie Kennedy. Levine dachte an seine Jugend, und am nächsten Tag meldete er sich als Freiwilliger bei der Obama-Kampagne.
»Natürlich würde ich mir wünschen, dass er mehr Erfahrung hat«, sagt Levine, »aber einen Präsidenten kriegt man nun mal von der Stange.«
Der Stilist
Es war eine der extremsten politischen Entscheidungen, die Jesse Cohen aus New York in seinem ganzen Leben gefällt hat. 20 Dollar für Barack Obama, jeden Monat. Ein Klick auf Obamas Website reichte, und das Geld war weg. Es sollte helfen, dass die Cohens Meinung nach fortschrittlichste linke Politik ins Weiße Haus einzieht. Aber alles, was Cohen zurückbekam, war eine E-Mail: Danke, dass Sie gespendet haben, wollen Sie nicht noch mehr spenden? Cohen hatte gedacht, nicht nur Obamas Reden, sondern auch Obamas Kampagne sei anders als die anderen. Aber sie unterschied sich in keiner Weise von den üblichen Methoden. Zum Beispiel diese süßlichen E-Mails, in denen Obama von Begegnungen mit irgendwelchen Amerikanerinnen berichtete, die ihm ihr schweres Schicksal geschildert hatten. »Das war der typische Kampagnenschwachsinn«, sagt der 27-jährige Cohen. Er stellte die Spenden mit sofortiger Wirkung wieder ein.
Die Old City Bar in Manhattan ist gefüllt mit Leuten, die sich nach der Arbeit an der langen Mahagonitheke ein Bier genehmigen. Es riecht nach Pommes, die Wände sind dunkel getäfelt, davor stehen schiefe Vitrinen, die Decke ist so hoch wie in einem Kirchenschiff. Seit 116 Jahren ist das so. Jesse Cohen nimmt seinen Rucksack vom Rücken und bestellt ebenfalls ein Bier. Er ist groß, schlank, dunkelhaarig, trägt Jeans und Pullover und könnte der Sänger einer Britpop-Band sein. Er arbeite, sagt er, als Fotoarchivar in einem jüdischen Archiv um die Ecke.
Ein paar Wochen nachdem Cohen seine 20-Dollar-Spenden eingestellt hatte, hörte er folgende Geschichte: Obama hatte nach seiner Wahl in den Senat Samantha Powers kontaktiert, eine Journalistin und junge Harvard-Professorin für internationale Politik, die mit ihrem Buch A Problem from Hell: America and the Age of Genocide 2003 den Pulitzerpreis gewonnen hatte. Powers, so hörte es Cohen, dachte zuerst, das werde jetzt ein Fünfminutengespräch, danach gebe es viel Presse und damit Werbung für Obama. Aber Obama blieb zwei Stunden in ihrem Büro sitzen und quetschte sie regelrecht aus. In den Zeitungen stand später, dass sie es war, die Obama für das Thema Darfur interessiert hat. Heute ist sie seine außenpolitische Beraterin.
Cohen gefiel dieser politische Stil. Obama hörte also zu und wusste nicht schon vorher alles besser. Als ihn ein befreundeter Filmemacher fragte, ob er Lust hätte, Obama in South Carolina bei den Vorwahlen zu helfen, nahm er drei von seinen zehn Tagen Jahresurlaub und fuhr mit. »Ich war noch nie im Süden, und ich wollte die Obama-Leute mal aus der Nähe sehen«, sagt Cohen. Er hat dann sogar Obama selbst gesehen, bei einem Auftritt in einem nahe gelegenen College. Sie hatten sich dafür von den Telefonen des Obama-Hauptquartiers weggeschlichen. »Brooklyn loves you!«, schrie Cohen Obama entgegen. Obama gewann South Carolina mit großem Vorsprung.
Die Konsumkritikerin
Wer zu Pat Belk will, muss durch einen Metalldetektor, an einer Eingangskontrolle und zwei Polizisten vorbei. Belk ist Lehrerin in einer öffentlichen Highschool in Philadelphia, 3000 Schüler, 80 Prozent davon Spanisch, der Rest schwarz, sie nennen die Gegend hier Badlands. Pat Belk ist 60 Jahre alt. Sie sitzt im schwarzen Nickianzug mit einigen Kolleginnen am Mittagstisch. Bedient werden sie von Schülern, »damit die vielleicht mal in einem Restaurant arbeiten können«, sagt Belk und bittet zum vierten Mal um ihre Pepsi. Belk sagt, ihr sei es eigentlich egal, ob Hillary oder Obama gewinne, sie wolle nur, dass der republikanische Irrsinn, der den Kindern permanent erzähle, dass sie immer mehr Autos, Fernseher und Jeans kaufen sollten, irgendwann aufhöre. Für Obama wird sie im April bei den Vorwahlen in Pennsylvania nur deshalb stimmen, weil sie glaubt, dass er im Kampf gegen die Republikaner bessere Chancen hat. »Hillary hat zu viele Leichen im Keller, und die werden die Republikaner alle ausgraben. Das wird sie nie schaffen.«
Belk ist schwarz und hat ihre Tochter allein großgezogen. Die Tochter hat die Highschool abgeschlossen, ist aufs College gegangen und hat Medizin studiert. Ihre Schüler dagegen, sagt Belk, versänken im Selbstmitleid.
