Leere, Leere, Leere. Im Norden ist das Nichts. Dort, wo man sich noch hundert Jahre zuvor renaissancehaft optimistisch grüne Paradiese hinter hohen Eiswällen ausmalte, hebt 1676 ein müdes Walross resignierend die Pfote. Der Nordpol ist leer und die sehnsüchtig gesuchte Nordwestpassage versperrt vom Packeis, einer grauen, gezackten Linie, die die bekannte Küste von Nova Semlja mit einer großen Unbekannten, der angenommenen Nordküste Grönlands, verbindet. An diesem Packeis war 1676 das Schiff von Greenville Collins gescheitert. Man kann sich vorstellen, wie viel Geduld und wie viel Resignation in jeden einzelnen kleinen Strich eingegangen ist, mit dem sein Kartograf diese unüberwindbare Mauer aus Eis in die Fläche seiner Karte übertrug. Und doch muss er auch ein wenig Triumph empfunden haben, hatte er doch wieder eine Kante des Unbekannten erfasst.

Seekarten zeigen die Welt aus der Sicht derer, die an fremden Küsten nicht stranden durften, die in Häfen anlegen wollten, die sie noch nie gesehen hatten. John Blake, Ex-Navy-Offizier und Seefahrtshistoriker, hat eine Sammlung historischer Seekarten zusammengestellt, die die Geschichte der Weltentdeckung vom Wasser aus anschaulich macht. Wie konnte sich der Seemann orientieren? Da gibt es die Windrosen, die die Namen von erst vier, dann 16, um 1250 sogar 64 Winden aufzeichneten, nach denen der Kundige navigierte. Er kannte nicht nur ihre Namen, sondern musste wissen, wie sie schmecken, riechen und sich anfühlen. Als erste Karten – Portolane hießen sie nach einem italienischen Lotsenbuch – in der Mitte des 12. Jahrhunderts gezeichnet wurden, überzogen die Rhumben genannten Navigationslinien der Windrichtungen die unheimliche See wie ein Sicherheitsnetz, und die Winde selbst wanderten als Pustemäuler an den Rand, dorthin, wo Festland Hafenfreuden versprach. Als Erstes überzogen diese Netze das Mittelmeer. Man musste nicht mehr, wie die antiken Seefahrer, die Odyssee mit ihren exakten Charakteristiken von Winden, Strömungen und Meerengen rezitieren, um zwischen Skylla und Charybdis lebend hindurchzunavigieren: Die mythischen Ungeheuer hockten, vom Fortschritt gebändigt, am Küstenrand der Straße von Messina.

Blakes Erzählungen zu Entdeckungs-, Eroberungs- und Seefahrtsgeschichte werden dann anschaulich, wenn der ehemalige Seemann von anderen Seeleuten und praktischen Überlebensfragen spricht. Man fühlt mit, wenn er die Probleme der Rahsegler schildert, die mangels genauer Gezeitenkarten von seeseitigen Winden hilflos an die Klippen getrieben werden. Man fühlt mit dem jungen Navigator, der die Berge an einer Hafenmündung nach seinem »damned« Captain, einem Leuteschinder, benennt. Konfus bis zur Verwirrung – Lektorat und Übersetzung tun ein Übriges – werden Blakes Texte, wenn er größere Zusammenhänge darstellen will: Da verliert er allzu oft den Kurs zwischen Anekdote und Belehrung.

Das schränkt das Vergnügen beim Betrachten und Verstehen der 176 Karten ein wenig ein. Man muss halt selbst wie ein Seefahrer herumsuchen, um die Zeichen zu deuten, die kleinen Kreuze etwa, die seit etlichen hundert Jahren schon dem Navigator »gefährliches Riff« signalisieren. Liest man die historischen Karten, die, ausgehend vom Mittelmeer (leider nur mit geringer Auswahl), alle Kontinente und alle Träume und Albträume von ihnen erschließen, segelt man durch ein wunderbares Buch der Bilder. Über jedem einzelnen könnte der Wahlspruch navigare necesse est (Seefahrt tut not) stehen, alle zusammen zeigen die Welt, wie sie nach und nach zum Globus wurde: manchmal quietschend und eiernd und manchmal wunderbar sehnsuchtsvoll wie auf der Karte vom Kap der Guten Hoffnung, die in der unteren Hälfte die Küstenform samt Windrose als Navigationshilfe, in der oberen aber als Zeichnung das zeigt, was man ansteuert: die Tafelberge mit segelnden Möwen darüber.