Schuldschein oder Fondsanteil?

Menschen wie Martin Weber hatten bis Mitte vergangenen Jahres mächtig Rückenwind. Die Börsen weltweit kannten nur eine Richtung: nach oben.

Und der Professor für Bankbetriebslehre der Universität Mannheim konstatierte genüsslich, dass die wenigsten Vermögensverwalter langfristig besser abschnitten als der Durchschnitt des Marktes. » Klar ist vielen Leuten die Idee sympathisch, dass jemand in Geheimtipps investiert und so das große Geld macht«, sagt Weber. » Aber sie vergessen, dass das alle gleichzeitig versuchen.« Langfristig, das zeigen Studien immer wieder, sind teure Fondsmanager nicht in der Lage, mehr Rendite zu erwirtschaften als ihre Benchmark. Und die bildet meist ein Index.

So hat sich die Idee etabliert, das eigene Geld lieber gleich in den Index zu investieren. Solche Investments sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Selbst der Kursrutsch der vergangenen Monate hat daran nichts geändert. » In Abwärtsphasen verzeichnen einige Indexmanager sogar besonders hohe Zuflüsse«, stellt Jan Altmann fest, der namhafte Fondsanbieter berät. » Auch ich würde gerade dann Indexinvestments kaufen, wenn ich sie für billig halte.« Experten argumentieren zudem, dass einer der wichtigsten Indikatoren wieder auf Kaufen steht: Die amerikanische Zentralbank hat den Leitzins zuletzt zweimal deutlich gesenkt. In der Vergangenheit ist der US-Aktienindex Dow Jones nach solchen Zinssenkungen regelmäßig um mindestens 25 Prozent in zwölf Monaten gestiegen.

Wie aber investiert man in einen Index? Der ist zunächst nur eine Formel, die man nicht kaufen kann. Also sind die Anbieter von Finanzprodukten dazu übergegangen, den Kursverlauf solcher Indizes mit eigenen Instrumenten nachzubilden. Eine simple Methode ist ein Indexfonds, für den der Fondsmanager einfach alle Aktien zu den Anteilen kauft, zu denen sie auch im Index stecken. Der Wert eines solchen Fonds muss dann zwangsläufig exakt parallel zum Index laufen.

Manche Indexfonds, die »optimierten Portfolios«, enthalten nicht alle Werte des Index, aber zumindest so viele, dass der Kursverlauf ziemlich genau mit der Basisformel übereinstimmt.

In den vergangenen Jahren sind auch Indexzertifikate populär geworden.

Obwohl sie dasselbe Ziel verfolgen, funktionieren sie völlig anders als Fonds. Im Prinzip sind es Schuldscheine. Die Bank, die sie herausgibt, verpflichtet sich, dem Anleger jederzeit einen Gegenwert zu zahlen, der dem aktuellen Stand des Index entspricht. Der Investor kauft also nicht das Stück eines realen Aktienkorbs, der irgendwo von einer Kapitalanlagegesellschaft auf einem speziellen Depot verwaltet wird, sondern erwirbt stattdessen eine Anleihe.

Alle Indexprodukte kosten wenig, aber Fonds bieten Steuervorteile

Lange galten Indexzertifikate im Vergleich zu herkömmlichen Indexfonds als billiger und flexibler, weil man sie ganz einfach und jederzeit an der Börse kaufen und verkaufen konnte. Doch seit einigen Jahren sind auch Wertpapierkörbe als Exchange Traded Funds (ETFs) ähnlich bequem zu haben. ETFs sind Indexfonds, die laufend an der Börse gehandelt werden. Der Aktienkorb, der den Kursverlauf des Index nachbildet, wird dazu permanent in Anteile gestückelt. Sogenannte Marketmaker sorgen dabei dafür, dass jederzeit An- und Verkaufskurse zur Verfügung stehen.

Beide Indexinvestments Zertifikate wie ETFs haben Vorzüge. » Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Performance eines Wertpapierportfolios langfristig überwiegend von der Auswahl der richtigen Anlageklassen und -märkte abhängt«, sagt Peter Bösenberg, bei der deutschen Sparte der französischen Großbank Société Générale für Marketing und Vertrieb an den Börsen zuständig. Er verkauft nicht nur Indexzertifikate, über die Konzerntochter Lyxor Asset Management gehört die Société Générale auch im ETF-Markt zu den Marktführern.

Bösenberg wirbt für die Stärke des Indexinvestments: »Durch eine einzige Börsentransaktion können Anleger in einen ganzen Markt oder eine ganze Region investieren.« Statt sich mühsam die passenden Einzelaktien oder die besten Fondsmanager zum Beispiel aus den Vereinigten Staaten oder Japan selbst herauszusuchen, legt man sich einfach 25 Prozent Dow Jones und 15 Prozent Nikkei ins Depot.

