Spielen Lebensgeschichte

Ihre Familie war ein seltsamer Haufen. Nach außen hin schottete man sich ab, war im Innern aber heillos zerstritten. So zumindest erinnerte sich der vier Jahre jüngere Bruder, später ein Dichter, an gemeinsam verlebte Kinderjahre. Man habe sich »ungeheuer überlegen gefühlt« und dennoch ständig im Clinch miteinander gelegen: »Mein Vater und meine Mutter stritten sich, die Kinder stritten sich mit den Eltern, und sie stritten sich untereinander…« Auch die Landschaft und das Klima waren rau; bei Sturm und Regen sei es, erzählte der Bruder, »ein schrecklicher Wind« gewesen, »der ohne Unterlass den Hahn auf dem Kirchturm dreht und … kreischen lässt«. Dass sie, um die es hier geht, sich im Alter sehnsüchtig nach dem Ort der Kindheit verzehrte, mag also mit Verklärung zu tun gehabt haben. Mehr noch lag es aber daran, dass sie ihre zweite Lebenshälfte unter Bedingungen verbrachte, die jede andere Wohnform als paradiesisch erscheinen ließen.

Aber vielleicht war ihre Kindheit doch glücklicher gewesen, als die Sätze des Bruders nahelegen, glücklicher jedenfalls als ihr Leben als Erwachsene. Ausgerechnet ihr Bruder trug übrigens später, wenn vermutlich auch ungewollt, dazu bei, dass man sie lange Zeit fast vergessen hat. Als sie ein kleines Mädchen war, war er der engste Verbündete, den sie brauchte gegen die lieblose Mutter. Auch der Vater stärkte ihr den Rücken, als sie einen sehr ungewöhnlichen Berufswunsch äußerte. Und dann war da noch etwas, das ihr Geborgenheit gab, das war ihr Zufluchtsort in der Natur: jenes zerklüftete Felsmassiv, dessen Formen die Zwölfjährige so faszinierten, dass sie unzählige Nachmittage dort verbrachte. Hier war der Ort, an dem sie sich eins fühlte mit sich, ihrem Leben und ihren Träumen.

Als sie 18 war, zog die Familie in die Landesmetropole, wo sie kurz darauf einem verheirateten Mann begegnete. Erst fand sie ihn uralt und hässlich, dann aber wurde er ihr Prinz, ihr Seelenverwandter, ihr Geliebter. Doch die Liebe, die das Paar in guten Zeiten inspirierte und beflügelte, verlor sich nach und nach in der Realität. Während er seine Ehefrau nicht verlassen wollte, beharrte sie auf der Größe ihrer Gefühle. Die dramatischen Szenen müssen ihm mit den Jahren anstrengend geworden sein; dazu kam, dass sie nicht nur privat, sondern auch im Beruf ihre Ziele durchsetzen wollte.

Als sie sich nach zehn Jahren trennten, war er ein gefeierter Star, während sie sich mit Privataufträgen notdürftig über Wasser hielt. Den Verlust der Liebe wie auch den Existenzdruck verkraftete sie schlecht. Gleich einem verwundeten Tier zog sie sich immer mehr von der Welt zurück, in einem Brief an eine Freundin schrieb sie: »Ich hätte mir lieber schöne Kleider und Hüte kaufen sollen, die meine natürlichen Vorzüge zur Geltung bringen, anstatt mich meiner Leidenschaft für zweifelhafte Kunst … hinzugeben.«

Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 09:
Der begeisterte Fußballfan war Egon Erwin Kisch (1885–1948). Seine erste Enthüllungsstory betraf den Skandal um den österreichischen Oberst Redl. Kischs in den zwanziger Jahren entstandene Reportagen, etwa über den Käsemarkt in Alkmaar oder die Stahlhochöfen in Bochum, sind berühmt und gelten heute mehr als Literatur denn als journalistische Artikel

 
  • Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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  • Schlagworte Egon Erwin Kisch | Liebe | Reportage | Bochum
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