Sinnentrunkene Träume

Leise, sagt Mutter. Madeleine schläft.« So beginnt, was nur im Traum möglich ist. Ein bunter Reigen frei verknüpfter Episoden um Madeleine und eine Schar junger Mädchen ihres Alters, deren Handlungen ungeniert sexuellen Charakters sind, aber meist ohne konkret erschließbaren Sinn, außer vielleicht jenem nicht geringen, das Erzählen zu erzählen.

Die Geschichte spielt irgendwo in Frankreich, zwischen Bett und freier Natur, Theaterbühne, Anstalt, Zirkusmanege und Körpermitte, und auch wenn Sarah Shun-Lien Bynum das Buch »Mama und Papa« gewidmet hat, liest es sich doch wie eine Art Befreiungsschlag aus der behüteten Kindheit.

Trotzt der Bewachung durch Geschwister und Mutter geht Madeleine mit M.(onsieur) Jouy, dem Dorftrottel, in eine Frühlingswiese, wie andere Mädchen auch, und bereitet ihm per Handbetrieb sein Vergnügen, was schwere Folgen hat: Madeleine werden die Finger von der Mutter ins kochende Wasser gesteckt. Monsieur Jouy kommt in die Anstalt, aber die Mutter will dennoch, dass die beiden verheiratet werden. In der Anstalt sitzt auch M.(onsieur) Pujol, dank seiner Blähsucht ein Artist, den Madeleine bei den Zigeunern kennenlernt und verehrt. Die Geschwister von Madeleine sind nicht keuscher, auch Beatrice legt Hand an Monsieur Jouy. Charlotte ist erstens der Kopf einer Viola da Gamba eines gewissen M.(onsieur) Marais, deren Gesicht Griselda heißt, und zweitens dessen vierzehnjährige Nachbarin, die er schließlich heiratet, aber nicht anrühren will. Und Marguerite: Sie singt den Helden, bis der Kastrat kommt und ihr die Rolle abnimmt. Ein Fotograf namens Adrien wird Madeleines Liebhaber. Eine fliegende, ungeheuer fette Dame hält, das wird sich am Ende herausstellen, die Fäden zusammen oder die Seiten: Sie betrachtet das Geschehen ungefähr so von oben wie Cosimo, der Baron auf den Bäumen bei Calvino.

Es ist kein Zufall, dass einem Calvino einfällt. Obwohl wir uns im Skurrilitätenkabinett des Traums befinden (der seinen Ursprung natürlich in der Wirklichkeit hat), befinden wir uns mit all den berühmten oder vage bekannt erscheinenden Namen der Protagonisten auch in der Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte aus ungefähr sechs Jahrhunderten. So wird man geradezu gezwungen, Madeleine schläft als eine Art postmodernen Schlüsselroman zu lesen. Hinzu kommen die selbstreferenziellen Bewegungen innerhalb des Romans, die Möglichkeit der Figuren, alles und nichts zu sein, schlafend und wach, lebendig oder nur aus Papier, auf Seite 24 die Geige und auf Seite 25 die Frau, deren Saiten gefälligst einmal einer ordentlich bespielen sollte. Es sind erfundene Figuren, deren Leben eine Romanseite lang andauert, die aber agieren wie der uneinsichtigste Patient eines Analytikers bis hin zum geradezu Calvinoschen Ende des Romans »Psssssssssst! Gleich wird es losgehen.«

Es ist eine schöne Leseaufgabe, vor die uns die noch sehr junge Sarah Shun-Lien Bynum stellt (sie lehrt an der Universität von San Diego, und Madeleine schläft stand 2004 auf der Short-List des National Book Award), aber es ist eben doch eine Aufgabe, und vielleicht liegt das Problem dieses ungewöhnlichen Romans darin, dass er vor lauter Lust am zauberhaften Namedropping den Kopf der Leserin erobern kann, aber kaum ihr Herz.

Die Namen! Griseldas wegen wurde noch einmal die letzte Geschichte aus dem zehnten Tag von Boccaccios Decamerone gelesen, Beatrices wegen Dantes La Vita Nuova herausgeholt und dann auch noch die Göttliche Komödie. Monsieur Pujol mit der Blähsucht war in der Wirklichkeit einmal ein Kunstfurzer, der sich unter dem Namen Le Pétomane im 19.

Jahrhundert mit dieser Kunst sein Geld im Moulin Rouge verdient hat, M.(onsieur) Marais, so stellt sich beim Googeln heraus, war ein Komponist von Gambenmusik Anfang des 18. Jahrhunderts. M.(onsieur) Jouy, nach Meyers Konversationslexikon, ein französischer Schriftsteller, der Anfang des 19. Jahrhunderts usw. Die Leserin hat aufgegeben. Nicht aus nachlassendem Forschergeist, aber es stellte sich als unsinnig heraus, weil die Recherche keinen Gewinn erbrachte für eine andere Lesart des Romans als jene: das ganz gewöhnliche und nicht zu verachtende Vergnügen an einem vor Erfindungsreichtum strotzenden und gut geschriebenen, nicht ganz gattungsgemäßen Roman, von Henning Ahrens im Übrigen fantastisch und fantasievoll übersetzt, der, wunderbar frei von Prüderie, den Frauen, sagen wir mal: »das Ruder« in die Hand gibt bei der Eroberung der Sinnenwelt.

Sarah Shun-Lien Bynum: Madeleine schläft

Roman - Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2007 - 284 S., 19,90 Euro

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.63
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  • Schlagworte Literatur | Fischer Verlag | Frankreich | Roman | Frankfurt am Main
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