Spiele im Bermudadreieck

Harte Worte. » Ausser rtl, dem großherzog, dem bankenplatz und anderen klischeevorstellungen war da nichts«, so resümierte Roger Manderscheid, der Provokateur und nun doch auch Grandseigneur der Luxemburger Literatur am 1. März wird er 75 die Erfahrung einer Lesereise, die ihn 1983 nach Berlin geführt hatte. Auf der Rückfahrt entstand die Idee, einen luxemburgischen Schriftstellerverband zu gründen, dessen Ehrenpräsident der 1933 in Itzig geborene Manderscheid heute ist. Die 1980er Jahre wurden für die Luxemburger Literatur eine Wende. Man hatte vorher überwiegend auf Deutsch geschrieben. Nun wurde das Luxemburgische per Gesetz zur Nationalsprache erhoben. Eine der ergiebigsten Perioden der Literaturproduktion begann.

Als Manderscheid Ende der achtziger Jahre mit der Niederschrift seiner Lebensgeschichte in deutscher Sprache begann, geriet das Werk »ungefähr bei Seite 200« ins Stocken, erinnert er sich. Die deutsche Sprache taugte nicht, um über »eine so sensible Zeit« den Einmarsch der Deutschen am 10. Mai 1940 zu schreiben: »Auf meine Jugend zurückblickend habe ich gemerkt, dass diese deutsche Sprache mit den militaristischen Inhalten der Nazis auf den Plakaten mich immer erschreckt hat und dass dann die lëtzebuergesche Sprache so etwas wie ein Zufluchtsort war.«

Im Deutschen stehen sogar die Buchstaben stramm

Folgerichtig schrieb er seine Romantrilogie Schacko klak, De papagei um käschtebam und Feier a Flam (1988 bis 1995) auf lëtzebuergesch und begründete nebenbei den luxemburgischen Roman. Seine Sprachskepsis wurde in ein grandioses, spitzbübisches Spiel mit der Mehrsprachigkeit verwandelt. Dabei ist das Deutsche im Roman Ausdruck von Macht und Autorität, nicht nur in der säbelrasselnden Nazipropaganda, den Befehlen und Verordnungen, »in denen die Wörter stramm stehen«. Immer wieder entlarven und blamieren sich die »Preisen« gerade auch im absurden Detail, etwa wenn im Zuge der Germanisierung der Lehrer statt Roger Forette plötzlich »Rüdiger Wald« an die Tafel ruft: »Und die ganze Klasse brüllte vor Lachen.«

Bezeichnend die Sprachprobleme des Kindes in der traditionell auf Deutsch abgehaltenen Beichte: »Denn wer hilft dem Kleinen aus seiner großen Gewissensnot«, wenn er die Worte in der Öffentlichkeitssprache nicht kennt? Wie den kleinen Furz in der Kathedrale gestehen, wie über den unfreiwillig, wenngleich mit Lust erblickten »potzpudelnackten Hintern einer Bauernmagd« sprechen? Mag manches in der (von Georges Hausemer hervorragend besorgten) Übersetzung ins Deutsche notgedrungen von der Sprachkraft des Originals auf der Strecke bleiben: Manderscheids Romane gehören neben Günter Grass und Martin Walser ins Bücherregal.

»dieses land ist das bermudadreieck, in dem zwischen deutschland, deutsch-belgien, belgisch-wallonien und frankreich identitäten verloren gehen«, heißt es in dem Roman kühe im nebel (2003). Die Entstehung einer Luxemburger Nationalliteratur, politisch eng an die seit dem Wiener Kongress 1815 verbürgte Souveränität und seit dem Londoner Kongress 1839 völkerrechtlich garantierte Unabhängigkeit des Luxemburger Staates gekoppelt, war von Anfang an durch eine gewisse sprachliche und nationale Labilität gekennzeichnet. Ein Dreisprachenland! Bereits 1854 hatte Félix Thyes in seinem Essai sur la poésie luxembourgeoise eine eigenständige Nationalliteratur gefordert, die sich durch Mehrsprachigkeit auszeichne. Sein 1855 veröffentlichter Künstlerroman Marc Bruno gilt als erster luxemburgischer Roman in französischer Sprache. Als erstes Buch in luxemburgischer Sprache nennt das knapp tausend Einträge verzeichnende Luxemburger Autorenlexikon Antoine Meyers Gedichtband ESchrek ob de Lezeburger Parnassus aus dem Jahr 1829.

