Steueraffäre Was die Fahnder niemals schaffen

Wer die Steuermoral heben will, muss mehr verändern als nur die Steuersätze. Die Bürger wollen begreifen, was der Staat mit ihrem Geld macht

Dieser Mann ist eben doch ein Populist. Ganz gleich, ob er gegen gierige Wirtschaftsbosse, raffzähnige Steuerhinterzieher oder maßlose Manager wettert: An scharfen Worten lässt es Oskar Lafontaine nie fehlen. Seinen Wählern gefällts, und so fordert der Chef der Linkspartei, die Managergehälter zu deckeln, Aktienoptionen zu verbieten und, vor allem, eine Vermögensteuer einzuführen. Besserverdienende, sagt Lafontaine, müssten in Deutschland »mehr Steuern zahlen«. Was er nicht sagt: Als SPD-Finanzminister wollte er 1998 auch die Einkommensteuer für Spitzenverdiener senken. Kurz darauf warf Lafontaine alle Ämter hin. Und vergaß.

Es ist der Beginn von Woche drei im jüngsten Steuerskandal der Republik. Klaus Zumwinkel wurde verhaftet, auf Kaution wieder freigelassen, verlor aber sein Amt als Postchef. Hunderte Steuerfahnder durchkämmten Banken und Wohnungen im ganzen Land. Der bayerische Datenschützer geriet unter Verdacht und musste sein Amt ruhen lassen. Die Regierungen von Deutschland (großes Land, viele Steuerflüchtlinge) und Liechtenstein (kleines Land, viele Steuersparmodelle) befehdeten sich öffentlich. Am Dienstag dieser Woche präsentierte die Staatsanwaltschaft in Bochum den Zwischenstand ihrer Ermittlungen: 91 Geständnisse, 72 Selbstanzeigen.

In seinem Abgeordnetenbüro im Berliner Paul-Löbe-Haus kann sich ein anderer ehemaliger Finanzminister die Schadenfreude kaum verkneifen. Hans Eichel lockte vor fünf Jahren alle Steuerschummler mit einer Amnestie, eine goldene Brücke aus dem Ausland nach Hause ließ er ihnen bauen. Doch kaum jemand kam herüber. Auch Klaus Zumwinkel nicht. Fünf Milliarden Euro wollte Eichel zurück nach Deutschland holen. Es wurden nur 1,4 Milliarden.

Die aktuellen Fahndungen stehen erst am Anfang, und doch sind schon mehr als 200 Milionen Euro verdächtiges Kapital entdeckt worden. Erst jetzt aber wird die Geschichte richtig spannend. Denn nun geht es um die politischen Konsequenzen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Steuermoral und der Höhe der Einkommensteuersätze? Unternehmerverbände und die FDP fordern niedrigere Steuern und ein einfacheres Steuersystem – dann würden auch weniger Steuern hinterzogen. Gewerkschafter und die Linkspartei fordern höhere Steuern – weil doch die Steuersenkungen der vergangenen Jahre nicht zu mehr Ehrlichkeit geführt hätten. Einig sind sich alle, dass man in Deutschland mehr Kontrollen brauchte – auch um potenzielle Steuersünder abzuschrecken. Allerdings: Ganz so einfach sind die Dinge nicht. »Solange es Orte gibt, an denen man Geld verstecken kann, wird es immer Steuerhinterziehung geben«, sagt Hans Eichel heute.

Tatsächlich geht die Steuerflucht weiter. Jüngstes Beispiel: die Abgeltungsteuer. Von 2009 an müssen Privatanleger auf Kapitalerträge aller Art nur noch einen pauschalen Satz von 25 Prozent zahlen und nicht mehr ihren individuellen, meist höheren Steuersatz. »25 Prozent von x sind besser als 42 Prozent von nix«, hatte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) für die Reform geworben. Nun aber überbieten sich die Banken mit Angeboten, mit denen ihre Kunden diese Steuer ganz legal umgehen können. Statt »42 Prozent von nix« bekäme der Staat dann 25 Prozent von nix.

Während seiner Amtszeit von 1999 bis 2005 hat Hans Eichel die Einkommensteuern gesenkt wie kein Finanzminister vor ihm. Den Spitzensteuersatz drückte er von über 50 Prozent auf 42 Prozent, der Eingangssteuersatz fiel von über 25 Prozent auf 15 Prozent. Er hat Steuervergünstigungen abgebaut und so das System vereinfacht. Die Steuermoral hob er damit nicht. Und dennoch, sagt Eichel, »würde ich heute alles noch mal genauso machen«.

