SPORTJOURNALISMUS Von nun an per Sie
Vermutlich hocken sie jetzt total verängstigt in der Kabine des FC Bayern, der Olli, der Miro und der Lukas, und fragen sich flüsternd: »Hat der Waldi dir auch schon das Sie angeboten?« Irgendwann, am Ende einer Zeitenwende, soll nämlich sogar der Waldi ein Herr Hartmann sein, jedenfalls wenn es nach dem Westdeutschen Rundfunk geht, der soeben seine Definition von gutem Sportjournalismus um einige Selbstverständlichkeiten erweitert hat: Ab sofort sind Höchstleistungen kritisch zu hinterfragen und Sportler in Interviews zu siezen. Diese Richtschnur solle für Sendungen »sowohl im WDR als auch im Ersten« gelten, teilte der Sender stolz mit.
Wir freuen uns! Ein neues Comedy-Format! Nach Jahren des embedded journalism bei Fußball-WM, Biathlon und Tour de France, wo quietschvergnügte Außenreporter jubelten, als gehörten sie zum Trainerstab, wird nun solange die Etikette nur Etikett ist zu den Sportvokabeln wie »Duell«, »Dusel« und »Double« das »DuSie« kommen.
»DuSie, Lukas, kannst duSie deiIhre Leistung mal kritisch beurteilen?«
»Meinst du mich jetzt?«
Das »Sie« wird zum Brüllen sein, nicht zum Fürchten. Aber: Achtung!
Kritisch wird es, wenn sich die neuen Siezmaschinen wieder mit dem altvertrauten Du ranschleimen: »Du, Ulle, sag doch mal, wie das wirklich war, 1997 bei der Tour, tief unten im Keller des Mannschaftshotels.« Das wäre dann fast schon Recherche.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.18
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