Wetter Und nun das Wetter

Meteorologen denken global, Vorhersagen werden immer genauer. Nirgends ist das Wetter schlechter als auf dem Mount Washington

Es ist 3.35 Uhr, Zeit für die Messung der Luftfeuchtigkeit. Ryan Knapp schlüpft in den Arktisparka, zieht eine Schneebrille über die Gesichtsmaske und steigt die Stahlleiter im Beobachtungsturm hinauf. In der Hand hält er ein Schleuder-Psychrometer. Das 1887 erfundene Gerät besteht aus zwei baugleichen Quecksilber thermometern. Bei einem liegt der Fühler offen an der Luft, über den anderen hat Knapp einen nassen Baumwollschlauch gezogen. Jetzt schnell durch die Luke hinaus auf die vereiste Plattform. Und das Psychrometer zehn Minuten lang über dem Kopf herumschleudern.

Danach, im Licht der Stirnlampe, zeigt das nackte Thermometer minus 19 Grad, die derzeitige Lufttemperatur. Beim feuchten Pendant liegt der Messwert noch tiefer. Denn beim Schleudern ist ein Teil des Wassers im Baumwollschlauch verdunstet und hat dadurch – wie Schweiß auf der Haut – für zusätzliche Abkühlung gesorgt. »Die Differenz der beiden Temperaturen ist ein Maß für die relative Luftfeuchtigkeit«, erklärt Knapp, als er zurück ist im wohlig geheizten Wetterraum. »Liegt sie bei 100 Prozent, kann kein Wasser aus dem Baumwollschlauch verdunsten; beide Thermometer zeigen dann denselben Wert.«

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Diesmal ist es anders. »82 Prozent«, sagt Knapp nach dem Blick auf die Psychrometertafel. Er schreibt den Wert in eine Tabelle und tippt ihn in den Computer. »Natürlich gibt es heutzutage auch vollautomatische Hygrometer«, erklärt der junge Meteorologe. Sie messen die elektrische Leitfähigkeit der Luft und errechnen daraus deren Feuchtigkeit. »Mit modernen Geräten haben wir hier oben aber nur schlechte Erfahrungen gemacht.«

»Hier oben« heißt: auf dem Gipfel des Mount Washington. Der Berg liegt drei Autostunden nördlich von Boston im US-Bundesstaat New Hampshire. Er ist keine 2000 Meter hoch, setzt die Meteorologen aber Wetterextremen aus, wie sie sonst nur auf den Gipfeln des Himalaja oder in der Antarktis zu finden sind. Jede Weltregion hat ihre Wetterspezialitäten – am heißesten ist es in der Sahara, am kältesten in der Antarktis, die Sonne scheint am häufigsten in Arizona, und besonders mild ist es auf den Azoren. Der Mount Washington zeichnet sich dadurch aus, dass es hier besonders stürmisch, kalt und feucht ist. Über seinen Gipfel tobte am 21. April 1934 mit 372 Kilometern pro Stunde, also in dreifacher Orkanstärke, der kräftigste je auf der Erde gemessene Sturm. Von November bis April herrscht an drei von vier Tagen Windstärke 12 oder mehr. Die Temperatur sinkt im Winter bis auf minus 44 Grad und steigt auch im Sommerdurchschnitt nur knapp über den Gefrierpunkt. Schnee und Eis sind jederzeit möglich. 60 Prozent der Zeit liegt der Gipfel im dichten Nebel.

Das Wetter in Kalifornien war dem Meteorologen zu langweilig

»Einen Vorteil hat das«, sagt Knapp, »das Psychrometer kann ich dann unten lassen.« Bei Nebel ist die Luft gesättigt, die relative Luftfeuchtigkeit beträgt 100 Prozent. Nach draußen auf den Turm muss der Meteorologe trotzdem einmal in der Stunde. Denn Nebel in Kombination mit Frost und Sturm führt zu sogenanntem Raufrost, einer Spezialität des Wetters auf dem Mount Washington. Die feinen Nebeltröpfchen kondensieren nicht zu Eiskristallen, sondern bleiben auch bei tiefen Minusgraden als unterkühltes Wasser flüssig. Sobald sie auf ein Hindernis treffen, erstarren sie sofort zu einer weißen, faserigen Schicht. Um bis zu 20 Zentimeter pro Stunde wächst das Raueis dem Wind entgegen. Wird es nicht regelmäßig mit einem Stahlrohr abgeschlagen, verklebt es alle Instrumente. Dreht der Wind, brechen fußballgroße Brocken ab und jagen als gefährliche Geschosse durch die Luft.

Die meisten Messgeräte halten einen Treffer nicht aus. Eine ganze Sammlung von verbeulten und zerbrochenen Instrumenten bewahren Knapp und seine Kollegen in einem Schrank im Wetterraum auf. Besonders gefährdet sind die Anemometer. Statt mit drehenden Halbschalen wird die Windstärke auf dem Mount Washington deshalb mit einem Pitotrohr bestimmt, einem Gerät, das normalerweise der Geschwindigkeitsmessung an Flugzeugen dient. Es sitzt auf einem geheizten Gestänge, damit sich die Öffnung des spitz zulaufenden Rohres stets direkt gegen den Wind ausrichten kann. Der Hersteller eines elektronischen Anemometers wirbt zwar mit dem Prädikat: »Tested on Mount Washington«. Dass dieser Test aber schon nach einigen Tagen mit einem Komplettausfall endete, erwähnt die Reklame nicht. Der Werbespruch, mit dem das von einer privaten Stiftung betriebene Observatorium jeden ihrer zahlreichen Wetterberichte in Radio und Fernsehen beendet, ist dagegen nah an der Realität: »Mount Washington – die Heimat des schlechtesten Wetters der Welt.«

»Extremere Verhältnisse findet man in keiner Wetterstation«, sagt Ryan Knapp, »deswegen arbeite ich gern hier oben.« Der Meteorologe stammt aus Kalifornien und hat einige Jahre lang das Wetter für den Flughafen des Silicon Valley in San José beobachtet. Den Urlaub verbringt er noch immer dort, doch meteorologisch war ihm der Sonnenstaat zu langweilig. Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Temperatur, Niederschlagsmenge, Windrichtung und Windstärke, dazu der Blick nach draußen, um Wolken und Sichtweite zu bestimmen – die Daten, mit denen Zustand und Veränderung der Atmosphäre beschrieben werden, sind auf dem Mount Washington die gleichen wie in Miami, Accra oder Mannheim. Doch so hautnah wie hier sind die Launen des Wetters fast nirgendwo zu erfahren.

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