Im internationalen Vergleich ist die deutsche Steuerquote – also der Anteil der erhobenen Steuern im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt – inzwischen extrem niedrig. Dass viele Arbeitnehmer trotzdem den Eindruck haben, von ihrem hart erarbeiteten Einkommen viel zu viel an den Staat abzugeben, hat mit den immer noch hohen Sozialabgaben zu tun. Zwar hat die Große Koalition zum Jahresbeginn 2008 den Beitragssatz für die Arbeitslosenversicherung deutlich gesenkt – von 6,5 auf 3,3 Prozent. Aber Rente, Gesundheit und Pflege werden immer teurer.

»Wir erheben Steuern und Sozialabgaben ja auch deswegen, damit unsere Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet«, heißt es in Regierungskreisen. Das Problem ist freilich, dass gerade die steigenden Abgaben für Rente und Gesundheit das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates untergraben. Noch nach jeder Gesundheitsreform sind bisher die Beiträge gestiegen. Das mehrt das Misstrauen der Deutschen, immer mehr zu bezahlen und immer weniger zu bekommen.

Steigende Sozialabgaben führen dazu, dass die Menschen sparen wollen, wo es ihnen mit ein paar Tricks vergleichsweise leicht fällt: bei der Steuer. »Da die Steuerzahler offensichtlich nicht zwischen Steuern und Sozialabgaben unterscheiden, scheint die Verringerung der Abgabenlast eine besonders effektive Strategie zur Verbesserung der Steuermoral zu sein«, heißt es in einer Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW).

Die Tübinger IAW-Wissenschaftler haben bereits 2005 den Zusammenhang zwischen der Steuermoral und der Höhe der Steuersätze erforscht. Ihr Ergebnis: Ob Steuern gezahlt werden oder nicht, hängt von weitaus mehr Faktoren ab – zum Beispiel vom Vertrauen ins nationale Parlament. In Schweden oder den Niederlanden ist dieses Vertrauen ausgeprägter als in vielen anderen Industrienationen. Trotz höherer Steuersätze werden dort weniger Steuern hinterzogen. Auch die Religion spielt bei der Steuermoral eine Rolle: Je religiöser die Menschen sind, desto weniger Steuern hinterziehen sie. Das gilt zum Beispiel für Japan, aber auch für Kanada oder Dänemark.

In Deutschland dagegen werden nun erst einmal mehr Kontrollen gefordert. Der Bundesrechnungshof kritisiert seit Langem, dass die Finanzämter vor allem Einkommensmillionäre nur unzureichend prüften. Es ist eine Gratwanderung: Einerseits muss der Staat mehr kontrollieren, um seine Einnahmen zu erhöhen. Andererseits führen mehr Kontrollen nicht automatisch zu weniger Steuerhinterziehung. »Kurzfristig können Kontrollen zwar abschreckend wirken«, sagt der Heidelberger Finanzwissenschaftler Lars Feld, »aber wer sich vom Staat verfolgt fühlt, wird langfristig versuchen, diesen Staat zu hintergehen.« Gemessen an der sehr geringen Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist die Steuermoral in vielen Industrienationen sogar noch erstaunlich hoch. Ökonomen nennen es »das Steuerzahlerrätsel«.

Wer die Steuermoral in Deutschland wirklich heben will, müsste zuallererst dafür sorgen, dass die Bürger besser erkennen, was mit ihren Steuern geschieht. Heute gehen die Einnahmen aus der Einkommensteuer rund zur Hälfte an den Bund, zur anderen Hälfte an Länder und Gemeinden. Letztere aber haben de facto kaum Spielraum, weil sie nicht selbst über ihre Einnahmen entscheiden. Bei einer Reform könnte der Bundesanteil konstant bleiben, die Länder und Kommunen aber könnten die Steuerhöhe innerhalb eines Korridors variieren. Jedes Land und jede Gemeinde müsste vor den Wählern begründen, wofür man Steuergeld braucht. »Je dezentraler solche Entscheidungen getroffen werden, desto größer ist auch die Bereitschaft der Bürger, Steuern zu zahlen«, sagt der Kölner Finanzwissenschaftler Clemens Fuest.

