Neurologie
Engpass im Kopf
Hirnforscher streiten, ob man lernen kann, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen
Offensichtlich können Menschen manche Aufgaben besser parallel erledigen als andere. Über die Ursachen rätseln Hirnforscher und Psychologen. Warum etwa können wir Nachrichten hören und dabei bügeln, nicht aber zwei Gesprächen gleichzeitig folgen? Können manche Menschen besser multitasken als andere, junge besser als alte? Kann man paralleles Arbeiten vielleicht sogar trainieren, so wie Jongleure lernen, fünf Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten und nebenbei noch Witze zu erzählen?
Unterschiedliche Aufgaben kommen sich vor allem dann ins Gehege, wenn sie ähnliche Gehirnregionen beanspruchen, zum Beispiel das Sprachzentrum. Es ist so gut wie unmöglich, sich in der Kantine mit Kollegen zu unterhalten und zugleich das Gespräch des Chefs am Nachbartisch zu belauschen. Allenfalls Satzfetzen bleiben im Gedächtnis hängen. Zu telefonieren und dabei einen Text über ein anderes Thema zu schreiben ist ebenso aussichtslos. Motorik und Sprache vertragen sich dagegen besser. Wer im Gespräch die Brille auf der Nase zurechtrückt, kommt nicht ins Stottern. Wer im schwankenden Bus die Balance hält, kann dabei Zeitung lesen.
Doch auch motorische Aufgaben können den Intellekt beeinträchtigen, wenn sie über routinierte Abläufe hinausgehen. Als Max-Planck-Forscher Versuchspersonen über einen Hindernisparcours schickten und gleichzeitig Wörter memorieren ließen, sank die Gedächtnisleistung um 25 Prozent gegenüber der im Sitzen. Ältere Menschen schwächelten noch stärker. Und wenn Autofahrer telefonieren und das Auto vor ihnen plötzlich bremst, reagiert das Gehirn träge.
Es scheint, als sei der Mensch für das Multitasking nicht geschaffen. Schon lange vermuten Psychologen, dass das Gehirn Informationen und Reize nicht parallel, sondern seriell verarbeitet. Irgendwo im Gehirn, so lautet die Theorie, gebe es einen Engpass, vor dem sich die Aufgaben quasi hintereinander aufreihen müssen. Bottleneck-Effekt nennen das die Psychologen: Diesen »Flaschenhals« machten amerikanische Hirnforscher vor zwei Jahren erstmals mit einem Kernspintomografen sichtbar.
Die Wissenschaftler scannten das Gehirn von Freiwilligen, die zwei Aufgaben parallel ausführen mussten. In der einen hörten die Probanden eines von acht Geräuschen und sollten je nach Geräusch eine andere Taste drücken. In der zweiten Aufgabe sahen sie eines von acht Bildern und mussten eine dem Bild zugeordnete Silbe sprechen. Das Experiment gehört zum Standardrepertoire der Multitaskingforschung, weil es unterschiedliche Reaktionen (Finger bewegen und Sprechen) mit unterschiedlichen Sinnesreizen (Hören und Sehen) kombiniert.
Wie in ähnlichen Experimenten zuvor taten sich die Versuchspersonen mit dem Multitasken schwer: Wurden die Aufgaben gleichzeitig gestellt, verzögerte sich die Reaktion auf die zweite Aufgabe um eine Sekunde. Wurden die Aufgaben dagegen nacheinander gestellt, reagierten die Freiwilligen prompt. Keine Überraschung so weit. Spektakulär waren aber die Bilder aus dem Kernspintomografen. Darauf konnte René Marois von der Vanderbilt University in Nashville erkennen, welche Gehirnregion die Aufgaben aktivierten. Ein Areal im präfrontalen Kortex hinter der linken Schläfe, klein wie ein Stück Würfelzucker, war während des Multitaskings besonders aktiv. Marois schien den Flaschenhals gefunden zu haben.
Wie ein Türsteher, der erst in die Gesichter der Wartenden schauen muss, scheint dieser Teil des Gehirns zu entscheiden, welche Aufgabe als Nächstes an die Reihe kommt. Und das kostet Zeit. Der Hirnforscher Marois glaubt, dass uns die Natur den intellektuellen Engpass mitgegeben hat. Schuld seien unsere Vorfahren. »Der Selektionsdruck, mehrere Dinge auf einmal tun zu müssen, war wohl eher gering«, sagt er. »Die Evolution des Gehirns fand ja nicht in der hektischen Welt von heute statt.« Allerdings lernten unsere Großeltern, mit der Eisenbahn zu fahren, unsere Eltern lernten zu telefonieren, warum sollten unsere Kinder nicht gleichzeitig telefonieren, kopfrechnen und auf dem Blackberry tippen können? Die Gehirne von Jugendlichen seien in der Tat formbarer als die von Erwachsenen, sagt Marois. Und Jugendliche, die viel videospielen, hätten bessere Fähigkeiten, visuelle Reize zu verarbeiten. Ob sie daher auch besser parallel arbeiten, könne man aber noch nicht sagen.
