Der Tag, an dem René Vogel Mitglied der Informationsgesellschaft wurde, begann mit einer Unterbrechung. Ein Kollege kam in sein Büro, IBM Bern, siebter Stock, und bastelte am Computer herum. Nach zehn Minuten war er fertig. Jetzt kannst Du mailen, sagte er zu Vogel und zeigte ihm das @-Zeichen. »Dies ist ein Test«, tippte Vogel in die Betreffzeile und schickte die Mail an den Kollegen. Dann gingen sie zum Mittagessen in die Kantine. Das war 1986.

Nun sitzt Vogel mit einem Dutzend Kollegen in einem Seminarraum im zehnten Stock der Hamburger Softwarefirma Intersoft, die Computerprogramme für Versicherungen entwickelt. Er leitet Marketing und Vertrieb, 140 Mitarbeiter in Hamburg, Wien, München, ständig auf Achse, viel zu tun. Vorn gestikuliert ein Mann in schwarzem Poloshirt und ruft mit hoher Stimme: »Wir sind schneller geworden, meine Damen und Herren, aber sind wir auch produktiver geworden?« Der Mann heißt Gunter Meier und ist selbstständiger Unternehmensberater. Der Beamer projiziert Textfetzen auf seine Stirn. Sein Vortrag heißt: »Die E-Mail-Flut bewältigen«. Meier ruft: »Irgendetwas ist schiefgegangen, man hat die Auswirkungen völlig unterschätzt.«

Er redet von E-Mails, aber auch von Handy, Instant Messaging, Smartphone, iPod, Blackberry, Laptop und SMS. Sie piepen, dudeln und klingeln, funken und blinken. Und sie führen den modernen Büromenschen ständig in Versuchung, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Multitasken heißt die neue Berufskrankheit. Dass das auf Dauer nicht gut sein kann, hat sich inzwischen herumgesprochen, und viele wissen auch schon Abhilfe: Mach langsam, mutiger Multitasker, titelt die New York Times, Lieber der Reihe nach, empfiehlt die Financial Times Deutschland, Raus aus dem Hamsterrad, schreibt der Spiegel, Einen Gang herunterschalten die FAZ.

Gut gemeint, aber unrealistisch, findet René Vogel. Er muss Geld verdienen, und das heißt in seinem Job: kommunizieren mit Kunden, Mitarbeitern, Chefs. Und das macht ihn zum Multitasker. Vor dem Frühstück, während die Kinder um ihn herumwuseln, ruft er von zu Hause am Laptop seine Mails ab. Auf der 30-minütigen Fahrt zur Arbeit vereinbart er Termine per Handy mit Freisprecheinrichtung. Während Telefonkonferenzen schreibt er Mails. Von E-Mail-Trainer Gunter Meier erhofft er sich noch ein paar Tipps, wie er seine 30 bis 50 Mails am Tag effizienter abarbeiten kann. »Ich kann nicht mal eben so runterschalten«, sagt Vogel.

Aber es gibt Hoffnung. Arbeitspsychologen und Hirnforscher, Softwareentwickler, Autofirmen, das Militär, sie alle haben den Multitasker im Visier. Sie rücken ihm mit Stoppuhren auf den Leib und erforschen seine Schwächen und seine Gewohnheiten. Sie wissen, dass er sich lieber auf eine Sache konzentrieren möchte und dann auch bessere Arbeit macht. Und sie haben Ideen, wie man ihm das Leben erleichtern könnte. Software, die wie ein elektronischer Türsteher funktioniert und unwichtige Anrufe und Mails zur unpassenden Zeit abblockt. Autos, die die kognitive Belastung des Fahrers abschätzen. Sensoren, die den Stress von Soldaten messen. Die ersten Produkte kommen jetzt auf den Markt.

Es ist höchste Zeit. »Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun scheint inzwischen ein Charakteristikum im Arbeitsleben von Büromenschen zu sein«, sagt die Arbeitswissenschaftlerin Gloria Mark von der University of California in Irvine. Zu den häufigsten Ereignissen eines Arbeitstages gehört die Unterbrechung. Mark und ihre Doktoranden haben den Alltag von 24 Angestellten einer Unternehmensberatung für Finanzdienste untersucht, die in ihrem Job rund ein Dutzend Projekte gleichzeitig abwickeln müssen. Wie Ethnologen verfolgten sie die Analysten, Programmierer und Projektmanager. Drei Tage lang protokollierten sie jede Tätigkeit und jede Unterbrechung, vom Kaffeeholen über alle Anrufe bis zum Lesen der eintreffenden E-Mails.

Nach insgesamt mehr als 700 Stunden Beobachtungszeit lautete die erschütternde Bilanz: 57 Prozent aller Arbeiten werden nicht zu Ende geführt, sondern unterbrochen, die Hälfte davon durch äußere Faktoren wie E-Mails, klingelnde Telefone oder Kollegen, die andere Hälfte ohne erkennbaren Grund. Im Durchschnitt arbeiten die Angestellten nur 11 Minuten kontinuierlich an einer Aufgabe. Wer seine Arbeit unterbricht, arbeitet an zwei anderen Themen, bevor er sie wiederaufnimmt. Und nur drei Viertel der unterbrochenen Aufgaben werden am selben Tag wiederaufgenommen. »Fragmentierung der Arbeit gehört für diese Leute zum Leben«, sagt Mark. »Man ist ständig dabei, mit Prioritäten zu jonglieren.«