Es wäre eine Steuerreform, die auch die Demokratie stärken würde. Bloß: In den aktuellen Verhandlungen zur Föderalismusreform II haben Union und SPD diesen Punkt schon wieder verworfen. Und das ist das eigentliche Versagen der Politik.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr schöner Artikel, Herr Brost, der auch mich als absoluten Steuer- und Wirtschaftsdilettant einiges verstehen lässt - aber die Quintessenz auch gerade Ihres Schlusssatzes und die damit bezweckte Diskusion ist leider einealte, mindestens 25 Jahre "Reformstau" und "Aussitzen dringender Probleme"prägende - es fehlen Transparenz und Vertrauen in den Staat und im Zuge der immerdreistere Ausmaße annehmenden Umverteilung von unten nach oben wird diesesVertrauen auch weiter sinken - der unbescholtene Bürger, der direkt eine Mahngebühr von 6 Euro erhält, wenn die Mahnfrist zur Gebühreneinzahlung für den Kindergarten nach Jugendhilfegesetz und seine Zahlung sich überschnitten haben - und der dann einen Monat später noch einmal 8 Euro Mahngebühraufschlag erhält, obwohl er die Sache für erledigt hielt - dieser ehrliche Bürger wundert sich dann wirklich, was da noch volkswirtschaftlich effizient und sinnvoll läuft.Scheinbar gar nichts mehr. Wirtschaftsethik ? Was ist das ?Is it time for a love revolution - wie Lenny Krawitz` neues Album heißt ?Die derzeitige Gesetzesflickschusterei und im Wahlk(r)ampf gefangene Regierungsunfähigkeit lässt dies als naheliegendste Vermutung folgern.Letztlich - ist prägendstes Charakteristikum des derzeitig dominanten Politiker - also Staatsvertretertypus seine Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Seiendenund dem Kommenden. Aber - auch das ist ein gesellschaftliches Problem,das sich durch alle Schichten - oder sagen wir besser - alle Klassen (?) zieht.Herzliche GrüßeAflaton

  2. Dass Politiker kein Interesse an Transparenz haben, ist angesichts der Art und Weise, wie mit den abgepressten Steuern umgegangen wird nur logisch - und damit ist das äusserste Mißtrauen der Bürger zum Punkt Steuern und Abgaben auch berechtigt in diesem Lande! Wer permanent das Gegenteil dessen tut, was er vor Wahlen behauptet hat, wer sich regelmäßig an nichts erinnern kann, wenn er bei Unregelmäßigkeiten erwischt wird (siehe Parteispendenaffäre), darf schließlich nicht mehr annehmen, Vertrauen zu genießen!Es ist keinem Steuerbürger zu vermitteln, dass z.B. fast der gesamte Betrag der größten Steuer- und Abgabenerhöhungen in der Geschichte der Bundesrepublik anstatt zur Schuldentilgung oder zur Senkung der Sozialabgaben, wie es vollmundig versprochen wurde, nunmehr eingestzt werden muss, um Verluste aus fragwürdigen Glückspielen von deutschen Bankern auszugleichen, die zudem oft durch Spezlwirtschaft auf ihre Posten gelangt  sind. Ironischerweise regt sich darüber keine einzige der etablierten Parteien wirklich auf, was ziemlich tief blicken lässt!

    • lamalo
    • 28.02.2008 um 8:43 Uhr

    dass die gewaehlten "Volksvertreter"  sich schon seit langem vom Alltag des Durchschnittsbuergers abgehoben haben. Sie sprechen daher auch gerne von "diesem Land" statt von "unserem Land".

  3. Tatsächlich sollten allen besser erläutert werden, wofür die Steuern ausgegeben werden - keine Steuern zahlen wollen aber nach der Polizei rufen und Grundlagen-Spitzenforschung wollen geht nicht. Ich kann das einsehen.Zur Aussage "Auch die Religion spielt bei der Steuermoral eine Rolle: Je religiöser
    die Menschen sind, desto weniger Steuern hinterziehen sie." hätte ich wirklich gern die Daten und eine Interpretation. Mal sehen: Wer von den fast 100 bereits Schuldigen (alles zugegeben) der jetzigen Affäre glaubt an Gott, zahlt Kirchensteuer (übrigens vermindert um den Beitrag, der aus dem Betrug kommen müßte) und schickt seine Kinder in den Religionsunterricht?Absolut wunderlich ist das Argument, verringerte Steuern und Abgaben würden zur Steuerehrlichkeit beitragen. 1) -Als ob der Postchef es sich nicht hätte leisten können! Lächerlich. 2) Meinen Sie, mit verringerten Restaurantpreisen würde die Zechprellerei abnehmen? Dann fragen Sie mal nach, wie viele (Anzahl!) Zechpreller eine Bahnhofskneipe und wie viele das Adlon hat.Theo Rem

