Ohio Das Lied vom Tod
Von wegen Provinz: Der US-Bundesstaat Ohio, Ort einer entscheidenden Vorwahl, gehört zu den großen Schauplätzen des Vietnam-Protests – und wurde musikalisch dafür verewigt
Wahlkampf in Ohio: Politik in der Provinz? Wer das glaubt, hat nie Crosby, Stills, Nash & Young gehört. Kent/Ohio ist ein Schlüsselbegriff der Bürgerrechtsgeschichte. Hier geschah am 4. Mai 1970 ein vierfacher politischer Mord. Neil Young schrieb die Totenklage und schrie sie heraus, in drei Minuten flammender Rockmusik: Tin soldiers and Nixon coming / We’re finally on our own / This summer I hear the drumming / Four dead in Ohio…
Vier Tote in Ohio. Studenten der Kent State University – erschossen, weil sie gegen den Vietnamkrieg demonstrierten. Am 25. April 1970 waren amerikanische Truppen in Kambodscha eingedrungen, um vietnamesische Kämpfer zu vernichten, die sich dorthin zurückgezogen hatten. Der Invasion und Präsident Nixons Rechtfertigungsrede vom 30.April folgten Proteste, auch in Kent. Bürgermeister Leroy Satrom rief den Notstand aus. Am 2.Mai versammelten sich 1500 Studenten auf dem Campus. Satrom holte die Nationalgarde. Ohios Gouverneur James Rhodes erklärte, die Studenten seien Abschaum, übler als Nazis und Kommunisten. Der Republikaner Rhodes befand sich im Wahlkampf zum US-Senat; Umfragen zeigten ihn sieben Prozent hinter seinem Kontrahenten Robert Taft Jr. Gern hätte Rhodes seine markigen Worte mit Taten geschmückt. Es wird vermutet, dass ihn Richard Nixon unterstützen wollte, zumal der Präsident mit den Kent-Studenten eine Rechnung offenhielt: 1968 hatten sie ihn bei einer Rede niedergebrüllt.
Am 4.Mai demonstrierten auf dem Campus wieder 2000 Studenten. Die Nationalgarde zog auf, etwa 100 Mann. Tränengas wurde verschossen. Die Studenten warfen Stöcke und Steine. Die Gardisten rückten vor, mit aufgepflanztem Bajonett. Dann der Feuerbefehl. Das Feuer dauerte 13Sekunden. 76Schüsse fielen. Vier Menschen starben. Neun wurden verletzt, einer blieb querschnittsgelähmt. Am 6.Mai verlor Gouverneur Rhodes seinen Wahlkampf hauchdünn. Am 9. Mai strömten 150000 protestierende Studenten nach Washington. Landesweit streikten über vier Millionen Studenten. Hunderte von Hochschulen blieben geschlossen, die Kent State University für sechs Wochen. Das Massaker fand keine Sühne. Die Gardisten, befand ein Untersuchungsausschuss, hätten in Selbstverteidigung gehandelt. Einige der Opfer waren mehr als einhundert Meter entfernt.
Am 21. Mai nahmen Crosby, Stills, Nash & Young Ohio auf. Am 4. Juni erschien die Single. Die B-Seite klingt wie ein Grablied für Allison Krause, Bill Schroeder, Jeffrey Millner und Sandy Scheuer. Find the cost of freedom / Buried in the ground / Mother earth will swallow you / Lay your body down. Das makellose Acappella schwebt, entrückend schön. Die Wut von Ohio wird Melancholie. Kunst hat noch nie die Welt gerettet, nur etliche Seelen, und sich selbst.
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- Datum 03.03.2008 - 12:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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