Von Peking nach Washington
Eine ungewöhnliche Besetzung: Der designierte Chefvolkswirt der Weltbank plaudert im Interview mit der ZEIT ganz locker davon, dass er sich halb als Anhänger der Marktwirtschaft verstehe, halb aber als Marxist.
Justin Yifu Lin, 57 Jahre, drückt so etwas in perfektem Englisch aus, aber mit starkem chinesischem Akzent. Mal gibt er ganz den Professor, der umständlich eine Feinheit der Agrarwirtschaft erläutert. Mal klingt er wie ein chinesischer Regierungsberater. Kein Wunder schließlich ist er ja beides. Lin nickt verständnisvoll und verzieht keine Miene, wenn das Gespräch auf kritische Dinge kommt wie den chinesischen Patentklau, auf Wechselkursdumping oder den weltweiten Wettlauf um knappe Ölvorräte. Da würde im Westen einfach maßlos übertrieben, sagt er.
Einen solchen Mann an die Spitze der gewaltigen Forschungsabteilung der Weltbank zu setzen ist ein Signal. Bis in die 1990er Jahre hinein hatten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF), maßgeblich beeinflusst von den ökonomischen Moden und den Eigeninteressen Washingtoner Regierungen, der Welt die freie Marktwirtschaft verschrieben. Wer sich Geld leihen wollte, musste seine Märkte öffnen und Haushalte zusammenstreichen. Funktioniert hat das selten - seither ist bei der Weltbank eine neue Nachdenklichkeit eingezogen.
Mit Lin kommt aber nun auch nicht der chinesische Staatskommunismus nach Washington. Der Professor hat in Peking marxistische Wirtschaftslehren studiert, aber auch an westlichen Universitäten wie der äußerst liberalen Hochschule von Chicago. Auch in westlichen akademischen Kreisen gilt er als ein anerkannter Experte zur Entwicklungspolitik.
Kenner der Innenpolitik bei der Weltbank haben ohnehin ihre eigene Erklärung für die Ernennung Lins. Westliche Staaten weigern sich nämlich im Augenblick, China mehr Abstimmungsrechte bei der Bank zuzubilligen, obwohl es seiner wirtschaftlichen Größe eigentlich entspräche. Einen Mann aus Peking in die Forschungsabteilung zu holen sei nebenbei ein gewitztes Besänftigungsmanöver.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.29
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