Die Kosten sind bei beiden Anlageformen ähnlich niedrig. » In beiden Fällen gibt es keine Ausgabeaufschläge«, sagt Bösenberg. » Bei den meisten Indexzertifikaten fallen zudem keine Managementgebühren an.«

Bei ETFs berechnen die Anbieter für das Management des Fonds allerdings zwischen 0,15 und 0,6 Prozent der Anlagesumme pro Jahr als Honorar. Dafür sind Zertifikate teilweise beim sogenannten Spread teurer: Wer Fondsanteile oder Zertifikate kaufen möchte, zahlt einen etwas höheren Preis, als er beim Verkauf bekommen würde. Je kleiner diese Spanne ist, desto besser für den Anleger. » Den Börsenpreis für ein Indexzertifikat erhalten Anleger fast immer von der Bank, die das Produkt auch emittiert hat. Oft sind die Spannen sehr gering«, erklärt Fondsberater Jan Altmann. » Man darf aber davon ausgehen, dass das nicht in allen Börsenphasen der Fall ist. Banken achten sehr auf ihr Risiko.« Bei ETFs dagegen machen sich immer mindestens zwei Marketmaker-Banken beim Kaufen und Verkaufen der Anteile Konkurrenz.

Das sorgt automatisch für kleine Spreads.

Sollte eine Bank Insolvenz anmelden, sind Fondsanteile besser geschützt

In Zertifikaten können sich zudem weitere Kosten verstecken.

»ETF-Investoren partizipieren immer zu 100 Prozent an den Dividenden oder Zinsen, die dem ETF zufließen«, erläutert Claus Hecher, Vertriebschef des ETF-Anbieters Barclays Global Investors in Deutschland. » Bei Zertifikaten ist das nicht notwendigerweise der Fall.« Unter dem Strich spielen die Kostenunterschiede der beiden Klassen von Indexprodukten nur eine untergeordnete Rolle. Steuerlich gesehen, sind Indexfonds allerdings die bessere Wahl. » ETFs, die vor dem 1. Januar 2009 gekauft werden, unterliegen nicht der Abgeltungsteuer«, sagt Thorsten Michalik, Chef der ETF-Sparte der Deutschen Bank. » Zertifikate fallen dagegen auch jetzt schon darunter.«

Der wichtigste Unterschied zwischen Indexzertifikaten und ETFs ist ein juristischer. » Ein ETF ist ein Sondervermögen«, erläutert Barclays-Experte Hecher. » Es ist vom Vermögen der Fondsgesellschaft getrennt. Investoren genießen daher den vollen Schutz des deutschen Investmentrechts.« Das heißt: Geht der ETF-Anbieter pleite, ist das Geld nicht weg. Anders ist es bei Zertifikaten, die rechtlich Inhaberschuldverschreibungen sind. Lange galt das Risiko, dass renommierte Banken in die Insolvenz gehen und damit auch die Vermögen von Zertifikatebesitzern verschwinden könnten, zwar als höchst theoretisch. Doch die internationale Bankenkrise der vergangenen Monate hat gezeigt, wie real ein solches Szenario werden kann.

ETFs werden zudem strenger kontrolliert als Zertifikate. So sind Anbieter verpflichtet, die aktuelle Zusammensetzung des Fonds täglich zu veröffentlichen. Auf welche Weise Banken ihre Zertifikate finanziell absichern, ist für Anleger dagegen häufig kaum nachzuvollziehen. Transparenz und Rechtssicherheit machen ETFs besonders bei institutionellen Investoren beliebt vielfach dürften die laut ihren eigenen Statuten auch gar nicht in Schuldverschreibungen investieren, sagt Funda Tarhan, bei der deutschen Niederlassung von ABN AMRO für Zertifikate zuständig. Das gilt etwa für Pensionskassen. » ETFs sind erlaubt«, sagt Tarhan.

Die rechtliche Absicherung ist gleichzeitig das größte Manko der ETFs.

Denn es dauert länger und kostet deutlich mehr, einen ETF aufzulegen.

»Das führt zwangsläufig dazu, dass Anleger eine sehr viel größere Auswahl an Zertifikaten vorfinden«, sagt Steffen Scheuble, der mit seinem Unternehmen Structured Solutions im Auftrag von Banken Zertifikate entwickelt. Während es Schätzungen zufolge bereits rund 250000 Zertifikate auf dem deutschen Markt gibt, sind an der Frankfurter Börse bislang gerade einmal 325 ETFs gelistet. Außerdem böten Indexzertifikate die Möglichkeit, schneller auf neue Investmenttrends zu reagieren, insbesondere bei der Erschließung neuer Investmentregionen, sagt Scheuble.

Für Privatanleger, die nicht an kurzfristigen Spekulationen interessiert sind, sind ETFs bei Indexinvestments letztendlich dennoch die bessere Wahl. Der Mannheimer Bankbetriebslehre-Professor Martin Weber jedenfalls empfiehlt ihnen, Indexfonds anstelle von Indexzertifikaten zu kaufen und dann geduldig liegen zu lassen.

»Privatanleger halten sich am besten an Anlagen, die mit echten Wertpapieren hinterlegt sind«, rät Weber. » Damit können sie am Markt teilhaben und versuchen gar nicht erst, ihn zu schlagen.« Denn das kriegen schließlich nicht einmal die Profis hin.

 
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