Deutsche Geschichte Am Ende nun die Wahrheit?

75 Jahre Streit über den Reichstagsbrand. Sven Felix Kellerhoffs Buch schildert die Karriere eines Kriminalfalls.

Am Abend des 27. Februar 1933 gingen in Berlin der Plenarsaal des Deutschen Reichstages und angrenzende Gebäudeteile in Flammen auf. Noch am Tatort verhaftete die Polizei den niederländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe, der bei den folgenden Vernehmungen immer wieder beteuerte, aus »Protest« gehandelt zu haben und der alleinige Täter zu sein, was auch die ermittelnde Politische Polizei in ihrem Abschlussbericht bestätigte.

Somit hätte der Reichstagsbrand zwar ein spektakulärer, aber in der Substanz doch ordinärer »Kriminalfall« bleiben können, wie es der Untertitel des vorliegenden Buches formuliert. Die Reichsregierung Hitler jedoch nutzte die Situation umgehend, um mit ihren politischen Gegnern abzurechnen und ihre Macht diktatorisch zu festigen: Die noch am Abend des 28. Februar 1933 veröffentlichte »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat« verhängte den zivilen Ausnahmezustand im Reich und setzte alle wichtigen Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft – zur »Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte«: So lautete die abstruse Begründung, die den Reichstagsbrand in einen drohenden kommunistischen Aufstandsversuch umdeutete. Der folgenden Verhaftungswelle fielen bis Ende April rund 40000 Personen – vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten – zum Opfer. Das Reichsgericht verurteilte Ende 1933 van der Lubbe wegen Brandstiftung zum Tode, sprach jedoch zum Ärger der Nationalsozialisten vier kommunistische Mitangeklagte frei und konterkarierte so faktisch die offizielle Version einer breiten kommunistischen Täterschaft.

Weite Teile der deutschen und internationalen Öffentlichkeit hatten ihr ohnehin keinen Glauben geschenkt. Sie waren davon überzeugt, dass die Nationalsozialisten selbst den Reichstag angezündet hatten – darin bestärkt von einem durch die Exil-KPD initiierten Gegenprozess in London, der auf der Basis allerdings gefälschter Quellen einen Schuldspruch über die Nazis gefällt hatte.

Seit 75 Jahren wird nunmehr über den Reichstagsbrand gestritten, und Sven Felix Kellerhoff legt zu diesem »Jubiläum« ein gut geschriebenes, klar gegliedertes und schlüssig argumentierendes Buch vor, das sich sowohl den historischen Ereignissen selbst wie den bis heute andauernden Kontroversen um die Täterschaft widmet.

Letztere sind ein Kriminalfall sui generis geworden, wurden doch in der Nachkriegszeit immer wieder dubiose Dokumente präsentiert, mit denen unter anderem der kroatische Journalist Edouard Calic eine Alleintäterschaft der Nationalsozialisten zu belegen behauptete. ZEIT- Historiker Karl-Heinz Janßen entlarvte die vermeintlichen Dokumente als schlecht fabrizierte Fälschungen. Ausführlich rekapituliert Kellerhoff die lange Skandalgeschichte der Reichstagsbrand-Kontroverse, deren polemischer Grundton ihrer zunehmenden geschichtspädagogischen Überformung geschuldet ist. Demgegenüber hält sich Kellerhoff an den für Historiker selbstverständlichen Grundsatz, dass jede historische Interpretation von den Quellen selbst auszugehen hat. Nüchtern prüft er die Fakten und kommt zu einem eindeutigen Urteil: »Nach 75 Jahren Streit steht am Ende eine einfache Wahrheit. Marinus van der Lubbe war ein Einzeltäter.« Damit bestätigt er die Forschungen von Fritz Tobias, der Ende der fünfziger Jahre als Erster einer ungläubigen Öffentlichkeit diese These präsentiert hatte, die jedoch schnell die Unterstützung Hans Mommsens und zahlreicher weiterer Historiker fand und sich heute fast allgemein durchgesetzt hat.

Ob Kellerhoffs Buch die Kontroverse zu beenden vermag, ist zwar zu hoffen, muss jedoch bezweifelt werden. Schließlich zeigt sein Buch, dass das Thema Reichstagsbrand immer auch ein Tummelplatz für Verschwörungstheoretiker und Wichtigtuer gewesen ist, die sich bereits mehr als einmal die Enthüllungsbedürfnisse der medialen Öffentlichkeit zunutze gemacht haben.

 
Leser-Kommentare
  1. ist ein artikel in dieser sache, der die schändliche rolle des "spiegel" unterschlägt.der artikel bei telepolis ist informativer ...

  2. Es ist verblüffend, wie ein renommiertes Blatt wie die "Zeit" auf die Propagandisten der Alleintäterschaft des van der Lubbe beim Reichstagsbrand hereinfällt. So ist z.B. schon unrichtig, daß van der Lubbe den Reichstag aus "Protest" angezündet hätte. Der Ausspruch "Protest" hat einen gänzlich anderen Hintergrund: Als van der Lubbe nämlich im Reichstag gestellt worden war, griff ihn der aufgebrachte Hausverwalter tätlich an, worauf v. d. L. "Protest, Protest" rief. Nachlesen kann man diese Richtigstellung in dem Gutachten des Historikers Hans Schneider, der im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte in München zur Alleintäterthese des Fritz Tobias ein Gutachten erstellte. Dieses Gutachten wurde unter dubiosen Umständen und mit kriminellen Machenschaften vom IfZ zurückgehalten. Grund dafür könnte gewesen sein, daß der Alleintäter-Verfechter Tobias androhte, die NSDAP-Mitgliedschaft des damaligen Institutsleiters Helmut Krausnick öffentlich zu machen. Hatte doch der Gutachter Schneider dem Alleintäter-Verfechter in dessen Buch zahlreiche Fehler und Manipulationen zugunsten der Alleintäterthese nachgewiesen.Herrn Kellerhoff hat dies offensichtlich nicht interessiert oder er hat schlicht keine Kenntnis von den skandalösen Vorgängen im IfZ gehabt. Literatur: Hans Schneider, Neues zum Reichstagsbrand.Berlin 2004. FS

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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  • Schlagworte Geschichte | Hans Mommsen | London | Literatur | Berlin
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