STIL BIOMÖBEL Tillmann Prüfer fragt: Wohin mit den alten Stühlen und Tischen?
Der Designer Matteo Thun hat neulich bemerkt, dass die Möbelindustrie es im Gegensatz zur Mode-industrie nicht hinbekommt, ordentliche Umsätze zustande zu bringen. Das mag auch daran liegen, dass die Bekleidungshersteller sich bemühen, unseren Kleiderschrank mit Tragbarem zu füllen, die Möbelhersteller hingegen unsere Wohnung mit Kleider-schränken befüllen möchten. Davon passt nicht so viel hinein.
Schnell ist man vor die Situation gestellt, dass erst ein Schrank entfernt werden muss, bevor man wieder einen neuen in die Wohnung stellen kann. Nun gibt es leider an den Straßen Altkleider-, aber keinerlei Altmöbelcontainer. Die Möbel- entfernung ist gleichsam ein ethisches Problem. Während es immer normaler wird, einen Pullover zu entsorgen, weil er aus der vorigen Saison ist, sollen die Möbel als »zeitloses Design« ein Leben über- dauern. Und selbst wenn sie einst von den Enkeln aus der Wohnung getragen werden, ist es ihnen nicht immer vergönnt, zu verschwinden. Etliche Kreative spezialisieren sich darauf, ihnen ein zweites Leben zu geben. Begonnen hatte damit der Niederländer Piet Hein Eek. Er begann, die Patina ausrangierter Möbel zu nutzen, und zimmerte aus ihnen neue. Auch die französische Designergruppe 5.5 machte sich einen Namen mit Abfallwiederverwertung.
So geriet eine Ansammlung alter Stahlrohrhocker zu einem neuen Sitzobjekt, indem das Gerümpel geschickt ineinander verschachtelt wurde. Solches Recycling-Design ist nicht nur politisch korrekt. Es handelt sich auch stets um ein Unikat. Der einzige Nachteil ist, dass man für den Schrammel-Look, den es bietet, eigentlich gar nicht erst die Studentenmöbel aus der Wohnung hätte räumen müssen.
Schlimmstenfalls kauft man dieselben Teile zurück, die man selbst aus der Wohnung gekarrt hat. Eine andere Perspektive eröffnet Mario Chivapraphanant. Für Eric Jacobsen Design hat er eine Bank aus Biokunststoff kreiert. Sie sieht eher nach Zukunft denn nach Vergangenheitsbewältigung aus. Steht wie aus Eis gemeißelt im Raum, als ob sie jederzeit wegschmelzen könnte. So ähnlich ist es auch. Das Material lässt sich innerhalb weniger Monate biologisch abbauen. Die Bank verschwindet, bevor jemand auf die Idee kommen könnte, sie zu recyceln. Es liegt darin auch eine gewisse Tragik. Von denen, die die besten Ideen hatten, werden Archäologen einstmals wenig ausgraben können.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.M44
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