Österreich Ein Oscar macht kein Filmwunder

Österreich schwelgt im siebenten Kinohimmel. Doch die Realität ist weit von solchen Glücksmomenten entfernt, meint Filmforscher Jonathan Davis

Oft ist ein einzelner Filmemacher, oder gar nur ein einziger Film, dafür verantwortlich, in welchem Ruf das Kino eines ganzen Landes in der Welt steht. Dann fällt grelles Scheinwerferlicht darauf. Und dieser Spot strahlt auch dann noch weiter, wenn es für die Öffentlichkeit gar nichts mehr zu sehen gibt und er lediglich nur noch eine schmerzliche Leere in sein Licht taucht.

Nun ist es Stefan Ruzowitzky, der nach dem Oscar-Gewinn seines Films Die Fälscher das österreichische Kino zu repräsentieren scheint. Da der Regisseur in Österreich geboren und ausgebildet wurde und die österreichischen Steuerzahler mehr als die Hälfte der Produktionskosten des KZ-Dramas (1740800 Euro des geschätzten Gesamtbudgets von drei Millionen Euro) aufgebracht haben, sonnt sich das Land ganz zu Recht in diesem Glanz aus Hollywood. Es sollte auch den Triumph nicht schmälern, dass der Regisseur schon vor Jahren in ein professionelles Exil gezogen ist und noch vor Kurzem einem amerikanischen Journalisten über seine Erfahrungen als Filmemacher in Österreich erzählte: »Am besten, man verbrennt das Negativ, sobald der Film fertiggestellt ist.«

Kein anderes Land fördert Film so großzügig wie Österreich

In diesem zwiespältigen Verhältnis zum österreichischen Kino spiegelt sich das zwiespältige Verhältnis, das Österreich seinem Kino entgegenbringt. Vor einem Jahr hielt eine europaweite Studie fest, dass sich kein anderes Land in Europa, und wahrscheinlich auch in der Welt, derart großzügig – oder ineffizient – verhält, wenn es darum geht, Filmproduktionen aus staatlichen Mitteln zu unterstützen. Im europäischen Schnitt wird jede verkaufte Kinokarte mit rund 6 Euro durch die öffentliche Filmförderung subventioniert; in Österreich sind es knapp 30 Euro. Die österreichischen Steuerzahler sind offenbar bereit, viel Geld für die Herstellung von Filmen in die Hand zu nehmen, aber sie sind nicht bereit, sich die Resultate auch im Kino oder im Fernsehen anzusehen.

Meist ist es ein langwieriger Prozess, bis eine fertiggestellte Produktion auch in einem österreichischen Kino landet, und es hat den Anschein, niemand sei sonderlich daran interessiert, ob all diese Filme auch tatsächlich zu einem Publikum gelangen. Von den 100 Filmen, die in den Jahren 2004 und 2005 von dem Österreichischen Filminstitut unterstützt wurden, fand sich für lediglich rund die Hälfte bis zum Jahresende 2007 ein Premierentermin. Und die Hälfte dieser etwa 50 Filme lockte im Schnitt jeweils nur knapp 3.000 zahlende Zuschauer an. Nachdem einige Jahre Arbeit und 140.000 Euro an Steuergeld (mit dieser Summe wurde jeder dieser 25 Filme durchschnittlich gefördert) aufgewendet wurden, wollen bloß ein paar Tausend Leute das Ergebnis auch begutachten. Wäre das nicht genug Grund, enttäuscht zu sein?

Aber vielleicht neigen österreichische Filmemacher gar nicht zu Enttäuschung, sondern sind stolz. Beweist nicht jeder kommerzielle Misserfolg eines ihrer Filme, dass sie in künstlerischer oder politischer oder philosophischer Hinsicht kompromisslos zu Werk gegangen sind? Sie haben sich nicht von so schäbigen Aufgaben, wie es das Marketing für ihre Filme ist, ablenken lassen. Sie lachen über die Gleichgültigkeit der Welt. In dieser geringschätzigen Haltung gegenüber der öffentlichen Sphäre werden österreichische Filmemacher und Verleiher von jenen Leuten unterstützt, die für ihre Filme zahlen: den Filmfonds, dem ORF, den Politikern und schlussendlich den Steuerzahlern.

Die Filmregisseure machen sich ihr Leben und ihr Handwerk nicht gerade einfach. Sie arbeiten langsam und mit viel Leerlauf: Durchschnittlich dreht ein österreichischer Regisseur alle fünf Jahre einen Film zu Ende. Man stelle sich einen Theaterregisseur vor, der alle fünf Jahre ein Stück auf die Bühne bringt. Von einem Theaterprofi werden oft bis zu fünf Produktionen pro Jahr erwartet.