»Zieh deine Kapuze ab, Schätzchen«, ruft sie einem Jungen zu. Letzte Woche gab es eine Massenschlägerei, sodass die Polizei die Schule abriegeln musste. Seitdem sind Kapuzen verboten.
Belk verschränkt die Arme und lehnt sich zurück. An Obama, sagt sie, gefällt ihr dies: Danke, Jesse Jackson, aber wir müssen jetzt mal raus aus dieser Opferecke.
- Datum 03.03.2008 - 07:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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es wird ja viel geschrieben über den wahlkampf in den usa, speziell des wettrennen clinton/obama.ich weiß aber bis heute nicht, wofür obama eigentlich steht, was sein programm ist.die ZEIT könnte hier ruhig etwas aufklärerischer tätig sein, denn "a change is gonna come" alleine reicht nicht, das erinnert mich doch zu sehr an unsere verulkerei des songs von sam cooke: "kleingeld kommt vorbei".liebe ZEIT, also bitte ein paar münzen in den hut
Sie haben voellig recht.Im Grunde weiss keiner fuer was Obama eigentlich steht denn seine Reden sind ziemlich neutral und sagen wenig aus.Ob ein radikaler Wechsel ,wie der den Obama immer wieder vorpredigt ,das den US Buergern bringen wird muss erstmal abgewartet werden.Erst dann werden die Waehler,die sich so fuer Wechsel einsetzen auch wissen ob es auch so ausfaellt wie sie sich es vorstellen. Ich habe das dumpfe Gefuehl dass die Sache ganz anders laufen wird. Also abwarten
im Gegensatz zu GW. Er ist charismatisch und realistisch. Er wird den Irakkriegin ueberschaubarer Zeit zuende bringen - die Rolle der USA als alleinige Weltpolizei beenden. Er ist lernfaehig und lernwillig, nicht verbandelt mit der Ruestungsindustrieoder ( wie Hillary) der Pharmaindustrie. Ich traue ihm viel zu.gjacobs Las Vegas
@speilzahn und kb26919Falls "die Zeit" den Anspruechen nicht genuegt, gibt es eine Vielzahl von Quellen, aus denen man unedlich viel Information schoepfen kann - man nennt es "Internet" glaube ich (Vorsicht, das war jetzt lustig gemeint)Mal im Ernst: Diverse Reden, die man so sehen kann (z.B. http://www.youtube.com/watch?v=yqoFwZUp5vc - oder www.nytimes.com ) vermitteln mir wirklich Hoffnung. Endlich mal ein Praesident mit Visionen, der ueber alle politischen Lager hinweg Menschen mobilisiert und vereint, der Amerikas Fehler eingesteht und einsieht, sozial eingestellt ist und Interesse an der Umwelt hat. Und endlich ein frisches Gesicht und nicht eine Fortsetzung der Bush-Clinton-Dynastie. McCain ist wahrscheinlich das kleinste Uebel auf Republikanischer Seite und hat "gedient" was viele hier als Vorteil ansehen. Hoffentlich reicht das nicht, sonst ist im Iran bald auch Krieg.Ich werde morgen auf alle Faelle die Daumen druecken, der geneigte Leser mag vermuten fuer wen.
Ich z.B.sitze momentan in Chicago und kann das Wahl Spektakel aus bester Naehe beobachten.Da ich einen deutschen Pass hab kann ich ja nicht waehlen auch wenn ich seit vielen Jahren eine 'gruene Karte' besitze und auch Haus und Hof in USA habe ,wie auch in D. Mich stoert dass Obama sich immer wieder zu Platitueden aufschwingt aber nicht sagt wie seine Politik ausfallen wird.Was die Amerikaner schon gehoert haben ist dass er plant 88 Milliarden fuer ein Welthunger Projekt auszugeben und dass er erwartet dass Europa sich mehr an der Drecks-Arbeit in Afghanistan beteiligt.Aber niemand weiss wer seine Berater sind und werden sollen da er sich bis jetzt sehr gedeckt haelt in dieser und anderen Sachen.Mein Mann glaubt dass Hillary Clinton die noetigen Erfahrungen hat um die USA aus den Problemen zu fuehren die Busch hinterlaesst.Er zweifelt dass Obama diese Erfahrung hat.
@ kb26919: Und Sie, was glauben Sie? Ich vermute doch mal dasselbe.Ich finde es souveräner, seine eigene Meinung ohne "man" oder "mein Mann" darzulegen.Zu Barack und Hillary: ihr Problem ist, dass sich wenige ihrer Unterstützer an der Person Obama stören (er redet ja gut, erinnert mich aber noch mehr an einen Prediger als der tatsächliche, Huckabee). Ob jetzt oder als übernächster Kandidat, er hat das staatsmännische, das den Leuten das Gefühl gibt gut aufgehoben zu sein, trotz seiner Unerfahrenheit.Hillary ist unstreitig besser vorbereitet für den Job, der ihr Lebenswerk krönen würde (wie bei John McCain). Aber gibt es eine "verdiente" Präsidentschaft?Falls Obama beide Rennen gewinnen sollte, könnte er vielleicht sogar neuer Lieblings-Feind werden. Bei (weiteren) Forderungen nach mehr Truppen in Afghanistan oder im Irak werden ihn unsere Medien wohl kaum erneut zum Messias ausrufen.Any way - it's not gonna be easy (but way better then now)!
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