Andere Wissenschaftler bezweifeln, dass der Engpass im Kopf wirklich in der Natur des Menschen liegt. Der Psychologe David Meyer von der University of Michigan hält den kognitiven Flaschenhals vielmehr für eine Strategie des Gehirns, komplexe Aufgaben möglichst effizient zu bewältigen. Und Strategien kann man ändern, glaubt Meyer. Er rekrutierte acht Studenten für eine ähnliche Doppelaufgabe wie in dem Test von René Marois. Die Versuchspersonen durften aber zuvor exzessiv üben und wurden für besonders schnelle und gleichzeitige Reaktionen mit ein paar Dollar belohnt. Nach 2.000 Versuchen konnten die Freiwilligen ihre beiden Aufgaben nahezu ebenso schnell simultan bewältigen wie jede Aufgabe einzeln. »Das kann man mit der Theorie vom zentralen kognitiven Flaschenhals nicht erklären«, sagt Meyer.
Ob man Multitasking auch für komplexere Situationen trainieren kann, ist damit allerdings noch nicht bewiesen. Meyers Experimente zeigen vorerst nur, dass man mit viel Übung sehr spezielle Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann.
Alltagsnäher ist eine Studie vom Attention Lab des University College London. Dort mussten Freiwillige am Bildschirm Wörter erkennen, während bewegte Objekte am Bildschirmrand für Ablenkung sorgten. Ergebnis: Je schwieriger die Wörter, umso weniger ließen die Probanden sich ablenken. Das Fazit der Studienleiterin Nilli Lavie sollten ineffiziente Multitasker verinnerlichen: »Wenn man sich leicht ablenken lässt, sollte man die Aufgabe anspruchsvoller machen.« Max Rauner
- Datum 22.1.2009 - 09:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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es gibt immer einen Wechsel zwischen den Sinnenwahrnehmungsverarbeitungen, der im Millisekundenbreich liegt. Das Zurechtrücken der Brille während des Gesprächs geschieht unbewusst. Das ist wieder etwas anderes. Fernsehen leistet das Hirn auch nicht durch gleichzeitiges Sehen und Hören. Es gibt immer ständige Wechsel zwischen Sehen und Hören. Man bildet sich ein, dass man gleichzeitig die Gesichtszüge des Gegenüber oder die Figuren im Film interpretieren und das Gesagte verstehen kann und entwickelt ja zu alle dem auch noch eigene Gedanken, also nicht nur denkt man verbal das mit, was man wahrnimmt, sondern denkt darüber hinaus noch unbewusste und bewusste Gedanken, die mit dem Film oder dem Gegenüber im Gespräch nichts zu tun haben.
Die Gleichzeitigkeit also ist eine gewohnte oder erlernte Einbildung. Der Mensch hat gelernt, diese Wechsel in der Sinnenwahrnehmung als gleichzeitig wahrzunehmen. Das Gedächtnis kann aber unbewusst viele Dinge abspeichern, die das Bewusstsein parallel wahrgenommen hat. Bewusst aber nimmt es immer nur Ausschnitte wahr. Und das hat auch etwas mit Schutz durch Selektieren zu tun. Man kann nicht konzentriert einkaufen, wenn man das Musik-Geriesel und die Reklame-Beeinflussung nicht irgendwie filtern würde.
Deswegen glaube ich, dass das gleichzeitige Erledigen mehrer Dinge nie real im Sinne der Hirnfunktionen geschehen kann. Aber man kann sicher durch Konzentration lernen, seine Wahrnehmung so zu gestalten, dass man im Bewusstsein das Gehörte parallel zum Gesehenen abspeichert, ohne es durch aktives Mitdenken, zu begleiten; denn das zum Wahrgenommenen parallele Mitdenken beeinträchtigt die Abspeicherung des Wahrgenommenen, so dass Interpretation, Projektion u.ä. und reale Tatsachen sich oft nicht mehr unterscheiden lassen. Durch Meditation ist solches vielschichtiges und gleichzeitiges Wahrnehmen allerdings optimierbar, aber wohl nie konkret möglich. Man kann auch "gleichzeitig" Musik hören, TV mit einem Auge sehen und hören und schreiben, wie ich das im Moment tue. Aber nie kann ich alles real gleichzeitig tun und merken. Immer muss mein Bewusstsein hin- und herwahrnehmen.
Es gibt aber die Theorie, wonach man lernen kann, wenn man im Hintergrund über Tonband z.B. Vokabeln ablaufen lässt und dabei sich auf anderes konzentriert. Das Unbewusste nimmt zumindest Teile der Vokabeln auf und speichert sie ab.
Es wundert daher nicht, dass es keinen Begriff gibt, der das Sehen und das Hören als zusammengefasste Wahrnehmung ausdrückt. Es gibt keinen Begriff wie "Hösen" (aus: hö-ren und se-hen) oder "Schmerien" (aus Schme.cken und Rie-chen zusammengesetzt). Das hat Sinn, weil es eben diese Gleichzeitigkeit der Sinnenwahrnehmung nicht wirklich gibt.
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