Doch die geringe Attraktivität in den Kinos ist nur ein Teil der Probleme, die den österreichischen Film plagen. Der ORF steckte 696.000 Euro in die Fälscher, und er wird, nachdem er, wie er muss, 18 Monate nach der Kinopremiere zugewartet hat, den Film sicherlich intensiv bewerben und zu einem möglichst guten Sendetermin ausstrahlen. Doch nicht alle Filme, die der ORF mitfinanziert hat, schaffen es auch bis in das Programm – und wenn sie es tun, dann häufig nur auf einen Sendeplatz am späten Abend oder in den frühen Morgenstunden, wo sie lediglich ein geringes Publikum finden.

Warum investiert der ORF in Filme und verzichtet anschließend auf deren Ausstrahlung oder sendet sie zu Zeiten, in denen der Großteil der Zuseher bereits schläft? Weil er glaubt, dass diese Filme nicht gut genug sind? Wie bei anderen Sendern werden auch im ORF die Wertmaßstäbe von den Quoten bestimmt. Fernsehanstalten, auch öffentlich-rechtliche, meinen, sie wären passive Opfer, die dem Publikumsgeschmack ohnmächtig ausgeliefert sind. Das Letzte, das in Erwägung gezogen würde, wäre es, das Publikum an einen Film heranzuführen oder ihm nach allen Regeln des Gewerbes eine Produktion schmackhaft zu machen. Audience building heißt das im Fachjargon. Vielleicht bemüht sich der ORF darum, wenn eine Serie, die er selbst entwickelt hat, betroffen ist. Aber ein Film landet auf seinem Sendeplatz und muss sich dort allein mit dem Ruf, den er sich bisher erworben hat, behaupten. Die Aufgabe eines Senders ist es, über den Programmtermin zu entscheiden, und üblicherweise lautet die Entscheidung: So spät wie möglich. Es sei denn, es handelt sich um große Hollywood-Produktionen oder das neueste Elaborat aus der Komödienfabrik von Michael Bully Herbig.

Mit Lissi und der wilde Kaiser setzte Herbig vor Kurzem dem internationalen, vor allem deutschen Publikum die erste Österreich-Darstellung im Mainstreamkino seit Sound of Music vor. Wir haben hier einen Bayern, welcher der Welt ein Österreichbild vermittelt, während international erfolgreiche österreichische Filmemacher und Filmproduktionen ihr Augenmerk auf Bosnien-Herzegowina (Grbavica von Jasmila Žbanić, Goldener Bär, Berlin 2006), Paris (Caché von Michael Haneke, beste Regie, Cannes 2005) und Sachsenhausen (Die Fälscher) richten.

Es bleibt Regisseuren wie Ulrich Seidl und Götz Spielmann vorbehalten, in ihren Filmen österreichische Identität widerzuspiegeln. In Revanche, einem Film, mit dem Spielmann bei den Berliner Filmfestspielen zwei internationale Preise gewann und der in Arthouse-Kinos in ganz Europa zu sehen sein wird, betont der Regisseur ganz ähnlich wie vor ihm Ulrich Seidl in Import/Export einen wichtigen Aspekt des Österreichischen: den Einfluss, den die osteuropäischen Nachbarn auf das Land ausüben. Im Unterschied zu Seidl erzählt aber Spielmann in seinem Melodram von der reinigenden Kraft des ländlichen Lebens. Es wird interessant sein, zu sehen, ob sich diese letztlich positiv gestimmte Version des österreichischen Kinos auf dem internationalen Markt ebenso gut behaupten kann wie Ulrich Seidls vorangegangener Streifen Hundstage, den mittlerweile eine Viertelmillion Zuschauer gesehen hat – die Hälfte davon außerhalb des Entstehungslandes.

2,5 Milliarden Euro werden in Europa in Filme gepumpt, die nur wenige sehen

Von außen gesehen, zeichnet sich das österreichische Kino vor allem durch zwei Gesichtspunkte aus: seine vollkommene Abhängigkeit von öffentlicher Finanzierung und den Gleichmut, mit dem alle Beteiligten es hinnehmen, dass ihre Arbeit weitgehend unbekannt bleibt. Aus europäischer Perspektive bildet das österreichische Kino allerdings keine Ausnahme: Es stellt vielmehr dessen Paradigma dar. Deutsche Filme finanzieren sich zu zwei Dritteln aus öffentlichen Töpfen, und ein Drittel aller deutschen Filme, die in deutsche Kinos kommen, bringt weniger als 10.000 Besucher an die Kasse. Ähnlich ist das Bild in Frankreich: Dort werden für die Hälfte aller französischen Filme weniger als 25.000 Eintrittskarten verkauft. Diese Zahlen stammen aus den Jahren 1995 bis 2001, mittlerweile dürfte die Situation noch trüber sein.