    • ali-ch
    • 28.02.2008 um 9:44 Uhr

    "Wer die Steuermoral in Deutschland wirklich heben will, müsste zuallererst dafür sorgen, dass die Bürger besser erkennen, was mit ihren Steuern geschieht.", schreiben Sie. Wohl wahr, wohl wahr. Bei der Gelegenheit sollte man gleich noch einen zweiten Punkt einführen, nämlich "Künftig regnet es nur noch nachts": Schönes Wetter stimmt bekanntlich zahlungsfreudig.Seit zehn Jahren beschäftigen sich die fähigsten Köpfe von McBerSton sich damit, die Begriffswelt der Sozialversicherungen kunstvoll zu manipulieren, und Sie wollen ausgerechnet bei den Steuern Transparenz herstellen? Bitte entschuldigen Sie, dass ich lache. Das gelingt ja nicht einmal bei der Enteignung öffentlichen Eigentums, vulgo "Privatisierung". "Transparenz", also wirklich ... der war gut ...  

  4. Dem Schröder, dem Ver-Schredder, schrieb ich seinzeit:Was nicht vermittelt werden kann, hat zu unterbleiben.Dann konnte er sich ja nicht mal mehr selber "vermitteln".Ich zahle keine Steuern mehr, doch ich tue, was ich kann.Mehr kann ich im Moment nicht, oder läßt "man" mich nicht?Mit herzlichem Gruß und kühl-rauchendem Kopfe
    Ihr Mit-Leid -äh- Mit-Leut
    klaus w.
    Dat KlaKoWa
    Mit Glied der MU - materiellen Unterschicht

    • wll
    • 28.02.2008 um 9:48 Uhr

    "Absolut wunderlich ist das Argument, verringerte Steuern und Abgaben würden zur Steuerehrlichkeit beitragen."So verwunderlich ist das Argument dann auch wieder nicht. Je geringer der Abstand zwischen dem Steuersatz in der "Steueroase" (Schweiz und Co. erheben in aller Regel Quellensteuer auf Kapitalerträge) und dem Steuersatz im eigenen Land ist, desto geringer ist der Anreiz, die Strafe für Steuerhinterziehung zu riskieren."Je religiöser die Menschen sind, desto weniger Steuern hinterziehen sie."
    Das halte ich allerdings auch für fragwürdig. Ich bin bekenntnislos und zahle trotzdem brav und pünktlich meine Steuern - und zwar wirklich alle! Wie will man denn "Religiosität" aus Steuerakten ablesen? Nicht jeder, der noch einer Kirche angehört, ist deshalb gleich "religiös" im Wortsinn, d. h. richtet sein Verhalten danach aus. Um das heraus zu finden müsste man die Steuersünder ja anschliessend der Inquisition überstellen ;-)...

    "Dann fragen Sie mal nach, wie viele (Anzahl!) Zechpreller eine Bahnhofskneipe und wie viele das Adlon hat."
    Das könnte mit der Klientel zusammen hängen. Vielleicht hat - überspitzt formuliert - ein Tippelbruder an der Bahnhofskneipe eine geringere Zahlungsmoral als ein Hotelgast in Berlin? Wenn ich schon die Zeche prellen wollte, dann würde ich mir allerdings ein gutes Lokal dafür aussuchen - wenn schon, denn schon ;-).

  5. Sowohl das Transparenz-, wie auch das Glaubwürdigkeitsproblem, wie auch aufgeschobene Reformen und geringe Steuermoral ließen sich leicht beheben, wenn man dem Volk endlich die Chance zum mitregieren gäbe, ala Volksentscheide und -begehren.Aber da stehen die Parteien davor, Verantwortung abgeben, NEIN! Da jammern sie lieber, dass das dumme Volk ihre genialen Pläne, Gesetze und Verordnungen, ihre verkorksten Kompromisse und verschwurbelten Gesetze nicht versteht und nicht mag. Da werden dann millionenschwere (Image- und ) "Aufklärungskampagnen" von unseren Steuergeldern losgetreten um uns nachträglich von der Richtigkeit ihres Tuns zu überzeugen. SOWAS erzeugt natürlich Vertrauen! Schliesslich liebt es jeder erwachsene gebildete Mensch, wie ein kleines unwissendes Kind behandelt zu werden, oder nicht?Aber ich wette, auch diese Steuerdebatte wird in dem endlosen Klagereigen mehr oder weniger folgenlos untergehen und damit das Schicksal all der Steuer-, Schulden- und Demographiediskussionen vor ihr erleiden: kurze Medienaufmerksamkeit und Politiker mit einem Aktionshorizont, der sich nur nach der neuesten B*LD-Schlagzeile richtet.

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