In der Gegenwart nun findet sich das Charakteristikum der Mehrsprachigkeit mehr als einmal in ein und demselben Autorenwerk wieder. Und die Gründe dafür sind vielfältig. So wollte die 1928 geborene Dichterin Anise Koltz (»Als ich aus der Kindheit erwachte, waren um mich herum nur Ruinen, geistige, moralische, materielle«) nach dem Tod ihres Mannes, der ein verspätetes Opfer des Naziterrors war, nicht länger die Sprache seiner Henker benutzen - sie wechselte ins Französische, mit Exkursionen ins Luxemburgische. Dem 1947 geborenen und zunächst deutsch publizierenden Guy Rewenig hingegen war das Lëtzebuergesche suspekt, Indiz für eine überholte, reaktionäre Geisteshaltung bis er begann, für Kinder zu schreiben, und mit Muschkilusch 1990 den ersten luxemburgischen Kinderbuch-Beststeller verfasste.

Luxemburger Autoren stehen in einem komplizierten Spannungsverhältnis von Identität und Differenz, das durchaus demjenigen von Autoren in der Dritten Welt vergleichbar wäre, die sich zwischen der Sprache der ehemaligen Kolonialherren und ihrer Landessprache zu entscheiden haben. Jüngere literaturwissenschaftliche Studien haben den Vergleich zu deutschen Autoren im alten Böhmen gezogen. Dem Vorbild Franz Kafka hat Manderscheid wiederholt seine Reverenz erwiesen - man lese etwa die kleine, feine Geschichte die lesung in prag.

Nach dem Krieg war nur Brache: Keine Lesekultur, keine Verlage

»Dad halen mir für weis: / Franzos och beim Champagner, / Beim Rheinwein si mer Preis.« Diese Worte legte Michel Rodange in seinem an Goethes Reineke Fuchs angelehnten Nationalepos Renert (1872) dem Fuchs in den Mund. Trotz seiner scharfen Kritik an den politischen und sozialen Missständen in der Luxemburger Gesellschaft stellte sich die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg als kulturelle Brache dar: keine Lesekultur, keine Literaturkritik, keine professionellen Verlage, ergo keine ökonomische Basis für professionelle Autoren. »wenn hier jemand, zufälligerweise, ein buch gelesen hat, kommt er sich gebildet vor, hat er zwei gelesen, ist er überzeugt, ein kritiker zu sein, während jemand, der, zufälligerweise, ein buch geschrieben hat, sich als schriftsteller fühlt und ausgibt.«

In mühevoller Arbeit ging man daran, »die festungsmauern, die unser geistiges leben gefangen hielten und immer noch halten, stein um stein abzutragen«. Dichterlesungen und Autorentreffen nach dem Vorbild der Gruppe 47 wurden organisiert, Preise ausgelobt, Literaturzeitschriften und Verlage gegründet. Allmählich avancierte der einstige Bürgerschreck Manderscheid, der »literatorkeler, kapitelverbrecher und querulandstreicher«, wie er sich selber nennt, zum kommunikativen Zentrum des Luxemburger Literaturlebens. Fehlt nur noch der Nobelpreis aber aus Stockholm hört man nix.

Die Schriftstellerin Regula Venske lebte auf Einladung des Ministère de la Culture, des Centre National de Littérature in Mersch und der Stadt Echternach 2003 als Stipendiatin in Echternach. Sie veröffentliche zuletzt den Roman »Marthes Vision« (Eichborn)

 
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