Österreichische Regisseure, die Filme drehen, die nur von wenigen Leuten gesehen werden, sind also weder mutig noch außergewöhnlich. Ihre Arbeitsergebnisse teilen vielmehr das Schicksal der großen Mehrzahl der Kinofilme, die in Europa, ja in der Welt, produziert werden. Sogar in den USA verdient die Hälfte der 500 Filme, die jährlich einen Verleih finden, weniger als 100.000 Dollar an der Kinokasse. Europäische Filmemacher blicken oft eifersüchtig auf die amerikanische Independent-Szene. Sie denken dann an Syriana , L.A. Crash , Capote oder Brokeback Mountain . Was angesichts der erfolgreichen Ausreißer übersehen wird, ist der Umstand, dass es höchstens drei oder vier weiteren unabhängigen US-Produktionen gelingt, mehr als eine Million Dollar in den Kinos zu erwirtschaften.

Die dramatische Situation, in der sich das europäische wie das österreichische Kino befinden, hat vor allem mit einer moralischen oder politischen Frage zu tun: Warum werden in Europa im Namen der Öffentlichkeit jährlich 2,5 Milliarden Euro öffentlicher Mittel in Filmproduktionen gepumpt? Wenn es aus ökonomischen Gründe so ist, dann ist es zugleich aber auch ziemlich fragwürdig, ob Filmproduktion ein effizientes Mittel darstellt, die Wirtschaft anzukurbeln. Wenn es zum Wohl der jeweiligen nationalen Kultur geschieht (so die offizielle Begründung), so stellt sich die Frage, welchen kulturellen Wert all diese Filme besitzen, die so wenig gesehen werden? Und wenn es darum geht, untereinander kulturelle Betrachtungsweisen auszutauschen (eine weitere offizielle Begründung), so muss nach dem Wert jener Filme gefragt werden, die außerhalb ihres Entstehungslandes überhaupt nicht zu sehen sind.

Natürlich wird der Jubel der Oscar-Nacht all diese unbequemen Fragen für eine geraume Weile übertönen. Auch dank der österreichischen Steuerzahler entstand ein Film, der den Namen Österreich in Redaktionen und Wohnzimmern rund um die Welt erklingen ließ. Doch wenn sich die Begeisterung über diesen epochalen Erfolg wieder gelegt hat, verdient es lediglich eine Frage, gestellt zu werden: Vermag Die Fälscher den österreichischen Filmemachern, Produzenten und Finanziers jenes Selbstvertrauen zu vermitteln, dessen es bedarf, um eine Filmpolitik aufzustellen, die funktionstüchtiger als die bereits bestehende ist?

Der Autor ist Kunsthistoriker und Absolvent der Filmschule der New York University. Er arbeitet als Senior Adviser für den European Think Tank on Film and Film Policy in Kopenhagen und derzeit an der Vorbereitung des Vienna Think Tank, der im April in Wien stattfinden wird

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
Leser-Kommentare
  1. Ihr Autor verwickelt sich leider in Widersprüchen und stellt neoliberale Fragen, ohne auch nur ein wenig die Materie zu vertiefen: Ist nun Österreich ein Land, das sich "wie kein anderes in Europa - und wahrscheinlich auch in der Welt" ineffizient verhält, wenn es darum geht, Filmproduktionen aus staatlichen Mitteln zu unterstützen"? Oder teilen die österreichischen Filme doch das "Schicksal der großen Mehrzahl der Kinofilme, die in Europa, ja der Welt, produziert werden" - nämlich, dass sie, wie der Autor meint, zuwenig gesehen werden?
     
    "Dramatisch", so die Charakterisierung des Autors, ist der Zustand des europäischen Kinos schon seit Jahrzehnten. Warum soll man Geld in Filmproduktionen "pumpen"?, fragt der Autor etwa. Und gibt leider die völlig unbefriedigende Antwort, dass es "ziemlich fragwürdig sei, damit die Wirtschaft anzukurbeln". Warum ist es denn fragwürdig?
     
    Oder: Die Filmregisseure arbeiten "langsam und mit viel Leerlauf". Das suggeriert, sie seien untätig. Weiss der Autor denn nicht, dass es oft zermürbend lange Jahre dauert, bis die Finanzierung eines Filmes steht? Und das ist eben anders als beim als Vergleich hergeholten Theater!
     
    Natürlich macht ein Oscar noch kein Filmwunder, natürlich ist es schlimm, wenn der ORF nur aus Quotengläubigkeit anspruchsvolle Filme nicht in die prime time rückt. Bloß ist das keine österreichische Besonderheit. Denn genau so wenig kommen deutsche oder französische vom TV cofinanzierte Filme immer in diesen Genuss! Und genau so wenig gibt es ein rumänisches Filmwunder, bloß weil ein rumänischer Film mal in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat!
    Ein bisschen mehr Tiefgang wünschte man sich von einem Think Tank-Menschen vielleicht schon.
     
     

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